Forschung

Schöneberg bekommt bald eine Energieuni

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Brigitte Schmiemann

Foto: EUREF / Euref

Auf dem alten Gasag-Gelände wird vom kommenden Jahr an eine private Energieuniversität entstehen. Am Montag wurde der ersten Spatenstich gemacht. Doch bevor es mit dem Bauen losgehen kann, wird erst der kontaminierte Boden ausgetauscht.

5000 Arbeitsplätze und eine Investitionssumme von 500 Millionen Euro – mit einem symbolischen ersten Spatenstich markierten Politiker und Bauherren gestern den Beginn des Vorzeigeprojekts Euref (Europäisches Energieforum) auf dem alten Gasag-Gelände am S-Bahnhof Schöneberg. Bevor das Startsignal für den Bau der Europäischen Energieuniversität und anderer dort geplanter Neubauten fällt, saniert der Eigentümer Konzeptplus zunächst einmal die Nordspitze des 62.000 Quadratmeter großen Areals.

Für Bürgermeister Ekkehard Band (SPD) ist das Vorhaben nicht nur eine große Chance für den Bezirk, sondern für ganz Berlin. Wie berichtet, soll auf dem Areal an der Torgauer Straße eine private Energie-Uni entstehen, die sich als Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Wirtschaft versteht. Dieses Zugpferd mit Wissenschaftlern aus aller Welt soll zudem Firmen anziehen, die sich auf dem Wissenscampus ansiedeln.

Als ersten Schritt lässt der Investor die Nordspitze des Geländes sanieren. Der Bezirk übernimmt das mit frischem Boden aufgefüllte 7000 Quadratmeter große Areal anschließend und legt dort einen Park mit Spiel- und Liegeflächen an. Geschätzte Kosten inklusive der Sanierung: zwei Millionen Euro, die sich der Investor mit dem Land Berlin und der Gasag teilt. Ein Teil der jetzigen Grünfläche an der Nordspitze, die nach Auskunft des Eigentümers 10.500 Quadratmeter groß ist, wird erst in einem zweiten Bauabschnitt saniert – dann, wenn dort auch gebaut wird und die Garagen abgerissen werden.

Drei Baggerfahrer schaufeln seit gestern die verseuchte Erde auf Lastwagen. Insgesamt 800 Tonnen kontaminierte Erde sollen pro Tag von den Lastwagen abgefahren werden. An der Gradestraße 83 in Britz, wo sich die Gesellschaft für Boden- und Abfallverwertung (gbav) befindet, wird der Boden in Waschanlagen behandelt. Schadstoffe, die in Teer-, Bitumen- und Schlackeprodukten vorkommen, werden dort so ausgefiltert, dass etwa 95 Prozent der Erde wieder verwendet werden kann. „Sie wird an den Baustoffhandel verkauft oder für den Deponiewegebau verwendet, je nach Belastungsgrad“, sagt Harald Abraham, Geschäftsführer der gbav.

Bis zu einer Tiefe von 2,70 Meter wird gebaggert. „In vier bis fünf Wochen sind wir durch“, hat Harry Nickel, der zuständige Projektleiter der Baufirma Hochtief, kalkuliert. 20.000 Tonnen belasteter Boden müssen gereinigt werden. Pro Tonne koste das 70 bis 150 Euro, je nach Aufwand. Neuer Boden sei viel günstiger – zehn bis 15 Euro pro Tonne.

Die Bürgerinitiative Gasometer glaubt nicht an den gestrigen symbolischen Spatenstich als Startschuss für die neue „Energie-Stadt“. Es handele sich lediglich um eine längst überfällige Altlastensanierung, teilte Sprecher Jörn Dargel mit. „Der eigentliche Kern – ein gewaltiges und in seiner Raffgier einzigartiges und kritikwürdiges Immobiliengeschäft des Projektentwicklers und seiner Lobbyisten –, das bleibt angesichts der globalen Finanzkrise und des Zusammenbruchs aufgeblähter Immobiliengeschäfte tunlichst im Hintergrund“, so die Kritik.

Reinhard Müller, Initiator des Projekts und Eigentümer des Geländes, bezweifelt hingegen, dass sich in der Gegend viele Leute gegen das Projekt aussprechen. Im Gegenteil. Er habe viel Zuspruch für seine Pläne erhalten. Müller will im Frühjahr mit Bauarbeiten beginnen, wie er gestern ankündigte. Ob es sich dabei um das geplante Hotel am S-Bahnhof handelt, wollte er nicht bestätigen. Kritikern, die ihm vorwerfen, nicht benötigte Büroflächen zu bauen, erteilte er eine Abfuhr: „Ich werde keine Bürogebäude für Leerstand errichten“, versicherte er. Wie berichtet, soll auch der Gasometer im Innern mit einem Glasgebäude für Büros ausgebaut werden. Nach jetziger Planung – das Bebauungsplanverfahren läuft noch – bleiben dabei die oberen zwei Ringe frei.