Fall Charlyn

Bombenleger Peter J. bestreitet Tötungsabsicht

"Wer so handelt wie der Angeklagte, der will töten", sagte Oberstaatsanwalt Jörg Wetzel im Prozess um den Anschlag in Berlin-Rudow. Peter J. hatte eine Bombe im Briefkasten seiner Schwester deponiert, Nichte Charlyn wurde bei dem Attentat schwer verletzt. Doch J. bestreitet eine Tötungsabsicht, und seine Verteidigung plädiert auf verminderte Schuldfähigkeit. Am 22. Januar urteilen die Richter.

Wie lange muss Peter J., der „Briefkastenbomber“ von Rudow, für seine Tat hinter Gitter? Diese Frage wird in der kommenden Woche beantwortet. Dann, wenn die 29. Große Strafkammer beim Landgericht Moabit am 22. Januar ihr Urteil gegen den wegen versuchten Mordes angeklagten 33-Jährigen verkündet. Das teilte die Vorsitzende am Mittwoch am vorletzten Verhandlungstag des seit August laufenden Prozesses mit.

Das Urteil wird im Wesentlichen davon abhängen, ob dem Angeklagten, dessen selbst gebastelter Sprengsatz Ende 2008 den rechten Arm der kleinen Charlyn zerfetzte, eine Tötungsabsicht nachgewiesen werden kann. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, ihr Vertreter beantragte schon am Montag eine lebenslange Freiheitsstrafe. „Wer so handelt, der will töten“, sagte Oberstaatsanwalt Jörg Wetzel wörtlich. Der Verteidiger hingegen beantragte am Mittwoch in seinem Plädoyer lediglich eine „schuldangemessene“ Strafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Zudem verlangte er, die seinem Mandanten attestierte Persönlichkeitsstörung bei der Festsetzung der Strafe zu berücksichtigen.

Die bei Peter J. festgestellte Persönlichkeitsstörung spielte im gesamten Prozess eine zentrale Rolle. Die Tat selbst konnte in der Hauptverhandlung zügig und unspektakulär geklärt werden. J. hatte schon unmittelbar nach seiner Festnahme gestanden, im Briefkasten an der Wohnung der Familie seiner Schwester in Rudow einen Sprengsatz installiert zu haben.

Es waren die Begründungen und Rechtfertigungsversuche des 33-Jährigen, die immer wieder ungläubiges Staunen und Unverständnis bei Prozessbeteiligten und Beobachtern auslösten. Mal beschuldigte J. seine Schwester und deren Ehemann, für einen Einbruch in seine Wohnung verantwortlich zu sein, mal konfrontierte er einen als Zeugen geladenen Mann mit dem Vorwurf, den Einbruch begangen zu haben.

Ominös waren auch die Schilderungen des Angeklagten von einem Termin beim Jobcenter Mitte. Dort will er mitbekommen haben, wie andere Wartende sich über Details eines Anschlages auf sein Leben unterhielten. Bis heute gibt es weder für den Einbruch noch für einen geplanten Anschlag auch nur den geringsten Beweis. Der vom Gericht bestellte Gutachter attestierte dem Angeklagten vielmehr Wahnvorstellungen und ausgeprägte Rachefantasien. Der sich gegen die Familie seiner Schwester richtende Hass und das Rachebedürfnis haben sich nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zunehmend aufgebaut und verfestigt.

Die Staatsanwaltschaft kam ebenso wie der Gutachter zu dem Schluss, der Angeklagte sei trotz seiner psychischen Störungen schuldfähig, der Verteidiger widersprach dem mehrfach, auch am Mittwoch in seinem Plädoyer. Auch eine Tötungsabsicht seines Mandanten sei nicht bewiesen, so der Anwalt. Auch J., der am Mittwoch als Angeklagter das letzte Wort hatte, beteuerte erneut, er habe nicht töten, sondern nur verletzen wollen: „Allerdings nicht Charlyn, die war die Einzige, die ich mochte.“ Das letzte Wort haben jetzt die Richter.