Historische Mitte

Wie Berlins Altstadt weggeplant wurde

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Isabell Jürgens

Andere Städte haben eine Innenstadt. Berlin hat keine - dafür aber jede Menge Visionen für Architektur und Städtebau. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Berliner Altstadt durch Planung und Politik ein zweites Mal zerstört. Doch bereits in der Weimarer Republik wurden die ersten Weichen für ihre Zerstörung gestellt.

In die Debatte zur Gestaltung der Berliner Stadtmitte hat sich der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann eingeschaltet. Sein Bildband mit dem programmatischen Titel „Berliner Altstadt – Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“, der Anfang Juni erscheinen wird, beschreibt den Untergang der historischen Berliner Altstadt in der radikalen „zweiten Zerstörung“ durch Planung und Politik nach 1945 und beschwört die Notwendigkeit einer „kritischen Rekonstruktion“ des historischen Stadtgrundrisses. Die Kernthesen stellt die Morgenpost Online in einer Serie vor. Im heutigen, zweiten Teil geht es um die ideologischen Wegbereiter für die Zerstörung der Altstadt.

Andere Städte haben eine Innenstadt. Berlin hat keine – dafür aber jede Menge Visionen für Architektur und Städtebau. Zu dieser nüchternen Einschätzung gelangt der Architekturhistoriker Jörn Düwel in seiner Analyse über den Umgang mit Berlins Mitte in der jüngeren Vergangenheit. Der Mitautor des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann hat untersucht, wie die ideologische Vernichtung der Altstadt dem tatsächlichen Verlust im Zweiten Weltkrieg um einige Jahrzehnte vorausgegangen ist. „Im milden Licht der Erinnerung waren die Zwanzigerjahre das goldene Zeitalter der Stadt“, schreibt Düwel. Städtebaulich jedoch wurden in der Weimarer Republik die Weichen für den Abriss der Altstadt gestellt. Das Ziel: Platz zu schaffen für die Umwandlung der Mitte in eine Weltstadt-City.

Ein Fall für die Abrissbirne

Zu den Vorschlägen einer radikalen Modernisierung des gesamten historischen Stadtkerns zählen auch die Entwürfe von Ludwig Hilberseimer. Beispielhaft ist sein Entwurf für den Bereich der Altstadt zwischen Schloss und Alexanderplatz. Der Fischerkiez ist hier ebenso vollständig beseitigt wie die übrige historische Bebauung – sogar öffentliche Bauten, wie das Rote Rathaus und die Marienkirche, sind abgeräumt. An ihre Stelle treten gleichförmige Hochhäuser. In diesen war ausschließlich Büronutzung vorgesehen. Eine wichtige Rolle im planerischen Denken spielte dabei der für die Zukunft prognostizierte „Weltstadtverkehr“. Neue Verkehrsmittel, vor allem das Auto, elektrisierten die Städtebauer. Die hochfliegenden Träume einer Weltstadt-City scheiterten schließlich nicht an Bedenken – sondern ganz schlicht an den Eigentumsverhältnissen.

Auch die Nationalsozialisten wollten die Altstadt abräumen. Nach 1933 stand insbesondere der Ausbau der Ost-West-Straßenzüge im Mittelpunkt. Als Bestandteil der vom Generalbauinspektor Albert Speer für die Neugestaltung der Reichshauptstadt geplanten riesigen Nord-Süd-Achse sollte auch die Ost-West-Achse erweitert und architektonisch neu gefasst werden. Im Süden der Altstadt war der Mühlendamm verbreitert worden, in der Mitte wurde im Zuge des Neubaus der Reichsbank der Durchbruch der Jägerstraße zum Schlossplatz vorbereitet. Nach Kriegsbeginn wurden die Bauarbeiten weitgehend eingestellt.

Zerstörung und Neubeginn

Suchten die Weimarer Republik und das Dritte Reich mit der Neugestaltung Berlins Anschluss an „die Welt“, so erkannten Politiker und Städtebauer der Nachkriegszeit in den gewaltigen Zerstörungen vor allem eine willkommene Chance für „die neue Stadt“, schreibt der Architekturhistoriker Düwel. Die Konzepte der modernen Stadt, die seit den Zwanzigerjahren von Städtebauern erträumt wurden, schienen endlich in greifbarer Nähe.

"Das Zentrum der Stadt erhält sein charakteristisches Bild durch monumentale Gebäude und eine architektonische Komposition, die der Bedeutung der Hauptstadt Deutschlands gerecht“ wird. Dieses Ziel hatte Walter Ulbricht, als Generalsekretär der SED mächtigster Mann in der 1949 gegründeten DDR, 1950 formuliert. Es blieb nicht beim Appell.

„Ulbricht verband seine Worte mit konkreten Vorstellungen zur künftigen Gestalt der Stadt“, so Düwel. Das Zentrum sollte nun ausnahmslos staatlicher Repräsentation vorbehalten sein, wobei riesige Flächen für Platzräume und Magistralen vorgesehen waren, in denen Kundgebungen stattfinden sollten. Ulbrichts Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf ein „Zentrales Gebäude“, das als Regierungshochhaus die Stadt dominieren sollte.

Voraussetzung für die Errichtung des 150 Meter hohen Hauses mit den wichtigsten Einrichtungen des Staats am vorgesehenen Standort war der Abriss des Stadtschlosses der Hohenzollern. Nachdem die SED im Sommer 1950 verfügt hatte, dass „das Zentrum der Stadt der Lustgarten und das Gebiet der jetzigen Schlossruine“ sei, stand einer entsprechenden Neuordnung des Stadtgrundrisses nichts mehr im Wege. Die rechtlichen Voraussetzungen wurden mit dem sogenannten Aufbaugesetz geschaffen, und am 6. September 1950 wurde mit der Sprengung des Schlosses begonnen.

Ulbricht hatte an die Architekten appelliert, „in der Gestaltung der Städte die grandiosen Ideen“ des Sozialismus zum Ausdruck zu bringen. „Die Architekten und Städtebauer standen vor der schwierigen Aufgabe, bloße Andeutungen in markante Bilder zu übersetzen“, beschreibt der Architekturhistoriker. Bemerkenswert ist vor allem der Vorschlag von Helmut Hennig.

In seiner Skizze bewegen sich drei mächtige Demonstrationszüge, die schließlich zu einem einzigen verschmelzen, über eine Folge großzügiger Plätze, vorbei an einem neuen Regierungsgebäude mit vorgelagerter Tribünenanlage. Parallel zu diesem Vorschlag des Magistrats hatte auch Richard Paulick, ein früherer Mitarbeiter von Walter Gropius, einen Entwurf erarbeitet. Beherrscht wird auch dieser Vorschlag von einem Regierungsgebäude, das in seiner Baumasse den benachbarten Dom in den Schatten stellt. Immerhin: Paulick wollte das Schloss stehen lassen.

Ende der Altstadt

Dem (West-)Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“ stellte die DDR 1958 mit ihrem „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung der Hauptstadt der DDR, Berlin“ ein eigenes Programm entgegen. Doch das Preisgericht stellte enttäuscht fest, dass unter allen Einsendungen „ein in der Gesamtlösung überragender Entwurf nicht vorhanden“ sei, „der einen ersten Preis erhalten könnte“. Am ehesten gefielen zwei Beiträge, die außer Konkurrenz am Wettbewerb teilnahmen. Gerhard Kosel präsentierte einen Entwurf, in dem das Regierungshochhaus nun an einer Art „Binnenalster“, einem großen Wasserbecken mit Ausflugsdampfer-Betrieb, lag, für das freilich das Nikolaiviertel geopfert werden sollte.

Diesem Vorschlag, der in der SED-Führung Beifall gefunden hatte, stellte Hermann Henselmann einen noch radikaleren Entwurf gegenüber. Doch der Vorschlag fiel durch: Anstelle eines Regierungshochhauses einen „Turm der Signale“ – also einen Fernsehturm – zu errichten, wurde offiziell entschieden abgelehnt. Doch wie man heute sehen kann, vergingen nur wenige Jahre, bis man schließlich tatsächlich in der Berliner Mitte einen Fernsehturm auf den Alexanderplatz stellte.

Ohne Rücksicht auf die Eigentümer

Der Mauerbau hatte auch für die DDR-Stadtplanungen gravierende Folgen. Nun konnte man gänzlich losgelöst von den bisherigen Eigentumsverhältnissen planen. Am deutlichsten, berichtet Düwel, wird dies wiederum an der Bebauung im Bereich des Zentralen Platzes: Das 1964 vollendete Staatsratsgebäude steht noch im Wesentlichen innerhalb der Dimension des vormaligen Baublocks. Das drei Jahre später gebaute Außenamt, als frei stehender Baukörper quer zum vormodernen Stadtgrundriss geplant, nahm auf überkommene Eigentumsgrenzen keinerlei Rücksicht mehr. „Die Verfügbarkeit und Inanspruchnahme von Grund und Boden“, so Düwel, war für die Neugestaltung der sozialistischen Mitte maßgebend.

An einem Zentralen Regierungshochhaus, das die Mitte der Stadt bilden sollte, hatte man seit 1950 unbeirrt festgehalten. Doch alle Vorhaben verliefen im Sande.

„Die SED-Führung konnte oder wollte sich nicht festlegen“, schreibt Düwel. Dies änderte sich erst, als die DDR Anfang der Siebzigerjahre nach ihrer weltweiten völkerrechtlichen Anerkennung dem Aufbau der Hauptstadt erneut Vorrang gab. Die Partei erteilte „ihren“ Architekten Ende 1972 den Auftrag, einen „Palast der Republik“ zu entwerfen. Als Leiter des Entwurfskollektivs wurde Heinz Graffunder bestimmt. Mit dem Auftrag wurde zugleich der Termin für die Eröffnung vorgegeben. Die SED beabsichtigte, 1976 im neu errichteten Palast der Republik ihren IX. Parteitag abzuhalten.

Auch mit der Fertigstellung des Palasts der Republik war die Staatsmitte keineswegs vollendet. „Der beklemmenden Ödnis, die sich noch immer zwischen Marx-Engels-Platz und Fernsehturm erstreckte“, so Düwel, begegnete man erst in den 80er-Jahren mit einem Denkmalensemble. In der Mitte einer kreisrunden Fläche von 60 Meter Durchmesser stehen die knapp vier Meter hohen Bronzefiguren von Karl Marx und Friedrich Engels auf einem Sockel. Mit diesem Ensemble, eingebettet in eine Grünanlage, gingen die städtebaulichen Aktivitäten zur sozialistischen Gestaltung der Mitte zu Ende.

"Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte", das Anfang Juni in den Buchhandel kommt (Hans Stimmann, DOM Publishers, Berlin, 192 S., über 150 Abb., 38 Euro)