Nach der Wende

So wollten Architekten 1990 die Stadtmitte gestalten

Einst stand die Marienkirche mitten in der Stadt. Heute ist sie ein einsames Überbleibsel von Berlins Altstadt. Gleich nach der Wende begannen die Planungen, wie das Areal vor dem Roten Rathaus neu gestaltet werden sollte. Das Ergebnis: Zahlreiche Pläne, die nie umgesetzt wurden. Nur eine Vision Hans Kollhoffs wird bald Wirklichkeit.

Wer sich einmal umhört, was Freunde und Bekannte über die Wiederbebauung von Berlins einstiger Altstadt denken, wird man meist gefragt: „Wo war denn die Altstadt?“ Viele vermuten sie irgendwo zwischen Reichstag und Hackeschem Markt, mancher auch im Nikolaiviertel, wo die Stadt zu wachsen begann. Aber dass diese Altstadt einmal viel größer war und auch die riesige Fläche vor dem Roten Rathaus umfasste – das wissen die wenigsten Berliner. Wo sich heute zwischen Fernsehturm und künftigem Schloss ein Freiraum erstreckt, befand sich vor dem Krieg eines der dichtesten Viertel der Innenstadt, bevor es durch Kriegszerstörung und Abriss aus dem Stadtbild verschwand. Die Marienkirche steht heute beziehungslos an einem Ort, für den sich nicht einmal ein Name eingebürgert hat.

Insofern dürfte die jetzt begonnene und vom ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann in dieser Zeitung befeuerte Debatte um die Wiederbebauung dieses Areals mindestens bewirken, dass die Berliner besser Bescheid wissen über die Geschichte des historischen Zentrums. In Stimmanns neuem Buch „Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“, das Anfang Juni in den Buchhandel kommt (DOM Publishers, Berlin, 192 S., über 150 Abb., 38 Euro), wird der Leser viel erfahren über die berühmten Persönlichkeiten, die hier wohnten oder ihre Salons hatten, wie viel an Substanz noch stand nach dem Krieg und was zu Nazi- und DDR-Zeiten alles an Plänen entstand für diesen zentralen Ort .

Die Rekonstruktion des Schlosses kam zur Sprache

Nach dem Fall der Mauer dauerte es eine Weile, bis sich Architekten und Stadtplaner wieder mit dem historischen Zentrum Berlins beschäftigten. Einige der ersten Versuche, über die ehemalige Altstadt nachzudenken, entstanden im Rahmen der viel beachteten Ideenkonkurrenz „Berlin morgen“, die Ende 1990 vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main und der „FAZ“ veranstaltet wurde. Namhafte Baumeister aus aller Welt waren eingeladen worden, ihre Visionen für die Innenstadt zu zeichnen – Ideen, die im Frühjahr 1991 auch in Berlin ausgestellt wurden. Während viele der internationalen Stars extravagante, hochfliegende Ideen skizzierten, die mehr mit Kunst als mit realem Bauen zu tun hatten, gab es auch sinnvolle Anregungen. Als einziger der damaligen Teilnehmer schlug der Berliner Architekt Hans Kollhoff die Rekonstruktion des Schlosses vor, während er gleichzeitig den leeren Raum zwischen Schloss und Alexanderplatz wieder durch Häuserblocks mit Berliner Traufhöhe verdichtete. Dabei folgte er nicht den historischen Straßenverläufen, sondern schnitt die Blöcke kleiner zu, wodurch mehr Gassen entstanden.

Auch sein italienischer Kollege Mario Bellini plädierte für eine Nachverdichtung des Marx-Engels-Forums und des Areals um die Marienkirche. Zwischen der zweitältesten Kirche der Stadt und dem Roten Rathaus sah er einen großen Marktplatz vor, der von Arkadenhäusern gesäumt wurde. Von dort führte eine breite Fußgängerzone zum Schlossplatz hinüber. Auch dies war eine Neuplanung jenseits des historischen Grundrisses.

Schöne Leere - oder öde, zugige Fläche

Im gleichen Jahr wurde vom damaligen Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer das „Stadtforum“ gegründet, eine regelmäßige Diskussionsveranstaltung, die Fachleute aus allen Bereichen und Bürger versammelte, um über die großen Planungsfragen der wiedervereinten Stadt zu debattieren und Vorschläge zu formulieren. Aber erst auf einer der späteren Sitzungen befasste sich das „Stadtforum“ mit jenem zentralen Bereich. Damals bestand Einigkeit, dass dieser Ort mit Rathaus, Markt und Kirche ein Ort der Stadtbürger und nicht des Staates sein müsse. Was die künftige Gestaltung betraf, gingen die Meinungen weit auseinander. Dabei fiel schon damals auf, dass vor allem Anwohner und Bezirkspolitiker aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt die Leere als wunderbare Erholungsfläche priesen – was ja allenfalls für die Sommermonate gilt. Beobachter aus dem Westteil und auch die ausländischen Gäste beschrieben dagegen, wie sie den Ort besonders im Herbst und Winter als öde und zugige Fläche wahrnehmen, die man möglichst schnellen Schrittes hinter sich lässt.

Nur am Rande beschäftigte sich der Spreeinsel-Wettbewerb des Jahres 1994 mit dem Areal. 1105 Teilnehmer aus aller Welt sollten vor allem Vorschläge für den Umgang mit dem Ort machen, an dem damals noch der Palast der Republik stand. Der Berliner Architekt Bernd Niebuhr gewann die Konkurrenz mit einem Gebäude in den Ausmaßen des Stadtschlosses mit einem ovalen Innenhof. Für die angrenzende Freifläche bis zum Alexanderplatz hatte er eine vollständige Bebauung mit schmalen, gleich großen Häuserblocks vorgeschlagen. Doch sein Siegerentwurf verschwand in der Schublade.

"Planwerk Innenstadt": ein unentschlossener Entwurf

Bewegung kam wieder in die Debatte durch das vom damaligen Staatssekretär für Stadtentwicklung Hans Stimmann erarbeitete „Planwerk Innenstadt“. Darin ließ er von Architekten und Stadtplanern Ideen für die Nachverdichtung in vielen Bereichen der Stadt entwickeln, vom Breitscheidplatz über die Lietzenburger Straße, den Spittelmarkt bis zur Karl-Marx-Allee. In den Planwerk-Debatten mit den Bürgern über die Freifläche vor dem Roten Rathaus wiederholten sich weitgehend die Auseinandersetzungen während des „Stadtforums“. Schließlich wurde ein Kompromiss zwischen dem Status quo und einer vollständigen Bebauung geboren: Einzelne Straßenverläufe der Vorkriegszeit wurden angedeutet, die Marienkirche sollte eine U-förmige Einfassung erhalten, vor dem Roten Rathaus eine große Markthalle entstehen, außerdem hier und da ein Neubau die Freifläche rhythmisieren. Doch die Unentschlossenheit des Entwurfs konnte keine der Parteien befriedigen.

„Der erste Vorschlag des Planwerks von 1996 mag aus heutiger Sicht zu zaghaft und zu belanglos gewesen sein“, resümiert Stimmann in seinem Buch, „aber er war immerhin ein erster Versuch, das Tabu der Verstaatlichung der Altstadt durch die DDR zu brechen.“ So maßvoll die damalige Verdichtung geplant war, sie löste „einen Sturm der Entrüstung aus vor allem bei den Verteidigern und Anhängern der städtebaulichen Moderne der späten DDR in Politik, Akademien, Universitäten und Architekturverbänden“, erinnert sich Stimmann. Es sei ein Zeichen für die anhaltende „mentale Teilung“ der Stadt gewesen. Heute offenbare die Debatte nicht mehr so sehr „Ost- oder Westbefindlichkeiten“, sondern „das vergleichsweise gebrochene Verhältnis aller Bürger der Stadt zu ihrem Rathaus, zu den mittelalterlichen Klöstern, Kirchen, Synagogen, Schulen, Straßen und Plätzen“.

"Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte", das Anfang Juni in den Buchhandel kommt (Hans Stimmann, DOM Publishers, Berlin, 192 S., über 150 Abb., 38 Euro)

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