Bürgerfest

Erster Park-Tag in Tempelhof endet mit Protesten

Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist jetzt Berlins größter Park. Rund 80.000 Berliner erkundeten das riesige Gelände am Eröffnungstag. Einige taten aber auch ihren Unmut über die Zäune kund. Auf Pfiffe folgte am Abend doch noch eine Demonstration auf dem Parkgelände, an deren Ende die Polizei eingriff.

Der erste Drachen, der im Tempelhofer Park flattert, ist selbst gebastelt. Sechs Stunden hat Hassan Ouhani (47) mit einer Freundin daran gewerkelt, hat Papier geleimt, ein Holzgerüst gebaut und aus Hunderten kleinen Papierstreifen einen bunten Drachenschwanz zusammengeklebt. 300 Meter Schnur hat er dabei. Wo früher Flugzeuge in den Himmel stiegen, soll nun der Flieger aus Papier hoch hinauf. Im kalten Wind am Sonnabendmorgen bäumt sich der Drachen vielversprechend auf, als Ouhani als einer der ersten Besucher um kurz nach neun Uhr den neuen Park betritt.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hatte kurz zuvor feierlich Tor 9 im Südwesten aufgeschlossen und ein paar Dutzend neugierige Frühaufsteher bei ihren ersten Schritten auf das Gelände angeführt. „Jetzt wird aus dem Feld ein Park“, sagt Junge-Reyer und setzt sich gleich mit den Bürgermeistern von Neukölln und Tempelhof-Schöneberg, Heinz Buschkowsky und Ekkehard Band, in ein Fahrrad-Taxi, um das neue Ausflugsziel zu erkunden.

Die ersten Besucher schauen dagegen meist etwas hilflos in die Runde, hinter sich das geöffnete Tor, vor sich mehr als 300 Hektar Nichts – etwas größer als der Park von Sanssouci. Wo soll man da anfangen? Der Tempelhofer Park erinnert mit Wind, Wiesen und Weite eher an die ostfriesische Tiefebene als an eine Grünanlage.

Zwei Jogger laufen zielstrebig mitten hinein ins Feld. Am Horizont ist zwischen Info-Ständen und Imbissbuden bereits das rote Tor zu sehen, das später Start und Ziel des IGA-Volkslaufes ist – des ersten offiziellen Programmpunkts des Eröffnungsfestes. Ein Großteil der ersten Besucher trägt daher Laufschuhe. Auch der zwölfjährige Sven Spangenberg aus Köpenick, der die 10,8 Kilometer mitlaufen möchte. „Das ist echt ganz schön groß hier“, sagt er. „Aber beim Laufen kann ich mir ja alles in Ruhe mal angucken.“

Die meisten Besucher wollen den Park für Sport nutzen – joggen, skaten, walken. „Wir haben gerade beschlossen, uns jetzt endlich mal Fahrräder zu kaufen“, sagen Horst und Monika Schneider beim Bummel über das ehemalige Rollfeld. Sie wohnen direkt um die Ecke in Neukölln – Ehrensache, dass sie den neuen Park vor der Haustür sofort in Beschlag nehmen.

Am Morgen hört man in Berlins größtem Park noch die Vögel zwitschern, mit Stille und Idylle ist es jedoch schnell vorbei. Am Nachmittag weht Grillgeruch über das Rollfeld, am Himmel tanzen Dutzende Drachen, auf der Bühne werden Rock-Oldies gespielt. Unablässig strömen die Besucher durch die Tore. Bis zum Abend zählt der Veranstalter 80.000 Gäste. Das Bürgerfest geht auch am Sonntag von 10 bis 18 Uhr unter anderem mit einem Drachenfest weiter.

Klaus Wowereit kommt um 13 Uhr. Der Regierende Bürgermeister ist bestens aufgelegt, plaudert mit Parkbesuchern, herzt kleine Kinder. Friede, Freude, Eierkuchen auf dem umkämpften Tempelhofer Feld? Nicht ganz. Während Wowereit auf der Bühne von der historischen Bedeutung des Ortes spricht, von den einmaligen Potenzialen des riesigen Areals schwärmt, vom „neuen Freizeiterlebnis“, ertönen nur ein paar Schritte entfernt Trillerpfeifen und Protest-Sprechchöre. Plakate werden in die Luft gereckt: „Macht den Zaun weg. Sonst machen wir’s.“ Die Aktivisten fordern freien Zugang zum Park, überall und vor allem rund um die Uhr. Der Senat hat beschlossen, den Zaun um Tempelhof stehen zu lassen, nur einige Eingänge zu schaffen und das Gelände bei Sonnenuntergang zu schließen. „Ich lasse mir nicht vorschreiben, wann ich den Park verlasse“, sagt ein junger Mann mit großer Sonnenbrille. „Der Zaun muss weg“, brüllen seine Mitstreiter. „Nun bleibt aber mal am Boden“, entgegnet Wowereit. „Der Zaun ist doch offen für alle, sonst wärt ihr doch gar nicht reingekommen.“ Wenig später surrt er im Velotaxi davon. Wohl dem, der Räder hat in diesem Park. Eine unübersehbare Fläche aus Beton, Asphalt und löwenzahngesprenkelten Wiesen – das Tempelhofer Feld ist nichts für Fußfaule. Veronica Hernandez hat sich für Inline-Skates entschieden, die der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg an seinem Infostand kostenlos verleiht. „Ich mag die Idee des Parks. Ich will alles sehen“, sagt die 26-Jährige und saust über die Rollbahn.

Alles sehen? American Football, Turnvorführungen, Drachenbau, Einradfahrschule, Elektromobile, Gleitschirmfliegen? Am Ende gar vom Ruf der Verschrobenheit umwehte Sportarten wie Kricket (britisch) oder Boßeln (friesisch) erproben? Das ist selbst mit Flitzern an den Füßen ein pralles Programm bis Sonnenuntergang.

„Es ist tatsächlich noch riesiger, als man es sich vorgestellt hat“, sagt Rainer Lewalter, der mit Tochter Daria aus Schöneberg gekommen ist. „Diese Weite mitten in der Stadt“, schwärmt er. An Visionen für das Feld mangelt es nicht. Nicht bei den Planern im Senat und nicht bei den Berlinern. Die Debatte um Tempelhof wird weitergehen.

Drei Festnahmen bis zum frühen Abend

Am frühen Abend demonstrieren dann 500 Menschen in Neukölln gegen den Zaun, die Nachtschließung und die geplanten Bauprojekte auf dem Flugfeld. Zunächst bleibt es weitgehend friedlich. Sicherheitskräfte sperren zeitweise Eingänge an der Oderstraße, um den Zustrom auf das Gelände aus dem Umfeld der Anti-Zaun-Aktivisten unter Kontrolle zu behalten. Die Sperrungen sorgen für Unmut und Verwirrung. Einige Besucher ärgen sich an der Parkseite zum Tempelhofer Damm, dass sie das Gelände nicht ungehindert verlassen konnten. Fahrradfahrer und Familien schimpfen.

Bis zum frühen Abend gab es laut Polizei Uhr drei vorläufige Festnahmen. Genauers konnte ein Polizeisprecher noch nicht sagen. Zudem wurden vom Veranstalter des Tempelhofer Parkfestes zahlreiche Platzverweise ausgesprochen. Unter Duldung des Veranstalters durften ab 18.30 Uhr circa 300 Menschen auf dem Rollfeld spontan für ihre Forderungen demonstrieren. Die Demonstranten kamen vorwiegend aus der linken Szene. Um 21 Uhr sollte der Park dann entsprechend der Parkordnung geschlossen werden. Etwa 50 Demonstrations-Teilnehmer weigerten sich um 21.30 Uhr aber noch immer, das Areal zu verlassen. Die Polizei griff ein und führte sie vom Gelände.

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