Nord-Neukölln

Eingreiftruppe kämpft gegen soziale Missstände

Im Problemkiez Okerstraße hatten die Anwohner immer wieder mit überbelegten Wohnungen, Rattenplagen und der Verwahrlosung von Kindern zu kämpfen. Die "Task Force Okerstraße" kämpft gegen die Missstände, die vor allem unter Rumänen und Roma-Familien herrschen. Allerdings kommt es deswegen zu Anfeindungen.

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Die Okerstraße im Norden von Neukölln ist in den vergangenen Jahren durch aggressive Jugendgruppen und rumänische Straßenkinder aufgefallen, durch verwahrloste, überbelegte Wohnungen und intensiven Rattenbefall in einigen Häusern. Anwohner beschwerten sich. Das Quartiermanagement Schillerpromenade sah sich überfordert. Das Bezirksamt Neukölln reagierte und gründete eine Arbeitsgruppe: die Task Force Okerstraße (TFO) mit 14 Mitgliedern, die verschiedenen Bereichen der Verwaltung angehören. Auch das Quartiermanagement ist vertreten. Am Mittwoch hat die Arbeitsgruppe eine erste Zwischenbilanz nach eineinhalb Jahren Arbeit vorgestellt.

Größtes Problem waren Rumänen, die im Sommer in großer Zahl nach Berlin kamen und in Häusern an der Okerstraße lebten. „Einmal pro Woche fuhr ein Bus voller Menschen vor“, sagt Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauftragter von Neukölln und Sprecher der Task Force. Bis zu 20 Personen hätten zusammengepfercht in Wohnungen gelebt, deren Größe nur für drei bis fünf Bewohner geeignet war. Die „Eingreiftruppe“ besichtigte Häuser an der Okerstraße und erteilte Auflagen an die Eigentümer. Rattenbefall, Schimmel und Feuchtigkeit waren zu beseitigen.

Die Vertreter der verschiedenen Ämter nahmen die Überbelegung und die Kinder, die nicht gemeldet waren und nicht zur Schule gingen, ins Visier. Die Hauseigentümer wurden auch zur Beseitigung von Baumängeln verpflichtet. Im Ergebnis der Aktionen sei der Zustrom der Rumänen abgeebbt, der wöchentliche Bus fahre nicht mehr zur Okerstraße, sagt der Migrationsbeauftragte Mengelkoch. Er räumt jedoch ein, dass es sich vermutlich um eine Verdrängung handele.

Die Arbeitsgruppe tagt alle zwei Monate. Sie hat nicht nur die Okerstraße, sondern auch andere Problembereiche wie Hermannstraße, Leinestraße und Schillerpromenade im Blick. In der Task Force arbeiten Mitarbeiter von Jugend- und Gesundheitsamt, Bauaufsicht, Schulverwaltung und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, aber auch der Polizeiabschnitt 55 und die Arbeitsgruppe Integration und Migration der Polizeidirektion 5. „Jeder macht seine Arbeit wie früher auch“, sagt Arnold Mengelkoch. Aber man stimme sich miteinander ab. Wenn Gefahr im Verzug ist, dürfen die Beteiligten auch Daten über Personen austauschen.

Zielgruppe der Task Force sind auch die Roma-Familien, die vor Jahren als Kriegsflüchtlinge nach Berlin kamen und seither im Umfeld der Okerstraße leben. Viele von ihnen würden die Angebote für Migranten nicht nutzen und nicht einmal kennen, sagt Quartiermanagerin Kerstin Schmiedeknecht. Diese Familien sollen unterstützt und zu mehr Eigeninitiative angeregt werden. Damit ist der Verein Integra beauftragt. Er hat Räume an der Okerstraße 44 gemietet hat. Sechs Sozialarbeiter, die Rumänisch, Türkisch und Serbokroatisch sprechen, sind im Einsatz.

Für Jugendliche wird an jedem Freitag mitternächtliches Box-Training angeboten. Die Sozialarbeiter gehen mit den jungen Leuten in den Jugendklub im Kiez. Kinder der Roma-Familien kommen nachmittags in die Vereinsräume, bekommen Hilfe bei Hausaufgaben, spielen und kochen. Eltern können eine Beratung in ihrer jeweiligen Heimatsprache bekommen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene würden individuell betreut und bei Bedarf zu Ämtern und Gesundheitseinrichtungen begleitet, sagt Projektleiter Murat Acar. Das Projekt wird bis 2011 aus dem Programm „Soziale Stadt“ mit insgesamt 220.000 Euro finanziert.

Im Quartiermanagementgebiet Schillerkiez leben etwa 20.000 Menschen. Mehr als 75 Prozent haben nichtdeutsche Wurzeln. Wie hoch der Anteil der Roma-Familien ist, kann laut Task Force nicht angegeben werden. Der Kiez sei „arm und gebeutelt“, sagt Quartiermanagerin Schmiedeknecht.

Wegen der Arbeit der Task Force sieht sich das Quartiermanagement seit Monaten den Angriffen linksautonomer Gruppen ausgesetzt. Das Büro sei Ziel von Demonstrationen, von Plakat- und Flyer-Aktionen, sagt Kerstin Schmiedeknecht. Scheiben seien zerschlagen und Jalousien beschädigt worden.