City West

Leerstand lässt Kudamm vor sich hin dämmern

An Berlins Traditionsboulevard stehen immer mehr Läden und Büros leer. Auch alteingesessene Geschäfte wie das Pelzhaus Lösche schließen, die zahlreichen Kinos von einst sind fast alle verschwunden. Neumieter sind immer öfter angesagte Modemarken, die bereit sind, die hohen Mieten zu bezahlen. Die City West soll entstaubt werden, aber ein Gesamtkonzept fehlt.

Vielleicht liegt es daran, dass die vielen Ausverkaufsschilder schon so lange am Kurfürstendamm hängen, dass sie keiner mehr ernst nimmt. All die wohlfeilen Versprechungen von Prozenten, Rabatten, oder auch lustige Scherze wie jener gewollte Tippfehler: „Wir schießen … mit kleinen Preisen“. Alles nur Koketterie mit dem Konkurs? Das könnte man glauben – stünden nicht immer mehr Läden und Büros am Kudamm leer, an Berlins längstem Einkaufsboulevard und dem mit der größten Geschichte.

Auch das renommierte Pelzgeschäft Lösche am Kudamm 220 hat seine Rabattschilder schon so lange im Fenster, dass viele Kunden nicht glauben wollen, was jetzt Gewissheit ist: „Wir schließen unser Geschäft Ende März“, sagt Inhaber Udo Heiler. 41 Jahre war Heilers „Pelz Lösche“ am Kudamm Ecke Meinekestraße die Adresse für Nerz und Zobel in Berlin. Wer was auf sich hielt unter den Schönen und Reichen des alten West-Berlin, kam hierher. Nun habe der Vermieter den Vertrag nicht verlängert, sagt Heiler.

"Pelz Lösche“ zählt Schauspieler und Fernsehgrößen wie Mario Adorf und Dieter Kronzucker zu seinen Kunden. Unter den ersten war vor der legendäre Sänger Ivan Rebroff, der gern in Pelzmützen auftrat. Einmal habe dieser bei ihm einem Zobel erstanden, erinnert sich Heiler, „für damals ungefähr 80.000 Mark“. Mit Dieter-Thomas Heck verbindet den Pelzhändler eine lange Freundschaft. „Vor der Hitparade kam er immer mit seinen Leuten zu uns.“ Sogar „Miss Ellie“ aus der TV-Serie „Dallas“, die US-Schauspielerin Barbara Bel Geddes, habe bei Lösche einen Nerz erstanden, sagt Heiler. Doch Dallas am Kudamm ist lange her.

Läden fehlen neue Mieter

Allein 25 oder 30 Geschäfte stehen zwischen Halensee und Gedächtniskirche momentan leer. Die Zahl an sich sei eigentlich nicht besorgniserregend, gemessen an der Länge der Straße von 3,5 Kilometern, meint Peter-Michael Riedel. Er ist Vorsitzender des Kurfürstendamm e.V., einer Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden. Andererseits hat er beobachtet: „Gerade im oberen Teil finden nicht alle Geschäfte sofort neue Mieter.“

Oft sind nicht Krise oder Konkurs Grund zur Geschäftsaufgabe. In vielen Geschäften hängt neben der Ausverkaufswerbung gleich eine neue Adresse, wo man künftig zu finden ist. Auch Pelz Lösche wird weiter für seine Kunden da sein. „Wenn wir geeignete Räume in guter Lage finden, machen wir weiter“, sagt Heiler. „Wir waren bereit, eine höhere Miete zu zahlen, aber der Vermieter ist nicht an der Verlängerung des Vertrags interessiert. Er plant offenbar die Neuvermietung an eine große Modekette“, so Heiler. Und auch Pelz Lösche wird irgendwie an der alten Adresse bleiben – in der vierten Etage. Heilers eigentliches Geschäft ist seit jeher der Großhandel. „Dieser und auch der Verkauf gehen in der vierten Etage weiter, wo wir auch unsere Büros und das Lager haben.“

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg e.V., sieht vorerst keinen Grund zu Besorgnis. „Um diese Jahreszeit gibt es überall an Geschäftsstraßen einen gewissen Leerstand.“ Der Kudamm müsse sich immer wieder neu erfinden. Doch man gerät schon ein wenig ins Grübeln, in welche Richtung diese Neuerfindung geht. Es beginnt in Halensee mit der ehemaligen Filiale des VW-Händlers Eduard Winter. „Wir ziehen im September in die Franklinstraße“, informiert ein Schild älteren Datums. Ein neuer Mieter scheint nicht in Sicht. Das Design-Möbelgeschäft Ligne Roset signalisiert auf der anderen Straßenseite schon seit Wochen mit riesigen Plakaten den allerletzten Schlussverkauf „wegen Aufgabe dieser Filiale“. Ein paar Hausnummern weiter wird ein Saab-Händler vermisst. Auch hier: Wegweiser zu anderen Filialen.

Weiter Richtung Innenstadt sind Modegeschäfte wie Sonja Rykiel und Tod's verschwunden, eine große Apollo-Optik-Filiale fehlt. Eine leere Ladenzeile wird vom Vermieter in riesigen Lettern auf Russisch, Chinesisch und Spanisch angepriesen. In einem Fenster prangt seit Monaten das Schild eines italienischen Designers: „Coming soon“. Und auch das Erdgeschoss der einstigen Filmbühne Wien (Nr. 26) steht schon wieder leer. Das Kino, eines der ältesten der Stadt, wurde vor zehn Jahren geschlossen. Zuletzt hatte darin eine Dalí-Ausstellung ihren Platz.

Manch alteingesessenem Berliner mag auch der Burger King gegenüber fehlen – es war einer der ersten Fast-Food-Filialen in der Stadt. „Zu vermieten“, steht jetzt in der Tür. Nur ein Schlüsseldienst am Halensee-Ende hat ein anderes Schild aufgehängt: „Seit 40 Jahren am Kudamm.“ Es klingt fast trotzig.

An anderen Ecken dauern die Probleme schon lange an. Das leer stehende „Haus Cumberland“ am Kudamm 193/194 ist ein über die Jahre ergrauter Jugendstilpalast, an dem sich ab und an Touristen die Nasen plattdrücken wie an einem Dornröschenschloss. Das Wachküssen fällt offenbar schwer. "Haus Cumberland“ sollte eigentlich längst verkauft sein. Nun sucht der Eigentümer, die Orco Germany, offenbar einen neuen Käufer. „Die Immobilie ist wieder am Markt“, bestätigt CDU-Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler.

Wie also weiter mit dem Kudamm? Ideen zur Belebung des Boulevards mit dem angestaubten Image gibt es viele. Und viele sind bereits gescheitert. Zuletzt, im vergangenen Herbst, wurde die „Lange Nacht des Shoppings“ kurzfristig abgesagt. Einige Unternehmen wollten sich an den Kosten für Werbung, Organisation und Rahmenprogramm nicht mehr beteiligen, hieß es. Die Wahrheit ist wohl auch, dass nicht alle Jahrmarkt, Musik und Shows als tragfähiges Konzept erschienen, um den Ruf des Kudamms zu retten.

"Filialisierung ist ein Riesenproblem“

Neue Ideen hat die Werbeagentur Ad Agenda ein Konzept erstellt. Aufraggeber ist die Arbeitsgemeinschaft City, Interessenvertretung vieler Gewerbetreibender, der Schaubühne und anderer Institutionen der westlichen Innenstadt. „Wir setzen auf die vier Stärken des Kudamms“, sagt Jörg Drischmann, Geschäftsführer der Werbeagentur, „auf Tradition, Viefalt, Größe und Internationalität“. Der Kudamm samt seinen Seitenstraßen sei „das größte zusammenhängende Einkaufsgebiet Deutschlands“.

Die Ad-Agenda-Werber empfehlen neben der städtebaulichen Wiederherstellung des alten Boulevards vor allem attraktivere Veranstaltungen. „Vielleicht im Frühjahr und ohne Jahrmarktbuden“, so Drischmann. Den Leerstand sieht auch er kritisch. „Die Filialisierung ist ein Riesenproblem.“ Doch so lange Hauseigentümer allein den Mietzins im Auge hätten, sei dagegen wenig zu machen.

Kritik übt Drischmann jedoch auch an den Anrainern selbst. „Was fehlt, ist trotz aller Fortschritte eine gemeinsame Linie“. Er schlägt vor, 2011 zum 125. „Geburtstag“ des Kurfürstendamms ein großes Band über den gesamten Straßenzug zu spannen. Gemeint ist das wohl als Zeichen, dass man an einem Strang zieht. Doch man könnte es auch als eine Art Feigenblatt sehen.

Denn dass die Nachbarschaft am Kurfürstendamm nicht immer gut funktioniert, zeigt auch das Beispiel der „lustigen“ Tippfehler-Werbung „Wir schießen“. In der Damenboutique nebenan hängen jetzt ähnliche Schilder. „Wir schließen wirklich“, bestätigt die Verkäuferin, sie kann mit dem Scherz wenig anfangen. Seit 20Jahren arbeite sie in der Boutique, sagt sie. Im Jahr zuvor sei das Geschäft an einen anderen Besitzer gegangen, doch es half nichts. „Zu wenig Laufkundschaft.“ Warum, weiß sie jedoch auch nicht.

„Eigentlich hatte der Kudamm seine schweren Jahre überwunden, als nach der Wende alle nach Mitte gingen“, sagt die Verkäuferin. Doch auch nachdem Luxusgeschäfte wie Louis Vuitton, Valentino oder Hermes an den Kurfürstendamm zurückkehrten, lief es in dem kleinen Geschäft nicht besser.

Wenn die Boutique schließt, ist auch für die Verkäuferin Schluss. „Man hat uns gekündigt“, sagt sie, ihre Kollegin nickt. Doch seien sie zuversichtlich, einen neuen Job zu finden, sagen die beiden. „Geschultes Personal wird ja hoffentlich weiterhin gebraucht, ob nun am Kudamm oder anderswo.“

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