Berliner Verkehrsbetriebe

Tauentzien wird im Herbst zur Großbaustelle

Vom kaum sichtbaren Riss bis zum großflächigen Loch - Berlins U-Bahntunnel haben Tausende schadhafte Stellen. 400 Millionen Euro Sanierungskosten wird die BVG in den kommenden Jahren aufbringen müssen. Ab September wird es am Tauentzien massive Verkehrsbehinderungen geben.

Foto: ddp / DDP

Der Tauentzien wird im Herbst zu einer riesigen Großbaustelle. Grund dafür ist die notwendige Sanierung des U-Bahn-Tunnels unter der Einkaufsmeile, der auf einer Länge von etwa 200 Metern von außen abgedichtet werden muss. Von baubedingten Sperrungen werden auch die Kaufhäuser KaDeWe und Peek&Cloppenburg betroffen sein. Die Verkehrslenkung Berlin rechnet für die Zeit vom 1. September 2009 bis 31. Julii 2010 mit "erheblichen Verkehrseinschränkungen". Es soll aber zu keiner Vollsperrung des Tauentzien kommen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollen den genauen Zeitplan und den Umfang der Verkehrseinschränkungen aber noch mit dem Bezirk und den betroffenen Einzelhändlern abstimmen.

Doch der Tauentzien wird bei Weitem nicht die einzige Baustelle der BVG belibe. Tausende Schäden wurden an den U-Bahn-Tunneln entdeckt.

Ortstermin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Tempelhof: Selbst BVG-Vorstandschef Andreas Sturmowski war gekommen, um mit Journalisten in den Untergrund zu gehen. Seine klare Botschaft aus den Staubwolken der Baustelle heraus: Ja, es gibt Schäden im Berliner U-Bahn-Netz. Wir kennen sie ganz genau. Und: Es gibt keinerlei Gefahr für die Nutzer der U-Bahn.

Anlass für die Exkursion am späten Donnerstagabend waren Warnungen – etwa vom Wirtschaftsstadtrat des Bezirkes Mitte, Joachim Zeller (CDU) – vor einem stark zunehmenden Schwerlastverkehr in der Innenstadt, der nicht nur die Straßen ramponiere, sondern auch die Sicherheit der U-Bahn-Tunnel gefährde. Als besonders betroffen hat das Tiefbauamt in Mitte unter anderem das Gebiet rund um den Hausvogteiplatz eingestuft.

BVG-Vorstandschef Sturmowski bestätigte nun, dass die bis zu 100 Jahre alten U-Bahn-Tunnel an vielen Stellen beschädigt sind. Seit Ende der 1990er-Jahre hätten BVG-Gutachter und externe Experten insgesamt 10.000 Schäden – vom kaum sichtbaren Riss bis zum großflächigen Loch – entdeckt, dokumentiert und in eine von drei Schadensklassen eingestuft. Aktuell seien aber nur zehn Defekte in die höchste Schaden-Kategorie1 (Schäden, von denen eine unmittelbare Betriebsgefahr ausgehen könnte) eingeordnet. "Alle diese Schadstellen sind sofort mit geeigneten technischen Mitteln gesichert worden und werden noch in diesem Jahr beseitigt", versicherte Uwe Kutscher, zuständiger BVG-Abteilungsleiter für die U-Bahn-Infrastruktur. Weitere 50 Stellen müssten regelmäßig kontrolliert werden.

Die Schäden seien vor allem Folge von eingedrungener Nässe, die den Stahl in den Wänden rosten und den Beton bröckeln lässt. "Es ist nicht der zunehmende Lkw-Verkehr, der unsere Tunnelanlagen gefährdet", betont Uwe Kutscher. Bereits die Haltbarkeit der 23 Kilometer Tunnel, die noch in der Kaiserzeit gebaut wurden, sei auf Achslasten von bis zu zehn Tonnen ausgelegt worden. Selbst die schwersten derzeit in der Stadt fahrenden Lkw hätten keine höhere Achslast. Für Neubautunnel gelte inzwischen eine Achslast von 20 Tonnen als unkritisch.

Ganz wird das Risikopotenzial des Lkw-Verkehrs für die Tunnel nicht verneint. Denn, so berichten die BVG-Experten, das für die Tunnelwände gefährliche Wasser dringt vor allem durch Risse in den Fahrbahndecken in den Tunnel ein. "Darin liegt ein mittelbarer Zusammenhang zum Schwerlastverkehr, sofern die darunter befindliche Tunneldecke bereits vorgeschädigt ist."

Welche zerstörerische Wirkung die Nässe im Tunnel haben kann, macht das BVG-Sanierungsprojekt "Kuhfell" deutlich. Unter diesem Namen wird ein 160 Meter langer Tunnelabschnitt am U-Bahnhof Tempelhof saniert. Die Linie U6 wird dafür jeweils ab 22 Uhr zwischen Tempelhof und Platz der Luftbrücke gesperrt. Die Bauarbeiter haben dann fünf Stunden pro Nacht Zeit, in "Pilgerschritten" – kleinen Bauabschnitten von zwei bis drei Metern – die Tunnelwände zu sanieren. Mit Infrarotkameras werden zunächst die durchnässten Stellen in der Wand aufgespürt und mit roter Farbe gekennzeichnet (es entsteht dabei ein Muster wie bei einem Kuhfell). Dann werden der lose Beton abgeklopft, korrodierte Stahlstreben entweder mit Sandstrahl vom Rost befreit oder durch neuen Baustahl ersetzt, zum Schluss werden die Löcher mit Spritzbeton verfüllt. "Der Tunnel ist stabiler als zuvor", sagt Kutscher. Die Kosten allein für das Projekt "Kuhfell": 2,5 Millionen Euro.

1999 hat die BVG mit der planmäßigen Sanierung ihres 120 Kilometer langen U-Bahn-Tunnelnetzes begonnen. Bereits 100 Millionen Euro – Geld aus Sonderprogrammen des Bundes und des Berliner Senats – wurden bisher dafür ausgegeben. Für die bis 2030 geplante Sanierung des Gesamtnetzes sind 400 Millionen Euro kalkuliert.

In diesem Jahr hat die BVG rund 30 Millionen Euro für die Sanierung von Viadukten und Tunneln eingeplant. Dabei wird nicht nur im Innern der Bauwerke gearbeitet. Ebenso wichtig ist es, schadhafte Isolierungen zu erneuern. Wichtigstes Projekt ist die Abdichtung der Tunneldecke westlich des U-Bahnhofs Wittenbergplatz. Dafür müssen aber Bäume gefällt und Fahrspuren auf der Tauentzienstraße teilweise gesperrt werden. Betroffen von den Einschränkungen sind auch die Kaufhäuser KaDeWe und Peek&Cloppenburg. Beginn soll im Herbst sein, der genaue Terminplan wird mit dem Bezirksamt und den Anrainern noch besprochen. Weitere Außenabdichtungen sind im Zuge der Karl-Marx-Allee (U5) und im Bereich des Bahnhofs Mohrenstraße (U2) geplant.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.