Premiere in Berlin

Die wahre Geschichte des Films "Friendship!"

Filmproduzent Tom Zickler ("Keinohrhasen") kommt ins Kino: 1990 brach der Ostberliner mit einem Freund in die USA auf. Aus der echten Ossi-Odyssee ist nun die Komödie "Friendship" geworden. Für Morgenpost Online hat Zickler sein privates Fotoalbum des irren USA-Trips geöffnet.

Am 18. März 1990 lag das Studiogelände Potsdam-Babelsberg schon am frühen Nachmittag verlassen da. Es goss in Strömen, und die Angestellten waren längst nach Hause gegangen. Während der kollektive Freudentaumel über den Mauerfall in Berlin anhielt, herrschte hier große Unsicherheit. Der Regen hämmerte auf die Außenkulissen, als wollte er sie einfach fortspülen. Keiner der Filmschaffenden wusste so recht, wie es weitergehen würde mit dem einst größten staatlichen Filmkonzern der Welt – der Defa.

Der damals 23 Jahre alte Filmstudent Tom Zickler saß zur selben Zeit einige Straßenecken weiter mit ein paar Kumpeln in der Potsdamer Albert-Einstein-Straße 15. Sie diskutierten bei viel Rotwein über Zukunftspläne und ihr Studium. „Wir wussten nicht, ob die Filmhochschule überhaupt weiter existieren würde“, erinnert sich Tom Zickler. So fassten er und sein Freund Veit Jungnickel an diesem Abend einen Entschluss: Sie wollten nach San Francisco zur Golden Gate Bridge.

„Ich dachte, jetzt ist der beste Zeitpunkt ein Jahr mit dem Studium zu pausieren“, sagt Zickler. Zwar besaß er kaum Geld und konnte so gut wie kein Englisch, aber für ein Ticket bis New York reichten die Ersparnisse. Sie wollten Trucks statt Trabbis und Burger statt Broiler. Vom Big Apple aus, so hofften die Freunde, würden sie schon irgendwie weiterkommen. So mussten sich die Jungs auf ihrer Reise mit allerlei Gelegenheitsjobs über Wasser halten. „Ich habe sogar einmal in einem Club gestrippt“, sagt Zickler. Klingt nicht unbedingt nach der lang ersehnten Selbstbestimmung. Zickler störten die Jobs jedoch nicht. „Die Brücke symbolisierte Freiheit für mich – sprich, wenn ich die erreiche, kann ich überall hin kommen“, sagt der 45-Jährige.

Naiv-verrückte Ossi-Odyssee

Er glaubt, dass fast jeder in der DDR so ein Ziel im Kopf hatte. „Für den einen war es, einmal bei einem Fußballspiel der Bayern dabei zu sein, für andere Paris, und für mich war es dieses wunderschöne Bauwerk.“ Dass aus der naiv-verrückten Ossi-Odyssee jetzt, knapp zwanzig Jahre später, ein Kinofilm werden würde, dachte er nicht.

In seinem Büro in der Backfabrik an der Saarbrücker Straße sitzt Tom Zickler auf einer hellen Couch unter den Plakaten seiner Filme. „Knocking’ on Heaven’s Door“, „One Way“ und „Keinohrhasen“ sind einige die er, gemeinsam mit Til Schweiger, auf die Leinwand brachte. „Für mich stand schon mit zwölf fest, dass ich ins Filmgeschäft will“, sagt Zickler und spielt mit einem blauen Feuerzeug. „Ich wollte ursprünglich Kameramann werden“, so der Produzent. Auslöser für diesen Wunsch war eine alte 8-mm-Kamera, die sein Vater ihm schenkte.

Ein Job als Märchenonkel

Mit siebzehn bewarb er sich an der Babelsberger Filmhochschule und bekam auf Anhieb einen Platz. Bevor der Traumberuf jedoch erlernt werden durfte, musste Zickler seinen Militärdienst leisten. Und der wurde ihm zum Verhängnis. Bei einer simulierten Flugabwehr auf einem Monitor fiel auf, dass der junge Mann keineswegs Freunde und Feinde des sozialistischen Staates auseinanderhalten konnte. „Da gab es eben rote und grüne Punkte, die sollten natürlich die Guten und die Bösen darstellen. Ich konnte die Punkte nicht unterscheiden, für mich sahen die alle gleich aus, und so kam es in der Simulation quasi zu einem Weltkrieg. Ich bekam richtig Ärger, weil man natürlich dachte, ich sei ein staatsfeindlicher Querulant.“ Zickler ist jedoch schlicht farbenblind.

Das Aus bei der Armee bedeutete parallel das Aus für seine Karriere als Kameramann. „Nicht mal in der DDR wollte man noch schwarz-weiß Filme drehen“, sagt er lachend. Der Studienplatz wurde ihm verweigert. Damals hing das Bild von der Golden Gate Bridge in seinem Zimmer und schien ein unerreichbarer Wunschgedanke zu bleiben. Einer, der ihn, wie er sagt „weiter antrieb“. Ein anderes Berufsfeld in der Filmbranche musste her. „Ich bin nun mal ein Geschichtenerzähler, und da das moderne Medium dafür der Film ist, brauchte ich eine neue Idee.“ Und tatsächlich bekam er schnell eine Chance, als zeitgemäßer Märchenonkel zu arbeiten. „Ich kam als Assistent der Produktionsleitung bei der Defa unter und habe an diversen Märchenfilmen mitgearbeitet.“

Kalkulation statt Kamera, so die neue Devise – Zahlen im Auge behalten konnte er gut. „Und es war eine hervorragende Lehrzeit“, sagt Zickler. Schließlich musste er große Teams von bis zu 200 Menschen organisieren und jedes noch so kleine Detail kalkulieren: „Alles! Von Tausenden Nägeln à zwei Pfennig, die für die Kulissen gebraucht wurden, über Hunderte Meter Stoffe für die Kostüme bis zu den Gehältern der Komparsen und Schauspieler.“

Karrieresprung mit Til Schweiger

Bis zu 2000 Komparsen saßen täglich für verschiedene Produktionen in einem eigenen Aufenthaltsraum. „Das war schon manchmal ein absurder Anblick“, sagt Zickler. Da sprachen sowjetische Soldaten mit Märchenfiguren, schicke französische Mädchen in Volantröcken und KZ-Häftlinge aßen gemeinsam zu Mittag. Nur eins brauchte der angehende Produzent zu Defa-Zeiten nie zu besorgen: Geld. „Das waren alles Auftragsproduktionen. Wenn ein Drehbuch genehmigt wurde, war das Geld vom Staat auch da.“

Wenn Zickler Filme wie seinen aktuellen Kinohit „Zweiohrkücken“ produziert, sieht das ganz anders aus. „Geld zu beschaffen, gehört dann zu einer meiner Hauptbeschäftigungen“, sagt er. Richtig los ging Zicklers Karriere im Jahr 1995, als er den noch recht unbekannten Schauspieler Til Schweiger kennenlernte. „Ich betrieb mit meinem Freund Andre Hennicke so eine kleine Filmklitsche und wir trafen uns mit Til.“ Sie verstanden sich auf Anhieb und begannen mit einem gemeinsamen Projekt: Die Komödie „Knocking’ on Heaven’s Door“ wurde zwei Jahre später der erfolgreichste deutsche Kinofilm.

In der Not kamen die Pornos

Nur einmal, 2002, da ging das Geldbesorgen bei Zickler ziemlich schief. „Im Zuge der Kirch-Medien-Insolvenz bekam ich für diverse Produktionen, die meinen Firma schon getätigt hatte, plötzlich keine Bezahlung“, sagt Zickler. Das sei eine schlimme Zeit für ihn gewesen. „Ich hatte einen Berg Schulden.“ Wieder mal war eine neue Idee gefragt. „Ich brauchte schnell Kohle“, sagt er. Und da er eben, wie er selbst sagt, nichts anderes kann, als Filme machen, entschied sich Zickler, in eine lukrative Branche zu gehen: die Pornoindustrie. „Ich dachte mir, dass kann doch nicht so schwer sein, und schrieb Drehbücher für erotische Filme.“ Finanziell ging es leicht bergauf. 2005 startete dann die neue Zickler-Schweiger-Produktion „Barfuss“. „Und ich war wieder da, wo ich hin gehöre“, sagt Zickler. „Ins Kino.“

Im selben Jahr wurde Zickler erstmals darauf angesprochen, ob man nicht aus seiner Zeit in den USA einen Film machen könne. „Ich war skeptisch“, sagt er. Dennoch flog er nach Los Angeles besprach für Regisseur Markus Goller Kassetten mit seinen Erlebnissen. 2008 wurde die Komödie „Friendship!“ gedreht, Dienstag ist Premiere. Vielleicht wird der Film über Zicklers Erfahrungen jetzt ja auch ein Kassenschlager.

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