Rückzug nach Stuttgart?

Daimler macht Druck auf die Berliner Belegschaft

Für den damaligen Daimler-Chef Edzard Reuter war es eine Herzensentscheidung. Das Unternehmen sollte mit wichtigen Bereichen nach Berlin. Heute erwägt die Konzernführung den Rückzug nach Stuttgart. Oder ist das bloß eine Drohung? Denn gleichzeitig will Daimler in Marienfelde eine neue Generation von Elektromotoren entwickeln und produzieren.

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Es waren patriotische Gefühle für die soeben wiedervereinigte Hauptstadt, die 1990 den damaligen Daimler-Chef Edzard Reuter zu seinem Engagement für Berlin motivierten. Als sichtbares Zeichen der Zuversicht in die Zukunft der Stadt, so schrieb Reuter später, beschloss der Auto-Konzern, „gewisse Leitungsfunktionen nach Berlin zu verlegen“. In der Folge wuchs die Daimler-City am Potsdamer Platz, wo derzeit fast 2000 Mitarbeiter den Vertrieb und die Finanzierung der Mercedes-Fahrzeuge und anderer Marken besorgen.

Auf solche Ökonomie-fremden Gefühle mag der Konzern heute keine Rücksicht mehr nehmen. In Stuttgart wird ernsthaft erwogen, die zentralen Bereiche aus Berlin abzuziehen und in Stuttgart zu zentralisieren. Betroffen sind von diesen Überlegungen 1200 Mitarbeiter der Mercedes Benz Vertrieb Deutschland, 500 Beschäftigte der Daimler Financial Services AG sowie die Belegschaften einiger kleinerer Gesellschaften.

Gerüchte über anstehende Veränderungen schwirren schon länger durch die Gänge des gelben Daimler-Towers. Aber diesmal haben die Hinweise eine neue Qualität. Bei so genannten „Townhall-Meetings“ wurden mittleren Führungskräften nach Informationen von Morgenpost Online die Verlagerungsabsichten mitgeteilt. Auch die Belegschaftsvertreter wurden inzwischen offiziell angesprochen.

Dem Betriebsrat sei am Dienstag von den Unternehmensspitzen das Szenario einer Rahmenkostensenkung übermittelt worden, sagte der für Daimler in Berlin zuständige IG-Metall-Gewerkschafter, Klaus Abel, der in der Berliner Verwaltungsstelle der zweite Bevollmächtigte ist. Dabei sei eine Zentralisierung in Stuttgart angedroht worden, oder die Beschäftigten sollten sich bereit finden, über tarifliche Standards zu verhandeln und dem Konzern entgegenzukommen, sagte Abel.

Aber der Autobauer pokert nicht nur mit seinen Mitarbeitern, sondern auch mit seinem Vermieter. Die schwedische SEB-Bank hatte die Daimler-City mitsamt dem Hotel „Grand Hyatt“, dem Musical-Theater und den Potsdamer Platz Arkaden 2007 für 1,4 Milliarden Euro von Daimler erworben. Nun ist zu hören, die Miete sei den Stuttgartern zu teuer. Auch auf der Gebäudeseite ist man vom Reden zum Handeln übergegangen: Ein Insider sagte, ein Immobilienunternehmen sei bereits beauftragt, Nachmieter für die Daimler-Gesellschaften zu suchen. Gleichzeitig habe das Unternehmen aber einen anderen Makler engagiert, um mögliche billigere Standorte in Berlin zu suchen. Der Zeit ist nun reif dafür: Denn in zweieinhalb Jahren könnten die Daimler-Leute den angeblich kostspieligen Sitz im gelben Turm aufgeben.

Ein Sprecher der Mercedes Benz Bank in Stuttgart, der für die Financial Services zuständig ist, sagte, der Mietvertrag laufe bis 2012. Was danach passiert, darüber sei noch keine Entscheidung getroffen. Es würden aber verschiedene Optionen geprüft. „Bis 2012 sind wir erst mal hier“, sagte auch die Sprecherin der Vertriebs-Gesellschaft.

Die Arbeitnehmervertreter sind nach ersten Reaktionen durchaus bereit, mit den Chefetagen über die Kosten für ihre Arbeit zu reden. Gewerkschafter halten das Szenario eines Wechsels nach Stuttgart eher für ein Druckmittel gegenüber der Belegschaft. Dennoch sagt IG-Metall-Vize Abel: „Wir sind gesprächsbereit, um die Arbeitsplätze in Berlin zu erhalten.“

Während der für Finanzen, Controlling und die Finanz-Dienstleistungen zuständige Daimler-Vorstand Bodo Uebber in Berlin Sparpotenziale heben will und dabei auch den einst von Edzard Reuter geschaffenen Standort der Zentral-Funktionen in Frage stellt, setzt Daimler in anderen Bereichen voll auf Berlin. Das Werk Marienfelde hat sich im konzerninternen Wettbewerb um die Entwicklung und Produktion einer neuen Generation von Elektromotoren durchgesetzt. Ab 2012 sollen ins Getriebe integrierte Elektromotoren für Hybrid-Fahrzeuge in Berlin vom Band laufen, teilte Daimler jetzt mit.

Der Standort übernehme damit die Fertigung einer zukünftigen Schlüsseltechnologie. Im Werk Berlin werde eine Halle mit 4000 Quadratmetern umgebaut. 40 Millionen Euro werde Daimler investieren, um den neuen Motor zu entwickeln und zu fertigen. 50 Mitarbeiter werden dafür benötigt.

Berlins Industrie-Lobbyisten zeigten sich voll des Lobes für die Daimler-Entscheidung. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sagte, Berlin könne damit „an seine großen Kompetenzen im Bereich der Elektrotechnik anknüpfen und sie mit innovativen Zukunftstechnologien verbinden“. Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände, sprach von einem wichtigen Baustein, um Berlin „dauerhaft als Stadt der Zukunftsindustrien“ zu positionieren“.