Arbeitsmarkt

Berlins Firmen brauchen ältere Arbeitskräfte

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Marion Meyer-Radtke

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Nur 30 Prozent der 55- bis 64-Jährigen in Berlin arbeiten derzeit. Doch das wird sich ändern - zwangsläufig, denn den Firmen gehen in den kommenden Jahren die jungen Fachkräfte aus. Künftig werden sie auf Ältere setzen müssen. Das erfordert eine bessere Qualifizierung dieser Arbeitnehmer und ein Umdenken der Firmen.

Die Region Berlin und Brandenburg steuert auf einen enormen Fachkräftemangel zu, der nur durch den Einsatz von älteren Beschäftigten abzumildern sein wird. „Bis 2025 wird das Angebot an Arbeitskräften in Brandenburg um eine Viertelmillion Menschen zurückgehen“, sagte Margit Haupt-Koopmann, Leiterin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, in Berlin. Zugleich werde der Altersdurchschnitt der Beschäftigten in beiden Bundesländern in den kommenden Jahren rasant steigen. „Das heißt für die Unternehmen, dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit mit einer deutlich gealterten Belegschaft halten müssen.“

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Bonn, die Haupt-Koopmann vorstellte, wird die Zahl der Arbeitskräfte in Berlin und Brandenburg bis 2025 in allen jüngeren Altersgruppen zum Teil dramatisch sinken. Nur die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen wird sich vergrößern – und zwar deutlich.

Während in Berlin die Zahl der Erwerbspersonen zwischen 15 und 24 Jahren von 2007 bis 2025 voraussichtlich um 20 Prozent schrumpfen wird, wird im gleichen Zeitraum die Gruppe der ältesten Arbeitskräfte um 30 Prozent zulegen. Ihr Anteil an der Erwerbsbevölkerung wird dann von 13 auf 17,4 Prozent steigen.

"Dann wird jeder gebraucht"

Weitaus heftiger noch wird sich die demografische Entwicklung in Brandenburg auswirken. Denn während in der Hauptstadt die Zahl der Erwerbspersonen insgesamt vermutlich nur um 3,8 Prozent auf 1,77 Millionen zurückgehen wird, muss Brandenburg damit rechnen, in den kommenden 15 Jahren mehr als 250.000 Arbeitskräfte zu verlieren. Im Vergleich zu 2007 sind das 18,6 Prozent der Erwerbsbevölkerung.

Zwei demografische Phänomene werden dem Arbeitsmarkt in Brandenburg schon sehr bald ein völlig neues Gesicht geben: das Altern der Babyboomer-Generation, die zwischen den späten 50er-Jahren und dem Ende der 60er-Jahre geboren wurde, und der heftige Geburtenknick in Ostdeutschland nach der Wende.

So wird die Gruppe der 55- bis 64-jährigen Arbeitskräfte in Brandenburg bis 2025 um 42,7 Prozent wachsen, wie das IAB vorhersagt. Fast im gleichen Maße aber werde die Zahl der 15- bis 24-Jährigen sinken – um 39,1 Prozent. „Insgesamt liegt der Anteil der jüngeren Erwerbspersonen bis 34 Jahre Ende 2025 nur noch bei 23,2 Prozent“, heißt es in der IAB-Studie. 2007 machte diese Gruppe noch ein Drittel aller Arbeitskräfte aus.

Nur wenige Betriebe haben das Problem schon erkannt

„Das Altern der Beschäftigten wird eine der ganz zentralen Herausforderungen dieses Jahrzehnts“, sagte Haupt-Koopmann. Wenn das Angebot an Arbeitskräften so kräftig sinke, wie für Brandenburg errechnet, „dann wird jeder gebraucht, und zwar qualifiziert“, sagte sie. „Denn so viele Junge wachsen nicht nach.“

Bisher ist aber offensichtlich noch zu wenigen Unternehmen klar, welche Entwicklung da auf sie zukommt. Nur vier Prozent der Betriebe hätten in einer Befragung durch das IAB die Alterung der Beschäftigten als Problem bezeichnet, sagte Haupt-Koopmann. Bei betrieblichen Weiterbildungen liege der Anteil der älteren Beschäftigten nach wie vor bei unter zehn Prozent.

„Wir müssen zu einer anderen Alterskultur in den Betrieben kommen“, mahnte die Juristin. Bislang gebe es in den Unternehmen noch zu viele Vorurteile, obwohl eine ganze Reihe von Studien gezeigt habe, dass die älteren Arbeitnehmer den jüngeren in ihrer Leistungskraft in nichts nachstünden. Auch deshalb sei der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter den 55- bis 64-Jährigen noch sehr gering.

In Brandenburg gehen zurzeit 36 Prozent dieser Altersgruppe einer entsprechenden Arbeit nach, in Berlin sogar nur 30 Prozent. Doch auch die Älteren müssten in Zukunft mobiler werden und sich stärker fortbilden, mahnte Haupt-Koopmann.

Bei der Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Krisenjahr 2009 sei die gesamte Region „mit einem doppelt blauen Auge davongekommen“. In Berlin sei die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Jahr nur um 1,4 Prozent gestiegen. Bundesweit habe der Zuwachs fünf Prozent betragen. In Brandenburg sank die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zu 2008 sogar um sechs Prozent.

Brandenburg ist schon "mittendrin"

Die Gründe für die stabile Arbeitsmarktlage in der Region seien vielfältig, sagte Haupt-Koopmann. Der geringe Anteil an Industriebetrieben und der starke Anteil an krisenfesten Branchen wie der Gesundheitssektor und die Dienstleistungsbranche gehörten dazu. Die Kurzarbeit habe gegriffen. Zudem sei die Brandenburger Wirtschaft wenig exportabhängig. Besonders die exportabhängige Industrie hatte im vergangenen Jahr unter der Krise der Weltwirtschaft zu leiden.

In Brandenburg sank 2009 aber auch die Zahl der Arbeitskräfte. Das habe zum Rückgang der Arbeitslosigkeit beigetragen, sagte Haupt-Koopmann. Es gebe in Brandenburg Anzeichen für die demografische Entwicklung, die die IAB-Studie vorhersage. „Wir sind schon mittendrin.“