Schließung

Für die Deutschlandhalle schlägt die letzte Stunde

Der Abriss ist beschlossene Sache, das letzte Training des Eishockey-Vereins Preussen Juniors ist gelaufen. Nun ist für die legendäre Berliner Deutschlandhalle nach 75 Jahren Schluss. Nur die Einstufung als Baudenkmal könnte die Arena jetzt noch retten.

Die Abrissbirne steht bereit: Am Donnerstag hat die Berliner Deutschlandhalle nach fast 74 Jahren endgültig ihre Pforten geschlossen. Nach einem Beschluss des Berliner Senats vom 27. Mai 2008 wird die einst größte Mehrzweckhalle der Welt nach Abschluss der Eislauf-Saison abgerissen. Die Flächen werden künftig von der Berliner Messe genutzt. Bei über 7200 Sport- und Kultur- Veranstaltungen hatte die Deutschlandhalle in ihrer langen Geschichte rund 29 Millionen Besucher angelockt.

Die Wirtschaftsverwaltung habe im März dieses Jahres einen entsprechenden Antrag bei der Denkmalschutzbehörde des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf gestellt, über den aber noch nicht entschieden sei, sagte eine Sprecherin der Verwaltung. Eine Frist sei dem Bezirk nicht gesetzt. Der Eishockey-Verein Preussen Juniors, der dort trainiert, müsse das Haus jedoch bis 15. Mai räumen. Für die Abtragung des Gebäudes seien bereits rund 4,5 Millionen Euro in den Haushalt 2009/2010 eingestellt.

Der Abrissantrag wird im Bauamt des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf geprüft, über ihn soll im Mai entschieden werden. Im Rathaus ist man bereit, die Halle zu übernehmen und weiterzubetreiben. Über den Abrissantrag des Senats wird im Mai entschieden. Die Obere Denkmalschutzbehörde in der Senatsbauverwaltung könnte den Bescheid aufheben.

Hintergrund ist, dass das Gebäude heutigen Anforderungen an eine moderne Allzweckhalle nicht mehr genügt und es sich nicht wirtschaftlich führen lässt. Die Messe Berlin GmbH als Betreiber blieb in der Vergangenheit auf Verlusten in Millionenhöhe sitzen.

Erster Hubschrauber-Hallenflug vorgeführt

Die Arena, die fast 9000 Zuschauern Platz bot, war am 29. November 1935 nach neunmonatiger Bauzeit im Beisein von NS-Diktator Adolf Hitler eröffnet und bei den Olympischen Spielen 1936 für die Wettkämpfe im Boxen, Ringen und Gewichtheben genutzt worden. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Arena oft Aufmarschplatz für weitere Propaganda-Veranstaltungen der Nazis, aber auch für große Sport- Events. 1938 wurde von der Pilotin Hanna Reitsch in der Deutschlandhalle der erste Hubschrauber-Hallenflug vorgeführt. Nach der kompletten Zerstörung durch Fliegerbomben am 16. Januar 1943 wurde der Sport- und Kultur-Tempel im Bezirk Charlottenburg- Wilmersdorf erst 1957 wieder aufgebaut.

Danach erlebte die Arena ihr Blütezeit: Box-Stars wie Muhammad Ali, Bubi Scholz oder Karl Mildenberger, die Weltklasse-Reiter Josef Neckermann und Nelson Pessoa oder Tennis-Crack Boris Becker faszinierten die Berliner. „Diese Halle ist ein Stück Deutschland und wird es immer bleiben“, prognostizierte einst Heinz Warneke, der in den 70er Jahren als Hallen-Direktor fungierte. Ab 1960 machten auch die Rad-Matadore dem Sportpalast mit Sechs-Tage-Rennen Konkurrenz.

Gegen den Widerstand des Deutschen Fußball-Bundes wurde 1971 in der Deutschlandhalle das erste Hallen-Fußball-Turnier auf deutschem Boden ausgetragen. Bereits ein Jahr später war der Fußball unter dem Dach in der Winterpause nicht mehr wegzudenken – die Deutschlandhalle hatte dafür den Weg bereitet. Auch die Alba-Basketballer fanden hier ihre Heimstatt und feierten 1995 mit dem Gewinn des Korac-Cups ihren größten internationalen Erfolg.

Dachkonstruktion galt jahrelang als einzigartig

Als Show-Bühne nutzten unter anderen die Rolling Stones, Jimi Hendrix, The Who, Johnny Cash und Queen die Deutschlandhalle. Die Zirkus-Veranstaltung „Menschen-Tiere-Sensationen“ fand 48 Mal zur Weihnachtszeit hier statt. In Erinnerung ist aber auch, dass bei der Show am 20. Januar 1940 die Hochseilartistin Camilla Mayer in den Tod stürzte, als ein Mast brach.

Die 117 Meter lange und 83 Meter breite Dachkonstruktion der Mehrzweck-Halle galt jahrelang als einzigartig und als historisches Wahrzeichen der Ingenieur-Baukunst in Deutschland. Mit der Errichtung von Max-Schmeling-Halle und Velodrom verlor die Deutschlandhalle Mitte der 90er Jahre an Bedeutung, es begann der Prozess des langsamen Sterbens. Schon 1997 wurde die Halle geschlossen, weil die notwendige Sanierung zu teuer schien. Letztendlich wurde die marode Arena doch aufwendig renoviert, aber seit 2001 fast nur noch von den Eishockey-Teams der Preussen Juniors genutzt. Bis heute ist im Senat ungeklärt, wie sich der Denkmal-Status der Deutschlandhalle mit dem im März 2009 beantragten Abriss verträgt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.