Einzelhandel

Berlin ist die Hauptstadt der Shopping-Malls

Ob Potsdamer Platz Arkaden oder Borsig-Hallen in Tegel – die Kunden drängen in Berlins glitzernde Konsumtempel. Doch die Schattenseiten der überall aus dem Boden gestampften Shopping-Center sind vielen Kunden nicht bewusst.

Foto: picture-alliance / Berliner_Kuri

Gut gelaunt schlendern die Freundinnen Britt, Louise und Anastasia durch die im September vergangenen Jahres eröffnete Shopping Mall Alexa. Mit seinen 180 Läden ist das zweitgrößte Berliner Einkaufszentrum den Stewardessen für ihre Freizeitgestaltung gerade recht. "Hier finden wir alles wetterunabhängig unter einem Dach", sagt Britt Bugallal.

Die 26-Jährige ist mit ihrer Meinung nicht allein: An heißen Tagen scheinen die klimatisierten Einkaufszentren der Hauptstadt einen besonderen Reiz auszuüben. Ob Potsdamer Platz Arkaden in Berlins neuer Mitte oder Borsig-Hallen in Tegel - die glitzernden Konsumtempel sind gut gefüllt.

Die Schattenseite dieses Trends ist vielen Kunden dagegen nicht bewusst. Die gewaltigen Baublöcke saugen die Kundenströme ein, das Umfeld verödet. Das hat die Berliner Architekturprofessorin Kerstin Dörhöfer jetzt in ihrer als Buch veröffentlichten Studie "Shopping Malls und neue Einkaufszentren" festgestellt.

Schnelle Ausbreitung

Und der Boom ist längst noch nicht vorbei: Heute wird in Neukölln Richtfest für das Einkaufszentrum "HermannQuartier" an der Hermannstraße gefeiert, in der kommenden Woche feiern auch "Die Mitte" auf dem Alexanderplatz sowie die Shopping Mall "Tempelhofer Hafen" in Tempelhof den Abschluss der Rohbau-Arbeiten.

In keiner anderen deutschen Großstadt haben Shopping Malls sich in so kurzer Zeit ausgebreitet wie in Berlin. Nirgendwo lässt sich daher besser untersuchen, welche Auswirkungen die großformatigen Einkaufsparadiese auf das öffentliche Leben in der Stadt haben.

So lag es für Kerstin Dörhöfer nahe, sich dem urbanen Wandel in der Hauptstadt zu widmen. Stundenlang hielt sich die 65-Jährige dafür in ihren Forschungsobjekten auf und untersuchte minutiös, wie die Gebäude die Kunden einfangen und versuchen, sie möglichst lange in ihrem Inneren zu halten.

Aktuell listet die Industrie- und Handelskammer (IHK) 58 Einkaufsmeilen im Berliner Stadtgebiet auf, im Umland der Hauptstadt befinden sich weitere 15. Die Professorin hat sich für ihre Studie nur auf jene Zentren konzentriert, die mehr als 10 000 Quadratmeter Verkaufsfläche haben - derzeit immerhin 41 - und seit 1992 aus dem Boden gestampft wurden. Zehn dieser Zentren hat die Forscherin dabei genauer unter die Lupe genommen.

Zu den untersuchten Zentren gehören etwa die Spandau Arcaden, das Forum Köpenick oder die Gropius Passagen. "Die ersten beiden sind, wie die meisten dieser Shopping Malls, dem Typ Alcatraz zuzurechnen", so Kerstin Dörhöfer. Wie in dem berüchtigten Zuchthaus in der San Francisco Bay liegt dabei in der äußeren Kastenform ein lang gestreckter innerer Raum über mehrere Etagen mit Galerien an den Längsseiten, die durch Brücken miteinander verbunden sind. "Die Wachdienste in den Spandau Arcaden sehen zudem aus wie in amerikanischen Gefängnisthrillern", stellt die Autorin eine weitere Parallele fest.

Indoor-Citys

Dem einfachen Schema der linear aufgereihten Geschäfte mit einem "Anker" an beiden Enden steht der Typ der Gropius-Passage gegenüber: ein verwirrendes Labyrinth mit einem relativ zentral gelegenen glasüberdachten Rondell, von dem aus die Galerien abgehen. "Doch egal, welche Form die Einkaufszentren haben, das Ziel ist immer, die Kunden möglichst lange im Inneren zu halten", so die Expertin. Das gelinge durch raffinierte bauliche Tricks.

So ist die innere Straße, an der sich die Geschäfte aufreihen, meist nicht breiter als sechs Meter, damit die Kunden zwischen den Läden hin- und herpendeln können. Befindet man sich im Inneren der Mall, ist der Blick nach außen verwehrt, die Besucher sollen ja schließlich nicht wieder hinausgelockt werden. Oft leiten Muster im Fußbodenbelag die Besucherströme zu den einzelnen Shops.

Um der Langeweile im Inneren vorzubeugen, sind die meisten Center mit Wasserspielen, Pflanzenschmuck und Skulpturen aufgepeppt, in manchen, wie etwa dem "Schloss" in Steglitz, sorgen Diaprojektionen von Unterwasserwelten am Passagendach für Unterhaltung. Zudem gibt es häufig Sonderausstellungen und Aktionen, wie etwa in der vergangenen Woche eine Versteigerung von Bahn Fundsachen in den Gropius Passagen. Restaurants, angegliederte Freizeit-Angebote wie etwa ein Bowling-Center, Kinos oder die "Kindercity" im Alexa am Alexanderplatz haben aus den Einkaufs-Tempeln regelrechte "Indoor-Citys" gemacht.

Längst sei im Inneren der Passagen das zielbewusste Durchwandern mit dem Einkaufszettel in der Hand von einem ziellosen "mäandern" der Kundschaft abgelöst worden. "Die Einkaufszeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von 20 Minuten auf vier Stunden erhöht", so Dörhöfer.

Gläserner Kunde

Sorgfältige und intensive Untersuchungen des Einkaufsverhaltens - etwa mittels hauseigener Kreditkarten, versteckter Kameras und elektronischer Schwellen im Fußboden - hätten längst den gläsernen Kunden geschaffen, auf dessen Einkaufshäufigkeit, Wahl der Waren und Zahlungsbereitschaft gezielt eingegangen werde.

Der verständliche Wunsch der Betreiber, die Kunden gleichsam einzusaugen und im Inneren zu halten, sei jedoch fatal für die Innenstädte: "Die Hoffnung, dass Shopping Malls problematische Innenstadtlagen beleben, erfüllt sich in der Regel nicht." So hätten etwa die Gropius Passagen, mit 85 000 Quadratmetern das größte Berliner Einkaufszentrum, der Karl-Marx-Straße die Kaufkraft abgezogen. Der implantierte Monolith, der meist auf brach liegenden Bahngleisen, Lagerflächen oder an Stelle von Abrissgebäude entstehe, sei nicht geeignet, andere Mittelpunkte der Stadt wie Plätze, Kirchen oder Theater zu vernetzen. "Die Shopping Mall dominiert das Umfeld, sie kapselt sich ab, ist nach außen geschlossen und in sich gekehrt." Die Politik, so fordert sie, müsse bei weiteren Genehmigungen dieses Bautyps darauf achten, "dass diese sich mehr dem Umfeld öffnen."

Belebung am Stadtrand

In ihrer Würdigung der unterschiedlichen Berliner Einkaufszentren kommt die Autorin Kerstin Dörhöfer zum Teil aber auch zu versöhnlicheren Urteilen. So könnten die Shopping Malls dort, wo es einen wirklichen Bedarf und zu wenig Angebote gebe - etwa in den Großsiedlungen am Rand der Stadt - zu einer wirklichen Bereicherung und Belebung des Wohnumfeldes kommen.

Kerstin Dörhöfer: "Shopping Malls und neue Einkaufszentren. Urbaner Wandel in Berlin". Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2008. 190 S., 141 Farb-und 5 S/WAbb., 22 Strichzeichnungen, 4 Karten

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