Brandenburg

Kampf gegen Verfall des Olympischen Dorfs

Die Sportler sind seit Jahrzehnten ausgezogen. Auch die Rote Armee ist hier längst Geschichte. Das Olympische Dorf von 1936 im brandenburgischen Elstal liegt brach. Dennoch lohnt ein Besuch in der denkmalgeschützten Siedlung nahe Berlin.

Die Inschrift im rötlich-beigen Stein ist bröckelig, nur mühsam entzifferbar. Die schwarzen Umrisse der mit Stahlhelm und Waffe für den Kampf gerüsteten Soldaten im Marschschritt heben sich dagegen deutlich ab. „Möge die Wehrmacht ihren Weg immer kraftvoll und in Ehre gehen als Bürge einer starken deutschen Zukunft“, steht dort geschrieben. Alle 4000 Athleten, die 1936 hier ihr Olympia-Quartier bezogen, kamen an dem von Walter von Ruckteschell in Stein gemeißelten Gruß vorbei. Deutschland als Gastgeber der sportlichen Großveranstaltung hatte seine Propaganda im Olympischen Dorf gezielt platziert: Wer zum abendlichen Amüsement samt Bühnenprogramm ins „Hindenburg-Haus“ wollte, hätte schon die Augen schließen müssen, um die Losung zu übersehen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Rote Armee das 54 Hektar große Gelände in Elstal (Havelland) übernahm, versteckten Gips und eine rote Wandzeitung die plastisch zur Schau getragenen Expansionsabsichten der Nationalsozialisten. Erst 2006 kam das Relief wieder zum Vorschein. „Neugierige Besucher hatten am Gips gezupft“, sagt Barbara Eisenhuth, Projektleiterin der DKB-Stiftung für gesellschaftliches Engagement. Im Dezember 2005 hat die DKB-Stiftung das denkmalgeschützte, von Werner und Walter March geplante und in den Jahren 1934 bis 1936 errichtete Areal übernommen. Seither ist das Gelände zwischen April und Oktober öffentlich zugänglich.

Führungen von Hobbyhistorikern für Interessierte

Wer mehr als einen Spaziergang über das geschichtsträchtige Areal unternehmen möchte, kann sich einem ortskundigen Führer anschließen. Es sind Hobbyhistoriker, manchmal sogar Zeitzeugen, die mit dem Kulturdenkmal mehr als nur eine Ruine vor der Tür verbinden. Was die Besucher zu sehen bekommen, ist der Versuch, den rasanten Verfall der historischen Gebäude aufzuhalten. Im Februar gab es dafür die lang ersehnte Finanzspritze. Insgesamt 1,5 Millionen Euro haben Bund und Länder aus dem Bundesprogramm für Kulturdenkmäler von nationaler Bedeutung für die nächsten drei Jahre bewilligt. Weitere rund 600.000 Euro steuert die DKB-Stiftung bei.

Mit dem Löwenanteil des Geldes soll zumindest die Hülle der Schwimmhalle gerettet werden – eines architektonischen Meisterwerks, in dem einst die bis zur knapp 15 Meter hohen Decke reichenden Fenster elektrisch geöffnet werden konnten. Jugendliche hatten 1993 den Dachstuhl des Gebäudes in Brand gesetzt. Dessen Schicksal schien witterungsbedingt besiegelt. Jetzt ragen Baugerüste aus dem 25-Meter-Becken, das nicht repariert wird. Nachnutzungspläne fehlen genauso wie Investoren. Doch Barbara Eisenhuth will sich den Traum von Schwimmern, die hier wieder ihre Bahnen ziehen, nicht ausreden lassen. „Derzeit geht es jedoch um den puren Erhalt. Auch bei angrenzenden Gebäuden“, sagt die Projektleiterin. Regenrinnen und Dächer müssen erneuert werden. Stück für Stück, Monat für Monat kämpft die DKB-Stiftung gegen den Verfall an.

Rost hat die Fensterstreben an Turnhalle und Schwimmhalle zerfressen. Helle Putzflecken an grau-braunen Mauern zeugen von Sanierungsansätzen und dem Bemühen, Frost und Feuchtigkeit aufzuhalten. Die blaue Farbe an den Holztüren der Schwimmhalle ist abgeblättert, Türklinken fehlen. In den Umkleideräumen kleben Zeitungsfetzen der „Prawda“. Daneben rühmen Parolen in kyrillischer Schrift vergessene Helden des untergegangenen Sowjetreiches. Fliesen sind zerschlagen, Modergeruch hängt im Raum. Schon vor Jahren haben Devotionaliensammler Naturstein- und Muschelkalkplatten, Rasensprüher aus Messing, Buntglasscheiben und Mobiliar mitgehen lassen.

Die erste Sauna Deutschlands wurde hier aufgestellt

Reihen von Holzplatten verhindern den Blick durch die Erdgeschossfenster im einstigen „Speisehaus der Nationen“. Dicke Bohlen im Treppenaufgang sollen das endgültige Zerbröseln verhindern. Birken haben längst die als untere und obere Dorfaue gestaltete Freifläche erobert. Der Wasserstand im künstlich angelegten Teich, heute Heimstatt von Reihern und Kranichen, ist pfützengleich.

Fundamente zeigen an, wo auf besonderen Wunsch der Finnen die erste Sauna Deutschlands aufgestellt wurde. Ein kleiner Steinring im kurz gestutzten Rasen markiert den Standort der mit Schilfrohr gedeckten offenen Saftbar – heute ein Paradies für Wildschwein und Ameisen.

Dazwischen schieben sich wie falsche Zeitzeugen mausgrau-rote Plattenbauten in die Höhe. Allein die finsteren Fensterhöhlen der Fünfgeschosser überführen sie als leere Hüllen. Trotz allem ist die Bausubstanz der für russische Offiziere errichteten Wohnquartiere noch gut in Schuss. „Die Idee, sie hier ab- und in Osteuropa wieder aufzubauen, hat sich leider als unwirtschaftlich herausgestellt.“ Eisenhuth winkt ab. Es ist nicht das einzige Vorhaben, das wegen fehlender Investoren und Finanzmasse wieder in den Elstaler Boden gestampft wurde.

Vorhaben wie Lofts oder eine Open-Air-Arena liegen auf Eis

Immerhin: Den Sportplatz hat die DKB-Stiftung in den vergangenen vier Jahren wieder auf Vordermann gebracht. Die Kicker vom ESV Lok Elstal spielen sich seither im Flutlicht die Bälle zu. Vorhaben wie Lofts und Wohnhäuser für eine zahlungskräftige Kundschaft, eine DFB-Stätte, ein Museumsdorf oder eine Open-Air-Arena liegen auf Eis.

Nur Fotografen und Independent-Filmemacher schätzen die teils morbid anheimelnde Kulisse. In ihrer Mitte blitzen zwei frisch sanierte Sportlerhäuser. In einem davon, dem früheren „Haus Meißen“, hat einst der vierfache Goldmedaillengewinner von 1936, Jesse Owens, übernachtet. Zur Erinnerung an die US-Sportlerlegende wird hier am Freitag, 23. April, eine Fotoausstellung eröffnet.

Olympisches Dorf, Rosa-Luxemburg-Allee 70, 14641 Wustermark/Ortsteil Elstal. Führungen: Die Touren dauern zwei Stunden, Treffpunkt und Buchung am Haupteingang. Montag bis Freitag, 11 Uhr, Sonnabend und Sonntag, 11 und 14 Uhr. Filmvorführung "Das Olympische Dorf von 1936" auf dem Gelände: 2 Euro. Weitere Führungen (auch außerhalb der Saison) sind nach Voranmeldung möglich, Tel: 033094/710 oder info@dkb-stiftung.de ; Öffnungszeiten: April bis Oktober: Mo–Fr, 10 bis 16 Uhr. Sa–So, 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 1 Euro. 4 Euro mit Führung. Kinder unter 12 Jahren haben freien Eintritt.

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