Berliner Architektur

So hätte das Stadtschloss auch aussehen können

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Isabell Jürgens

Die Auflagen für den Entwurf des Berliner Stadtschlosses sind viel zu eng gefasst. So die Kritiker an dem Architektur-Wettbewerb. Tatsächlich aber sind die eingereichten Entwürfe viel vielfältiger als erwartet. Morgenpost Online zeigt die 30 besten der 85 eingereichten Vorschläge.

Was wurde doch im Vorfeld der Wettbewerbsentscheidung zum Bau des Humboldt-Forums auf dem Schlossplatz über die starren Vorgaben des Auslobungstextes geschimpft. . Unmöglich, lautete das Urteil vieler Architekten, Stadtplaner und anderer, die sich zur Stellungnahme berufen fühlten. Die Pflicht zur Rekonstruktion der Schloss-Fassaden würge jegliche Kreativität ab. Die Teilnahme am Wettbewerb, der Anfang Dezember entschieden wurde, sei gar ein „Verrat“ an der eigenen Zunft, das kleinmütige Eingeständnis, dass moderne Architektur nichts tauge.

Zum Glück waren dann aber doch 85 Architekten willens und in der Lage, das Experiment zu wagen. Sie ließen sich auf die Aufgabe ein, der vom Bundestag beschlossenen Ausformung des Humboldt-Forums eigene Ideen hinzuzufügen. 30 von ihnen schafften es, in die engere Auswahl zu kommen.

Und siehe da: Von der prophezeiten Monotonie ist nichts zu sehen. Im Gegenteil: 30mal traten Büros aus dem In- und Ausland den Beweis an, dass durchaus Interpretationsspielraum vorhanden ist – und auch genutzt wird. Da finden sich etwa – ganz im Humboldtschen Sinne – an Stelle eines Ostflügels gläserne Gewächshäuser mit Dschungelbewuchs.

Da sind versunkene Gärten im Untergeschoss zu sehen oder auch eine wie ein Ufo über dem Schloss schwebende Aussichtsplattform. Da werden Fassaden als gigantische Kinoleinwand genutzt, während wieder andere im Eosanderhof eine riesige Freitreppe aufragen lassen.

Zur Erinnerung: Der Bundestag hatte beschlossen, dass das Humboldt-Forum nicht mehr als 552 Millionen Euro kosten darf, an drei Seiten eine historische Schloss-Fassade bekommen, in seinen Dimensionen genau den Maßen der 1950 von der DDR gesprengten Hohenzollern-Residenz entsprechen, über einen ebenfalls an drei Seiten barock ausgestalteten Schlüterhof sowie über eine Kuppel verfügen muss.

Gerade die Kuppel – zumal in ihrer Form nicht näher bestimmt – hat die Architekten zu den unterschiedlichsten Ausformungen inspiriert. Da sind „Kuppeln“ in Form eines massiven Betonquaders, eines filigranen orientalischen Vogelbauers, eines Observatoriums oder einer schlichten gläsernen Ausbuchtung.

Gewonnen hat den Wettbewerb der Italiener Franco Stella – der bezeichnenderweise eine historische Schlosskuppel vorgesehen hat. Das Büro Kuehn Malvezzi aus Berlin, das den viel beachteten Sonderpreis erhielt, hat hingegen die Kuppel einfach weggelassen und stattdessen einen Glasaufbau aufs Schloss gesetzt.

Ob die Einhaltung des Kostenrahmens bei allen Entwürfen berücksichtigt wurde, kann bei vielen Vorschlägen getrost bezweifelt werden. So schlägt ein Architekt vor, den gesamten Museumsbereich in ein gigantisches Untergeschoss zu verlagern und das komplette Schloss wiedererstehen zu lassen – wobei unklar bleibt, welche Funktion dem Schloss damit noch bleibt. Was beim Wettbewerb herausgekommen ist, wirkt manchmal reichlich überspannt, oft seltsam beziehungslos – sowohl gegenüber dem Schloss, als auch der neuen Funktion des Humboldt-Forums. Doch wenn auch nicht alle Arbeiten überzeugen: die schiere Vielfalt der vorgelegten Arbeiten belegt, dass die strengen Auflagen den beteiligten Architekten keinesfalls ihrer Kreativität beraubt haben. Denn eines sind die Entwürfe ganz sicher nicht: Langweilig und uniform.

Offiziell von der Wettbewerbs-Jury zur Realisierung empfohlen bleibt der Entwurf des Italieners Franco Stella. Ob der tatsächlich so gebaut wird, wie im Wettbewerbsentwurf präsentiert, entscheiden jetzt die Parlamentarier. Das Ergebnis muss dem Bundestag noch zur Billigung vorgelegt werden. Nach Abschluss der Planungsphase soll im Jahr 2010 der erste Spatenstich erfolgen, das geplante Fertigstellungsdatum ist 2013. Die Schloss-Fassade wird indes noch länger auf sich warten lassen, da nicht nur Spenden, sondern auch jahrelange Handwerksarbeit zu ihrer Herstellung erforderlich sind. Alle Architekten haben daher auch Interimsfassaden geplant, die dann nach und nach hinter den historischen Elementen verschwinden werden.

Wegen des großen Interesses haben Besucher nun ein paar Wochen länger Zeit, die Ausstellung mit den 30 Entwürfen im Kronprinzenpalais Unter den Linden 3 anzusehen: Die Schau wurde bis zum 4. Januar verlängert. Ursprünglich sollte sie nur bis zum 21. Dezember gezeigt werden. Auch die Öffnungszeiten (bisher 12 bis 20 Uhr) wurden verlängert: Vom 20. Dezember bis zum 4. Januar gibt es von 10 bis 22 Uhr Gelegenheit, sich selbst ein Bild von den Entwürfen zu machen. In einem Gästebuch können auch die Besucher ihre Meinung kundtun und sich durch die Urteile anderer Gäste blättern. Und die fallen genauso vielfältig aus wie die Entwürfe. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.