Umstrittene Berliner Carlofts erhalten ein Café

In Kreuzberg entsteht ein Luxus-Wohnprojekt: ein Haus mit 11 Wohnungen und Parkplätzen auf dem Balkon, sogenannten Carlofts. Doch daran fand vor allem die linke Szene wenig Gefallen. Immer wieder wurde der Komplex das Ziel von Anschlägen. Ab April soll ein Café alle miteinander versöhnen.

Foto: M. Lengemann

Hierhin sollen also bald alle Kiezbewohner kommen, jung und alt, arm und reich, Ausländer und Deutsche. Recep Sacik steht in der Mitte des Raums, hält eine Skizze in der rechten Hand und zeigt mit dem Zeigefinger auf die noch unverputzte Wand, die in einigen Tagen olivgrün gestrichen wird. „Davor werden Regale mit Weinflaschen stehen“, sagt der 54-Jährige. Er blickt nach rechts: „Dort werden wir eine Sitzecke mit Ledersesseln einrichten.“ Hier die Bar, dort fünf Holztische, da zwei Stahlskulpturen eines Kreuzberger Künstlers. So soll es am 26. April aussehen.

Dann will Sacik an der Kreuzung Reichenberger Straße/Liegnitzer Straße in Kreuzberg das Café „Vesper“ eröffnen – ausgerechnet im Erdgeschoss des umstrittenen Carloft-Komplexes. Elf Luxuswohnungen wurden hier in einem Neubau errichtet, die billigste kostet knapp 500.000 Euro, die teuerste 2,5 Millionen Euro. Der Clou ist: Man nimmt sein Auto per Aufzug mit auf den Balkon.

„Ich könnte es mit nicht leisten“

Sacik zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich könnte es mir eh nicht leisten”, sagt er und steigt über ein paar Holzbretter. Sacik kümmert sich um seine Baustelle im Erdgeschoss, die Etagen darüber interessieren ihn nicht.

Dafür ist das ganze Haus im Visier der linken Szene. Seit dem Baubeginn Mitte 2007 gab es 20 Attacken auf die Carlofts. Fensterscheiben wurden mit Steinen eingeworfen, Farbbeutel gegen die Hauswände geschleudert. Der letzte Anschlag wurde im Dezember verübt. Vor dem Gebäude steht nun ein Container, in dem Tag und Nacht ein Sicherheitsmann sitzt und das Geschehen beobachtet. Die letzten Zwischenfälle konnte aber auch er nicht verhindern.

Linke Aktivisten sagen: Dieser ganze Komplex ist ein Symbol für soziale Ungerechtigkeit und Verdrängungsprozesse in Berlin – und das ausgerechnet in diesem Viertel mit niedrigem Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit. Kurzum: Sie fühlen sich durch das Projekt bedroht, haben Angst vor steigenden Preisen in angrenzenden Einkaufsläden und Kneipen. Die Betreiber sagen: Carlofts sind die Lösung für Parkplatznöte in Großstädten.

Café-Betreiber Sacik sieht das alles pragmatisch. „Ich finde es schlimm, wenn Minderheiten attackiert werden. Ich als Ausländer bin eine Minderheit, und die Carloft-Bewohner sind es auch. Man sollte sie in Ruhe lassen“, sagt der gebürtige Türke. Und er fügt hinzu: „Jeder soll leben, wie er will.“ Johannes Kauka ist der geschäftsführende Gesellschafter der Carloft GmbH. Er kann die Aufregung um sein Projekt nicht verstehen. „Wir verdrängen niemanden, wir wollen ein Miteinander, eine gesunde Struktur. Dort der Vietnamese, hier die Boulangerie – so ist es und so soll es bleiben”, sagt er. „Außerdem wird wegen elf Wohneinheiten kein ganzes Viertel umgekrempelt. Das ist doch Unsinn.“

Bis Anfang 2009 wollten die Carloft-Betreiber alle Wohnungen verkaufen, aber Kauka hat bis heute nach eigenen Angaben erst sieben an den Kunden gebracht.

Doch seine Gegner sind sich sicher: So viele sind es im Leben nicht. Will aus Angst vor Anschlägen niemand einziehen? Erreichen die Anschläge ihr Ziel? „Nein“, sagt Kauka, „das hat alles nichts mit den Attacken zu tun.“ Die Baufirma sei Pleite gegangen, „nur deswegen sind wir in Verzug.“

Carlofts wollen expandieren

Schlimm findet Kauka das aber nicht. Bei der Carloft GmbH schmieden sie größere Pläne. „Kreuzberg ist nur der Ort, an dem die Idee entstanden ist“, sagt er, „wir wollen die Carlofts jetzt überall errichten. Zum Beispiel in New York und Mexiko City.“ Carloft ist das weltweit erste patentierte Immobilienprojekt – und laut Kauka „überhaupt nicht abgehoben“.

Zeigen wollen die Carloft-Betreiber das nun mit dem Café „Vesper“. Hier wird Sacik ab Ende April mit seiner Frau Senay, 39, täglich von acht bis 20 Uhr seine Gäste bedienen. „Alle können kommen“, sagt Carloft-Betreiber Kauka. Eine Tasse Kaffee soll 1,60 Euro kosten, ein Stück Kuchen 1,40 Euro und eine Suppe 2,90 Euro. Zum Start gibt's 30 Prozent Rabatt auf alles. Vorher werden Werbeflyer in die Briefkästen geworfen. Sacik setzt auf Bioprodukte: Bio-Milch, Bio-Kaffee, Bio-Tee.

Sacik wohnt seit 40 Jahren in Kreuzberg. Er kennt den Bezirk und die Bewohner: „Ich glaube, es wird hier keine Probleme geben. Die Leute werden das Café annehmen.“ Und wenn nicht? Was ist, wenn Steine fliegen? „Wenn ich mich für etwas entscheide, ziehe ich das auch durch“, macht Sacik klar. Sein Angebot: „Wer will, kann bei uns gerne über Carloft diskutieren. Wir sind offen für alles.“

Dass auch linke Aktivisten das Dialog-Angebot annehmen, ist jedoch fraglich. Tim Laumeyer, Sprecher der Antifaschistischen Linken Berlin, fordert eine Umwandlung aller Carlofts in eine soziale Begegnungsstätte: „Nur dann können wir uns mit dem Projekt anfreunden.“

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