Berliner Hauptbahnhof

Bahnhofsshops kämpfen für Sonntagsöffnung

Am Berliner Hauptbahnhof hatten lange Zeit alle 80 Geschäfte auch sonntags offen. Doch dann beschwerte sich die Gewerkschaft Ver.di und seitdem bleiben viele Läden geschlossen - aus Angst vor hohen Bußgeldern. Doch die Einzelhändler geben nicht auf, sie wollen die Politiker zum Umdenken bewegen.

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Bahnhofsshops protestieren gegen Sanktionen

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Die Geschäfte im Berliner Hauptbahnhof kämpfen dafür, wieder sonntags öffnen zu dürfen. Die Läden sollten dort wie in anderen Metropolen auch an 365 Tagen im Jahr für Kunden offen sein, forderte am Mittwoch die Werbegemeinschaft der dortigen Händler. Mit Protestpostkarten unter dem Motto „Willkommen in Posemuckel!“ soll bei Verbrauchersenatorin Katrin Lompscher (Linke) für eine Gleichbehandlung mit dem Flughafen Tegel geworben werden, für den es eine Ausnahmeregelung gibt. Im 2006 eröffneten Hauptbahnhof war lange geduldet worden, dass alle 80 Läden sonntags verkauften. Nach Kontrollen müssen nun 28 von 80 geschlossen bleiben.

Für Gerlinde Thom ist der Sonntag ein ganz normaler Arbeitstag. „Ich arbeite gern sonntags. Und über mehr Geld freue ich mich natürlich auch“, sagt die 47 Jahre alte Schuh-Verkäuferin. Doch weil Schuhe nach Ansicht der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz kein Reisebedarf sind, soll ihr Geschäft – wie 27 andere Läden im Berliner Hauptbahnhof auch – sonntags nicht mehr geöffnet haben.

Damit wollen sich Ladeninhaber Bernd Steinauer und die anderen in einer Werbegemeinschaft vereinten Einzelhändler im Hauptbahnhof nicht abfinden. Die Händler erinnern an die vielen teuren Image-Kampagnen Berlins, in denen sich die deutsche Hauptstadt als moderne, weltoffene Metropole und attraktives Ziel für Touristen präsentiert. „Doch ausgerechnet die größte Eingangshalle zu Berlin mit mehr als 100 Millionen Reisenden pro Jahr wird behandelt wie ein Vorort-Bahnhof“, sagt Bernd Steinauer, Sprecher der Werbegemeinschaft.

Dabei durften die Läden in dem im Mai 2006 eröffneten Hauptbahnhof zunächst ohne Probleme an allen Tagen öffnen. Das war zwar auch schon damals nicht zulässig, doch nahm niemand daran ernsthaft Anstoß. Doch 2009 beschwerte sich die Gewerkschaft Ver.di darüber. Sie verwies auf Beschwerden von Verkäuferinnen, die regelmäßig an Sonn- und Feiertagen arbeiten mussten, dafür aber nicht die gesetzlich verbrieften Zuschläge erhielten. Die Behörden untersagten daraufhin allen Geschäften, die keinen Reisebedarf anbieten, an Sonn- und Feiertagen zu öffnen.

Zunächst ließen sich die meisten Händler nicht stören, doch seit September 2009 verhängt das zuständige Bezirksamt Mitte bei Verstößen Bußgelder. Bis zu 15.000 Euro Strafe drohen. Die meisten der so Gerügten machen seither ihre Läden sonntags dicht. Das ist aus Sicht der Geschäftsleute ein Pyrrhussieg für Ver.di. Denn weil die Läden nun 20 bis 25 Prozent weniger Umsatz machen, sind nach ihren Schätzungen bis zu 80 Arbeitsplätze in Gefahr.

„Einige Geschäfte haben schon Mitarbeiter nach Hause geschickt“, sagt Fred Koltz. Der Inhaber des Swarowski-Geschäfts gehört zu den vier „Rebellen“ im Hauptbahnhof, die ihre Läden trotz Verbots auch an Sonntagen öffnen. Toni Brentrup, Inhaber eines Modegeschäfts, findet vor allem die Ungleichbehandlung im Vergleich zu Tegel für ungerecht. Während im Flughafen die Geschäfte an allen Tagen offen sein dürfen, werde den Läden im Hauptbahnhof eine solche – im Gesetz durchaus zulässige – Ausnahmegenehmigung verwehrt.

Die Senatsverwaltung hat diese Differenzierung bislang damit begründet, dass in einem Flughafen die Gefahr größer als in einem Bahnhof sei, dass ein Reisender plötzlich ohne Koffer dasteht. Daher dürften im Airport auch Bekleidungsgeschäfte sonntags öffnen. In der Praxis führt dies zu grotesken Situationen: So dürfen Läden im Hauptbahnhof am Sonntag geöffnet werden, wenn sie T-Shirts mit Ampelmännchen verkaufen, weil diese Souvenirs und damit Reisebedarf seien. Steht aber eine Bahnreisende plötzlich ohne Schuh da, weil der Absatz abgebrochen ist, darf sie im Bahnhof nicht bedient werden.

Die Initiatoren der Posemuckel-Kampagne verweisen auf den großen Imageschaden für Berlin. Denn in Metropolen wie New York, London, Rom oder Zürich sei es völlig normal, dass die Geschäften im jeweiligen Hauptbahnhof an allen Tagen im Jahr ihre Waren anbieten. Auch in München, Hamburg oder Düsseldorf gebe es mit der Sonntagsöffnung keine Probleme. „Nur die Bundeshauptstadt tut sich damit schwer“, sagt Brentrup.

Die Einzelhändler im Hauptbahnhof hoffen nun auf ein Einsehen des Senats. Der muss nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes das Ladenöffnungsgesetz überarbeiten, das den Richtern zufolge zu großzügige Sonntagsöffnungs-Regelungen enthielt. Im Zuge der Gesetzes-Überarbeitung könnte dem Hauptbahnhof ein ähnlicher Sonderstatus eingeräumt werden wie dem Flughafen Tegel. Das zumindest fordert die CDU-Fraktion in einem Antrag, der am Donnerstag ins Abgeordnetenhaus eingebracht werden soll. Auch die SPD, so Steinauer, habe in einem Brief an die Geschäftsleute signalisiert, dass sie sich eine weitergehende Regelung für den Hauptbahnhof vorstellen könnte.

Die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz hat derweil zusätzliche Sonntagsöffnungszeiten für alle Berliner Geschäfte bekannt gegeben. Sie soll es am 5. September und 7. November geben. Die Termine werden mit Veranstaltungen zusammengelegt, zu denen auch Berlin-Touristen erwartet werden. Dazu gehören im September die Internationale Funkausstellung, das Musikfest Berlin und die Jüdischen Kulturtage. Im November gibt es das Jazzfest Berlin, das Militärmusikfest, die Berliner Märchentage sowie die Messen Mineralis und Cosmetica Berlin.

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