Krawalle in Kreuzberg

Der Innensenator steht doppelt unter Beschuss

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Stefan Schulz

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Wegen der Bewertung der Krawalle zum 1. Mai steht Ehrhart Körting regelmäßig in der Kritik. Doch in diesem Jahr hat er sich noch mit etwas anderem in die Schusslinie gebracht: Mit seinem Vergleich von Steinewerfern mit Vergewaltigern. Eine „flapsige Bemerkung", sagt er. Entschuldigen will er sich nicht.

Nach den Gewaltexzessen am 1. Mai steht Innensenator Ehrhart Körting (SPD) als politisch Verantwortlicher im Fokus des öffentlichen Interesses. Es geht um die Bewertung der Krawalle und die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind. Doch in diesem Jahr steht Körting auch aus einem anderen Grund im Mittelpunkt: Seine lockere Zunge hat ihn – wieder einmal – in die Schlagzeilen gebracht.

Am Rande des Myfests in Kreuzberg hatte er am Freitag einen umstrittenen Vergleich von Steinewerfern und Vergewaltigern bemüht. Körting stellte einen Zusammenhang zwischen Sexualstraftätern und Randalierern her. Er sprach von einer sinkenden Hemmschwelle. In der „Bild“-Zeitung lautet das nicht dementierte Zitat: „Das ist wie bei Sexualdelikten: Ist die Frau erst mal ausgezogen und vergewaltigt, dann fällt es anderen leichter, auch mitzumachen.“ Diese Bemerkung sorgte auch am Sonnabend für Nachfragen von Journalisten.

Es ist nicht der erste verbale Ausrutscher des Senators, der für seine ironischen Bemerkungen und flapsigen Kommentare bekannt ist. Nicht alle mögen seinen Humor. „Zwerg Allwissend“ hat ihn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einmal im internen Kreis getauft, weil ihn seine Äußerungen in Sitzungen des Senats und der Koalition nervten. Gute Erklärungen für seine Bemerkungen hat Körting selten parat. Warum auch, bislang galt er in der Koalition trotz allem als unumstritten. Nun fragen manche, ob der 66 Jahre alte Körting am Ende seiner politischen Karriere zum Ballast für die rot-rote Koalition wird.

Eine Entschuldigung, wie es die CDU nach dem Vergleich von Steinewerfern und Vergewaltigern gefordert hatte, kommt für Körting nicht in Frage. „Ich habe von Enthemmung gesprochen und gesagt: Die Gewalttäter sind doch auch enthemmt“, ist seine Erklärung. Das sei eben „etwas flapsig“ gemeint gewesen.

Schon am Dienstagabend hatte der Senator einen ungewöhnlichen Auftritt. Einen Termin mit der Tageszeitung „BZ“ im Friedrichshainer Simon-Dach-Kiez brach er plötzlich ab, als etwa 15 vermummte Autonome sich näherten. Als die Personenschützer offenbar zum Aufbruch drängten, entfernte sich Körting schnell vom Ort des Geschehens. So schnell, dass BZ-Reporter Gunnar Schupelius sogar die Cola des Senators bezahlen musste. Eine besonders gefährliche Situation stritt Körting anschließend ab, auch der anwesende Grünen-Innenpolitiker Benedikt Lux sagte, er habe diese nicht erkennen können.

Körtings unverständliche Handlungsweisen haben sich in letzter Zeit gehäuft. Im Februar plauderte er in einem Zeitungsinterview Interna über V-Leute bei der NPD in anderen Bundesländern aus.

Selbst seine Pressesprecher können den eigensinnigen Senator bisweilen nicht stoppen. So kommt manch unüberlegte Äußerung in die Öffentlichkeit, wie zum Beispiel im Fall der „Idomeneo“-Inszenierung: Drei Jahre ist es her, dass Körting der Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, eine Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamts zur Mozart-Oper offerierte. Angesichts der geköpften Häupter der Religionsgründer Jesus, Buddha und Mohammed in der Berliner Inszenierung rechnete Körting mit Gefahren. Er sagte sinngemäß in Anspielung auf einen Anschlag: Er liebe die Deutsche Oper und wäre untröstlich, wenn sie nicht mehr da sei.

Noch etwas länger her ist es schließlich, dass er leistungsunwilligen Beamten kündigen lassen wollte. Er umschrieb das mit den deftigen Worten: „Es ist wie mit einer Fischkiste. Wenn man den einen faulen Fisch nicht herausnimmt, stinkt bald die gesamte Kiste.“ Bislang galt der Jurist Körting als Geheimwaffe Wowereits. Dieser zweifelte beim Aufbau seines zweiten rot-roten Senats 2006 nicht daran, Körting wieder mit ins Boot zu holen. Der Innenpolitiker hält mit scharfen Sprüchen zum einen die Union in Schach, öffnet Berlin aber auch für Bürgerkriegsflüchtlinge. Nun allerdings bringen ihn gerade seine flotten Bemerkungen zunehmend in Bedrängnis.