Schule

Zu viele Berliner Kinder bleiben sitzen

Die Zahl der Sitzenbleiber in Berlin ist zu hoch. Besonders der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund ist auffallend groß. Dabei ist das Wiederholen einer Klassenstufe in Berlin gar nicht mehr zwingend notwendig. Doch Lehrer machen von der Möglichkeit, schwache Schüler trotzdem zu versetzen, kaum Gebrauch.

Foto: ZB / ZB/DPA

Bisher hat keine der öffentlichen Schulen Berlins von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, das Sitzenbleiben sowie das Probehalbjahr abzuschaffen. Gleichzeitig bewegt sich die Zahl der Schüler, die eine Jahrgangsstufe wiederholen, seit den vergangenen fünf Schuljahren auf etwa gleichbleibend hohem Niveau.

Der Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft an der Zahl der Wiederholer ist sogar stetig angestiegen. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine kleine Anfrage des Bildungspolitikers Özcan Mutlu (Grüne) hervor. Die Zahl der tatsächlichen Sitzenbleiber dürfte sogar noch höher sein als die der angegebenen Wiederholer, da in der Statistik jene Schüler fehlen, die die Schule verlassen, statt ein Schuljahr noch einmal zu absolvieren.

Zusätzliche Mittel für Förderung

„Die Zahlen sind dramatisch hoch und zeigen, dass gesetzliche Änderungen bisher keinen Erfolg gebracht haben“, sagte Mutlu. Eine im April vergangenen Jahres beschlossene Änderung des Schulgesetzes räumt allen Schulen die Möglichkeit ein, auf Sitzenbleiben und Probehalbjahr zu verzichten wie das bei den Gemeinschaftsschulen der Fall ist. „Die Möglichkeit wird nicht angenommen, weil es keine zusätzlichen Fördermittel für schwache Schüler gibt“, sagte Mutlu. Eine Gesetzesänderung allein reiche eben nicht aus. „Die Schulen brauchen mehr Personal, um die Schüler individuell zu fördern“, betonte der Bildungspolitiker. Er forderte, die Schulen mit deutlich mehr gut ausgebildeten Lehrkräften und zusätzlichen finanziellen Mitteln auszustatten.

Kenneth Frisse, Sprecher der Bildungsverwaltung, dazu: „Schulen, die Sitzenbleiben und Probehalbjahr abschaffen wollen, brauchten laut Schulgesetz ein pädagogisches Konzept und einen Schulkonferenzbeschluss.“ Da diese Klausel im Schulgesetz erst am 17. April 2008 ergänzt worden sei, wäre den Schulen für die Einführung zum Schuljahr 08/09 sehr wenig Zeit geblieben. Die nach wie vor hohe Zahl der Wiederholer zeige, dass die Probleme an den Berliner Schulen nicht kleiner werden, fügte Frisse hinzu.

Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linkspartei, forderte, die Schulen besser darüber zu informieren, dass sie zusätzliche Lehrerstunden bekommen, wenn sie Sitzenbleiben und Probehalbjahr abschaffen. Für große Schulen würde das mehrere zusätzliche Lehrerstellen bedeuten, sagte er. „Das gilt seit diesem Schuljahr und ist vielen Schulen noch nicht bekannt“, so Zillich. Mit Blick auf die Schulstrukturreform, die neben dem Gymnasium die Sekundarschule vorsieht, in der Haupt-, Real- und Gesamtschulen aufgehen sollen, forderte Zillich ein generelles Abschaffen von Sitzenbleiben und Probehalbjahr. „Stattdessen muss es darum gehen, jeden Schüler individuell zu fördern“, sagte der Bildungspolitiker.

Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU, sprach sich gegen ein generelles Abschaffen des Sitzenbleibens aus. „Die Zahl der Wiederholer muss aber deutlich reduziert werden“, sagte er. Sein Vorschlag: Versetzungsgefährdete Schüler sollten in 14-tägigen Lern-Camps während der Osterferien fit gemacht werden. „Dann haben sie genügend Zeit, sich bis zum Ende des Schuljahres zu verbessern.“

Jochen Pfeifer, Schulleiter des John-Lennon-Gymnasiums in Mitte, ist überzeugt, dass Gymnasien das Probehalbjahr sofort abschaffen würden, wenn Schüler mit schlechtem Notendurchschnitt die Schule verlassen müssten. „Wenn jetzt der Zugang zum Gymnasium geregelt wird, müssen solche Festlegungen getroffen werden.“