Tiere

Stadtjäger befreien Berlin von Wildschwein-Rotten

30 Stadtjäger sorgen in Berlin dafür, dass die Rotten von Wildschweinen auf dem Stadtgebiet nicht überhand nehmen. Die Kosten dafür tragen sie selbst, bei der Polizei müssen sie sich an- und abmelden, damit die Schüsse nicht mit Gewalttaten verwechselt werden. Zwei- bis dreimal in der Woche gehen sie nachts auf die Pirsch.

Foto: dpa / DPA

20 Uhr. Teufelsseechaussee. Auf der Straße: zwei Autos. Fahrzeuge mit viel Platz für Plastikfolien, Taschenlampen, Tüten, Kanister mit Wasser, Einmalhandschuhe, Munition, Messer, Sägen und Gewehre. Und eine Dose mit Kaffeebonbons. Berlins Stadtjäger beginnen ihrer Arbeit. Draußen ist die Sau los.

Seit Ende der 90er-Jahre rückt das Schwarzwild in die Stadt vor. Der Bestand wird berlinweit auf 5000 bis 8000 Schwarzkittel geschätzt. Vielen Städtern mögen Wildtiere willkommen sein – viele Betroffene aber suchen Hilfe wegen der marodierenden Rotten.

Tatsächlich ist der Kampf gegen die Stadtsau kein Beamtenjob, sondern er liegt seit dem Jahr 2000 in den Händen von rund 30 Stadtjägern. Harald G. und Werner L. (Namen geändert) sind zwei von ihnen und "alte Hasen": Als Mentoren weisen sie Neulinge ein und leisten den Großteil aller Einsätze. Ob Marder Autokabel zerbeißen, Rehe angefahren werden, Waschbären unterm Hausdach leben oder Füchse im Gartenhäuschen – tagsüber kümmern sich die Beiden um die aktuellen Anfragen aus der Bevölkerung. Nachts folgen sie der Spur der Schweine.

Meist sind sie mit einem Auto unterwegs. Heute rund um die Heerstraße in Charlottenburg. "Du guckst rechts, ich gucke links", sagt Harald. Die Pirsch im Schritttempo beginnt.

um 20.30 Uhr. Tannenbergallee. "Fahr langsamer", sagt Werner, "da ist was am Baum". Harald bremst, Werner fixiert einen schwarzen Fleck in der Dunkelheit. Winkt ab. "Ist nur der Papierkorb". Im Auto riecht es nach Schwein. Draußen: keine Sau weit und breit.

Weiterfahrt. Am Kolbe-Hain vorbei zur Lyckallee. "So eine Nachttour machen wir zwei bis drei Mal die Woche", sagt Harald. Vom Abend bis zum Morgengrauen. Ohne Schlaf. "Ich verfahre 500 Kilometer die Woche fürs Stadtwild", sagt Werner. Benzin zahlt er aus eigener Tasche. In der Leitlinie "Jagd im urbanen Raum von Berlin" der Berliner Forsten beziffert der Autor Bruno Hespeler die Ausgaben der insgesamt fünf Mentoren pro Kopf auf bis zu 12.000 Euro pro Jahr. Geld, das das Land Berlin spart. Die Stadtjäger arbeiten ehrenamtlich, ohne Aufwandsentschädigung. Sie dürfen lediglich das Fleisch behalten. Der Verkaufspreis liegt bei 5,50 Euro aufwärts pro Kilo.

Im Wald nur bei Sondereinsätzen

Harald bremst, lässt die Fensterscheibe runter, hebt sein Profi-Fernglas – ein Steiner Nighthunter mit Autofokus. Er sucht die Grünanlage ab, er ignoriert den Wald.

Der Forst ist tabu. "Feindesland", sagt Harald scherzend, "da dürfen wir nicht rein". "Außer, wenn der Förster nicht zu erreichen ist", ergänzt Werner. Er hatte neulich so einen Fall. An einem Wochenende rief ihn die Polizei zu Hilfe. Am Chalet Suisse, mitten im Grunewald, war ein Husky über ein Wildschwein hergefallen – oder umgekehrt, wie das Herrchen behauptete. Die Tiere waren nicht zu trennen, der Förster nicht zu erreichen. Werner fuhr hin und erschoss die Sau. Rechtlich ist Stadtjägern nur in bestimmten Gebieten die Jagd erlaubt. Diese beschränkte Erlaubnis erteilt das Landesforstamt jährlich auf's Neue.

Doch die Polizei kann Stadtjägern direkt den Einsatz zur Gefahrenabwehr auftragen. Die Handynummern liegen auf allen Polizeiabschnitten griffbereit. "Wir sind immer erreichbar", sagt Harald. Zumindest gilt das für die Mentoren. Aber es gibt Stadtjäger, die Einsätze verweigern. "Dann telefoniere ich so lange, bis ein anderer einspringt. Oder ich hänge es bei mir ran", sagt Harald. Auch die Telefonrechnung zahlt er selbst.

Werner und Harald melden sich auf ihren nächtlichen Touren in jedem Polizeiabschnitt telefonisch an und ab – damit klar ist, wer da schießt, wenn es knallt, und nicht versehentlich ein Spezial-Einsatz-Kommando anrückt. So zückt Werner beim Überqueren der Heerstraße wieder sein Handy.

Grundstückseigentümer müssen den Abschuss genehmigen

Dickensweg. Werner schaut auf ein Bündel Papiere in seiner Hand und zählt runter. "40, 38, 36…" Die Hausnummern. Wichtig für die Stadtjäger: Welcher Hauseigentümer hat ihnen auf seinem Gelände den Abschuss von Wildtieren gestattet? Ohne Zustimmung kein Schuss.

Für die Siedlung liegt das Okay vor. Anwohner hatten sich tagsüber am Wildtiertelefon der Berliner Forsten beschwert. Jetzt rücken die Stadtjäger an, hängen ihre Gewehre, die Schwedenmauser, über die Schultern, drücken die Klinke am Holzzaun herunter, schließen die Pforte leise hinter sich und schalten ihr Funkgerät an.

Ein Grunzen. In aller Ruhe gräbt eine Rotte den Rasen um, 15 Meter entfernt, in einer Senke vor einem Balkon.

Verständigung übers Funkgerät. Werner ist näher dran, soll schießen. "Jetzt kann es dauern", sagt Harald. Der 49-Jährige erstarrt in seiner Position, die Hand am Repetiergewehr, drei Patronen in der Westentasche.

Seit fünf Jahren ist der Ex-Anlagenmonteur und Ex-Autocross-Fahrer als Stadtjäger unterwegs. "Das habe ich von meinem Vater geerbt." Mit sechs Jahren war er das erste Mal auf der Pirsch, mit elf schoss er sein erstes Tier, einen Fuchs. Wildschweine zu erlegen, bereitet ihm kein Problem. "Aber Rehe, das fällt mir schwer, die sind wirklich schön." Er hatte am Unfallklinikum Marzahn kürzlich eins erschossen, nachdem es von einem Hund angefallen worden war.

529 Wildschweine erlegt oder aufgelesen

Doch die meiste Arbeit machen die Wildschweine in Berlins Südwesten. Von April bis November 2008 haben die Stadtjäger dort 275 Schwarzkittel erlegt oder aufgelesen. Berlinweit waren es 529 Stück. In der gesamten Jagdsaison 2004/2005 betrug die Jagstrecke 938 Stück – die bislang höchste Zahl.

"Weiter als 30 Meter darf das Tier nicht entfernt sein – dann schieße ich nicht, das ist zu weit und in der Stadt zu gefährlich", sagt Harald. Ungebremst können seine Kugeln 5000 Meter weit fliegen. "Wer will wissen, ob da nicht doch ein Mensch spaziert?"

Ein Knall. Ein Quieken. Fünf Schweine rennen weg. Der Schuss ging daneben. Ein Fenster schwingt auf. Eine Frau schreit: "Sagen sie, haben sie überhaupt eine Erlaubnis?" "So ist das immer", wird Werner später sagen. "Die, die gegen uns sind, schreien uns an. Die, die die Wildschweinplage los sein wollen, schweigen."

Großteil der Einsätze zur Beratung der Anwohner

Nächster Stopp: Passenheimer Straße. Vor einer Hausreihe sind 100 Quadratmeter Kulturrasen zerwühlt. "Totalschaden", sagt Werner, "das schaffen fünf Wildschweine in drei Stunden. Sie graben nach Würmern und Käfern". Harald mustert den Zaun. Er ist stabil, aber mit 60 Zentimetern zu niedrig. "Da springen die Tiere rüber. Der Zaun müsste 1,50 Meter hoch sein."

Beratung, wie man sich vor Wildtieren schützt, machen 80 Prozent der geschätzten mehreren Tausend Einsätze pro Jahr aus, sagt ein Sprecher der Berliner Forsten.

21.40 Uhr. Die zwei fahren zur Rominter Allee. Werner nimmt Stuhl, Plane und Sitzkissen aus dem Kofferraum, spricht die Route mit Harald ab und stapft los. Harald fährt weiter zur Morellenschlucht. Er reckt den Kopf, spitzt die Ohren, schaut ins Dunkle, schnüffelt. Riechen, Hören, Sehen. Wildschweinjagd ist Sache aller Sinne.

Stundenlang durch die Kälte schleichen, das Fernglas im Anschlag, das Gewehr um die Schulter. Haben die Leute kein Zuhause? Was treibt Stadtjäger um? "Beute machen, da bin ich ehrlich", sagt Werner. Der gelernte Kürschner ist in Rente, verheiratet, und seit acht Jahren in der Stadt auf Wildtierjagd. Jäger, sagt ein dritter der fünf Mentoren, das sei der älteste Beruf der Welt. "Er macht uns Freude." Das Jagen, nicht das Ballern.

Denn schnell kommt in dieser Nacht keiner zum Schuss. In der Morellenschlucht quaken Enten, piepsen Vögel. "Da ist was im Busch", sagt Harald. Mag sein – nur zeigt es sich nicht.

Ein Keiler stirbt am Straßenrand

22.46 Uhr. Das Funkgerät knackt. Die Polizei hat einen Verkehrsunfall mit Wildschwein gemeldet. Zurück zur Heerstraße. Dort leuchten zwei Polizisten mit weißem Taschenlampenlicht in den Kolbe-Hain. Das Tier soll weggerannt sein. Die Stadtjäger übernehmen und durchstreifen den Park im Schneckentempo. Sie sind kaum zu erkennen in ihren grünen Pullovern, Westen, Hosen und Stiefeln. "Das Tier kann irgendwo im Gebüsch liegen und sterben oder uns in seiner Agonie angreifen", sagt Harald. Doch der Keiler liegt woanders. Direkt an der Heerstraße, unter einer Laterne, neben dem Glascontainer. Ein Keiler mit kräftigem Gewaff, also Zähnen. Er ist 1,40 lang und 140 Kilo schwer.

"Wie soll der denn noch weggerannt sein?" fragt Werner. Er will die Straße überqueren, da rollt ihm ein weißer Mercedes vor die Füße und versperrt den Weg. Die Fahrerin kurbelt ihre Fensterscheibe herunter, fragt. "Haben sie das Tier getötet? Warum?" Werner schweigt. Ein, zwei, drei Sekunden. Antwortet: "Es war einer wie sie. Ein Autofahrer." Dann geht er bedächtig um das Auto herum. In der aktuellen Jagdsaison sind schon 187 Wildschweine nach Unfällen gestorben.

Der Keiler ist warm, doch sein Blick gebrochen. Verletzungen sind keine zu sehen. "Innere Blutungen", sagt Harald. Das nächste Auto stoppt. Dieser Fahrer will den Keiler kaufen, aufspießen und grillen. "Geht nicht", erklärt Werner. Eine EU-Richtlinie und die Lebensmittelverordnung schreiben die Entsorgung von Unfalltieren vor, weil man nicht sehen konnte, wie das Tier sich lebend verhalten hat, ob es vielleicht krank war.

Es ist Mitternacht. Die zwei rufen die Polizei an. Der Streifenwagen kehrt zurück, die beiden Beamten helfen beim Aufladen. Dann rauchen alle vier eine Zigarette. Man plaudert. "Weißt du noch, als wir das Wildschwein aus dem Pool geholt haben?", fragt der eine. Fragt der andere: "Wie war das mit den Klöten?". Die Stadtjäger erzählen, dass deutsche Kunden keine Hoden verspeisen, Franzosen aber wollten. "Liefer ich nicht", sagt Harald vehement. Die Zigaretten sind aufgeraucht. Die Stadtjäger wollen weiter. Es ist nach Mitternacht und sie haben noch nichts geschossen. Für sie läuft es schlecht.

Es ist 2.30 Uhr. Mit den Temperaturen sinkt die Stimmung. "Versuchen wir es im Eichkamp", sagt Harald. Da haben beide vor einer Woche aus einer Rotte zwei Frischlinge geschossen. Werner meldet sich am neuen Polizeiabschnitt an, Harald parkt. Wieder ziehen beide los. Zu Fuß. Getrennt.

Am Ende sind zwei Frischlinge erlegt

Bodennebel steigt auf, so trostlos wie in einem Edgar-Wallace-Film. "Angst", sagt Harald, "habe ich nie. Ich hab eine Waffe dabei". Das Gewehr wird gebraucht. Ein Frischling taucht auf. Rennt ein Stück, bleibt in Haralds Schusslinie stehen, hinter sich einen Stapel Äste. "Idealer Kugelfang", flüstert Harald, funkt Werner an, visiert das Tier, drückt ab und trifft. Es ist 3.10 Uhr. Der Frischling zappelt sekundenlang auf dem Boden. Es sieht fürchterlich aus, wenn ein Tier stirbt. "Das sind die Muskeln, das Hirn ist schon tot", sagt Harald. Ein weiterer Frischling steht plötzlich auf der Straße, blickt umher, als suche er wen. Harald warnt Werner per Funk und schießt. Wieder ein Treffer. Wieder das Zucken. Wieder liegt ein Tier regungslos in seinem eigenen Blut. Es sind solche Szenen, weswegen Stadtjäger in der Bevölkerung nicht wohlgelitten sind und bei Einsätzen oft von der Polizei geschützt werden müssen. Seinen wahren Namen will keiner von ihnen in der Zeitung lesen.

Es ist 3.20 Uhr. Harald holt seinen Wagen. Er hebt die Frischlinge in den Kofferraum, wickelt sie in eine Plane. Werner holt die Kanister raus und verdünnt das Blut auf dem Bürgersteig. "Sonst erschrickt noch jemand und ruft die Polizei."

Die Jagd ist zu Ende, die Arbeit geht weiter. Werner bringt den Keiler ins Forstamt Grunewald zur Entsorgungstonne. Harald fährt mit den toten Frischlingen nach Hause und macht sich ans Ausweiden. Er zerlegt die Tiere in Nacken, Rippen, Rücken, Blatt, Vorderläufe und Keulen, beschaut das Fleisch und nimmt Proben für die Untersuchungen auf Trichinen. Sind die negativ, kann Harald im besten Fall 25 Kilo Wildbret verkaufen. Den Erlös wird er mit Werner teilen.

Um sieben Uhr geht er ins Bett. Um 8.45 Uhr klingelt sein Handy. Eine Frau aus Tempelhof meldet Wildschweine in ihrem Garten. Die Tagesschicht beginnt.

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