Neuer Park

Tempelhofer Feld - die ungeliebte grüne Mitte

Am Sonnabend wird das Tempelhofer Feld für die Allgemeinheit geöffnet. 200.000 Besucher werden dann erwartet. Nach dem Willen von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer ist der ehemalige Flughafen künftig ein Ort der Freizeit und Erholung mitten in der Stadt. Doch viele Anwohner stehen dem neuen Park skeptisch gegenüber.

Graue Wolken türmen sich über dem Sandsteinbau zu einem dramatisch verwehten Himmel. „Berlin-Tempelhof“ steht in großen weißen Lettern am Flughafengebäude, als wäre alles noch wie früher. Der Ort und der Himmel wirken wie die Kulisse eines Leni Riefenstahl-Films. Die DC-4, der Rosinenbomber, mit dem die Amerikaner 1948 und 1949 die hungernden Deutschen versorgten, steht blank geputzt unter dem Vordach. Die Rasenfläche am Rollfeld liegt weit und unbenutzt da, 220 Hektar öffentliches Grün. Nichts ist wie früher. Tempelhof wird hübsch gemacht.

Für Sonnabend werden hier 200.000 Besucher erwartet, die sich das Gelände des im Oktober 2008 stillgelegten Flughafens ansehen möchten. Mit einer großen Feier wird das geschichtsträchtige Flugfeld, einst Exerzierplatz der Kaiserzeit, Projekt des Nazi-Größenwahns, Ausgangspunkt der Luftbrücke und Symbol der Freiheit, für die Bevölkerung geöffnet. Freizeit und innerstädtische Erholung sollen hier fortan stattfinden, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wünscht sich für ihre schöne neue Parkanlage Skateboardfahrer und Picknicker, Spaziergänger und Kinder, die Drachen steigen lassen.

Filmkulisse für die 50er-Jahre

Sechs pinkfarbene Dixi-Toiletten stehen schon bereit für die große Sause zwischen Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof. Die einzigen, die hier heute spazieren gehen, sind die Sicherheitsleute. Und ein Komparse in olivgrüner Armeeuniform mit Hund. Er ist Teil der Crew eines skandinavisch-deutschen Filmsets um Jan Josef Liefers und Bill Skarsgard. Das Team dreht die Adaption von Marianne Fredrikssons Buch „Simon and the Oaks“, einer Geschichte über einen deutsch-jüdischen Buchhändler, der vor den Nazis nach Schweden flieht und in den 50ern nach Berlin zurückkehrt.

Direkt gegenüber vom Haupteingang hat Wolfgang Witzke seinen Fliegerladen „Take Off“. Seit mehr als einem Jahrzehnt verkauft er hier, am Platz der Luftbrücke, Nippes für Luftfahrtinteressierte. Er war gegen die Schließung von Tempelhof, damals, und kritisiert auch jetzt das Konzept der Stadt für die Nachnutzung des Geländes. „Das ist ja nicht mal ein richtiges Konzept, das ist bloß eine Notlösung“, findet der 51-Jährige. Er selbst hätte sich anstelle einer „lieblos gestalteten x-ten Grünanlage“ ein Luftfahrtmuseum mit Park gewünscht. Aber das jetzt – „da wurde einfach nicht nachgedacht.“ Sollte nur ein Teil der Besucher am Sonnabend mit dem Auto kommen, würden die anliegenden Straßen komplett verstopft, meint Witzke.

Diese Befürchtung teilen viele Anwohner. Schon bei vergangenen Veranstaltungen habe es Probleme gegeben, sagt Silvia Checka. Die 55-Jährige leitet die Kindertagesstätte „Buddelkiste“ am Platz der Luftbrücke und wohnt ein paar Straßen weiter in der Fliegersiedlung. „Bei der Pyronale war alles zugeparkt, niemand kam mehr durch, selbst Krankenwagen und Polizei konnten nicht in die Straßen.“ Dass nun der Park für die Allgemeinheit geöffnet wird und es jedes Wochenende so zugehen könnte, macht der Pädagogin Angst. „Der Flughafen ist so groß, wie kann es sein, dass es da so wenig Parkplätze gibt?“ Als die Amerikaner noch in Tempelhof waren, erinnert sie sich, seien bei großen Veranstaltungen immer extra Flächen zum Parken freigegeben worden. Auch um die Kinder hätte sie Angst. „Man weiß ja nicht, wer dann hier so herumlaufen wird.“

Neue Wohnquartiere geplant

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat man für solche Sorgen kein Verständnis. Parkbesucher könnten ja auf das Auto verzichten und mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. „Bei täglich bis zu 100.000 Besuchern in Spitzenzeiten können wir nicht dafür sorgen, dass ausreichend Parkraum zur Verfügung steht“, so der Sprecher der Behörde, Mathias Gille. Seit Herbst 2009 ist das Land Berlin Eigentümer des unter Denkmalschutz stehenden Flughafengebäudes und des gesamten Geländes. Als nächster Schritt ist der Bau tausender neuer Wohnungen im „Columbia-Quartier“ und im „Stadtquartier Neukölln“ geplant. Aber auch in Zukunft sei man „nicht in der Lage, dreißig- bis vierzigtausend zusätzliche Parkplätze zu schaffen.“

Im Übrigen gehe man nicht von einer so „dramatischen Parksituation“ aus, da der Park „vor allem von Anwohnern genutzt werden wird“. Abfalleimer sollen der Vermüllung entgegenwirken, ein Wachschutz dafür sorgen, dass der Park in jeglicher Hinsicht sauber bleibt. Schon jetzt existiert eine Benutzerordnung, die unter anderem verbietet, sich nachts im Park aufzuhalten.

Anwohner Gerhard Hustan ist 97 Jahre alt und lebt schon seit 60 Jahren in direkter Nachbarschaft zum Flughafen Tempelhof. Er meint: „Gemeckert wird immer.“ Fragt sich aber, wie die Behörde das 300 Hektar große Gelände rund um die Uhr überwachen will. „Der Park ist riesig und in Kreuzberg und Neukölln gibt es ja ein ziemliches Gewaltpotential, ich habe schon Angst, dass es da noch Rabatz gibt.“ Er ist skeptisch, was die schöne neue Vorzeige-Grünanlage betrifft. „Es wäre natürlich schön, wenn wir hier einen zweiten Britzer Garten hätten, aber da glaube ich nicht dran“, sagt er.

Angst vor steigenden Mieten

Die Tempelhofer Studentin Gislinde Böhringer ist da optimistischer. „Ich freue mich, dass bald jeder den Park nutzen darf“, sagt die 21-Jährige. „Es ist gut, dass mal ein bisschen Schwung in die Gegend kommt.“ Allerdings bleibe abzuwarten, wie hoch das Eintrittsgeld wird. „Wenn das zu teuer ist, gehe ich lieber wie bisher in die Hasenheide oder den Viktoriapark.“An der östlichen Seite des Tempelhofer Feldes ist man weniger erfreut über den neuen Park. Zumindest nicht im Schillerkiez. Der galt lange als Multikulti-Viertel mit günstigen Mieten.

Nach den Plänen der Stadtentwicklungsbehörde soll in den kommenden Jahren direkt nebenan das „Stadtquartier Neukölln“ entstehen, „die Adresse für städtisches Wohnen am Park“. Mancher Anwohner hat nun Angst vor Gentrifizierung; weil das Viertel rund um den Neuköllner Herrfurthplatz durch den neuen, „größten öffentlichen Park Europas“, vermutlich interessant für Investoren und Besserverdiener wird, könnten die Mieten steigen und die alte Bevölkerung verdrängt werden. „Wenn es hier dann plötzlich trendy ist, werde ich mir meine Wohnung wohl nicht mehr leisten können“, fürchtet Bewohnerin Ute Borowsky. Die 55-Jährige lebt seit drei Jahrzehnten im Schillerkiez. Zur Eröffnung des Tempelhofer Feldes am Sonnabend will sie nicht gehen. Sie sagt: „Es gibt so viel Grün hier, ich brauche keinen neuen Yuppie-Park.“

Selten hat eine Grünanlage für so viel Diskussionsstoff gesorgt wie der Tempelhofer Park. Die Gruppe „Autonome Republik Tempelhof“ hat bereits zur Störung des Festes aufgerufen. Dabei leistet die hügelige Wiese nicht nur gute Dienste für das Klima Berlins, sie ist auch eine der größten innerstädtischen Freiflächen überhaupt. Ausgerechnet am 8. Mai, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg endete, wird das Gelände nun wiedereröffnet. Vielleicht wird dann ja doch die Freude überwiegen, über die Spiel- und Liegewiesen und die Skatebahn. Vermutlich spätestens dann, wenn sich die Wolken verziehen und der Picknick-Sommer beginnt.