Vernachlässigung

Senat führt Pflichtuntersuchungen für Kinder ein

In Berlin sollen Kinder besser vor Vernachlässigung und Misshandlungen geschützt werden. Nehmen Eltern mit ihren Kindern die obligatorischen Vorsorgeuntersuchungen nicht wahr, statten Experten den Familien künftig Hausbesuche ab. Die Charité soll die Maßnahmen zentral kontrollieren.

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Kinderärzte müssen künftig eine Meldung an das neue Kindervorsorgezentrum der Charité machen, wenn sie eine Früherkennungsuntersuchung durchgeführt haben. Jedes Kind bis zum Alter von sechs Jahren erhält dafür eine Identitätsnummer, die der Arzt nach der Untersuchung an die zentrale Stelle schickt.

Taucht dort die Nummer eines Kindes nicht in dem vorgesehenen Zeitraum auf, werden die Eltern schriftlich benachrichtigt. Mit diesem Verfahren sollen die Untersuchungen U4 bis U9 verbindlicher werden. Die ersten Untersuchungen erfolgen nach der Geburt noch Krankenhaus, deshalb ist hierfür eine Einladung nicht nötig. Vor allem mit zunehmendem Alter nimmt die Teilnahmequote der Kinder an den Vorsorgeuntersuchungen ab. Die letzte Untersuchung erfolgt in der Zeit vom 60. bis 64. Lebensmonat.

Hilfe vom Jugendamt

Werden die Eltern trotz Einladung nicht mit dem Kind beim Arzt vorstellig, erhalten sie nach vorheriger Anmeldung Besuch vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst.

Die Teilnahme an den ärztlichen Untersuchungen bleibt somit freiwillig. Sollten sich aber die Eltern einem Hausbesuch verweigern, wird das Jugendamt eingeschaltet. "Das gesunde Heranwachsen des Kindes kann möglicherweise gefährdet sein", sagt Katrin Lompscher (Linke). Den Eltern werde Hilfe und Beratung angeboten.

Jeder Bezirk soll für diese Aufgaben eine zusätzliche Stelle in den Gesundheitsdiensten und eine weitere Stelle in den Jugendämtern erhalten. Die nötigen Krankenschwestern und Sozialarbeiter können, sofern nicht im Stellenpool vorhanden, auch von außen eingestellt werden. Insgesamt sind dafür im Haushalt 1,18 Millionen Euro vorgesehen. Die zentrale Stelle in der Charité wird mit 280.000 Euro jährlich finanziert.

Unabhängig von den U-Untersuchungen der Kinderärzte gibt es ein Jahr vor der Schule eine Reihenuntersuchung in den Kitas. Diese Verordnung wurde bereits im Sommer beschlossen. Jetzt werden die Reihenuntersuchungen auch auf alle Kinder ausgedehnt, die bei Tagesmüttern betreut werden. Für diese Aufgaben allerdings hat der Senat keine zusätzlichen Stellen eingeräumt.

"Wir können diese Reihenuntersuchungen nicht vollständig durchführen", sagt Andreas Höhne (SPD), Gesundheitsstadtrat von Reinickendorf. Das neue Kinderschutzgesetz sei wichtig. Ob die zusätzliche Stelle für die Hausbesuche ausreiche, müsse die Praxis zeigen. Noch sei schwer abzuschätzen, wie viele Eltern sich trotz Einladung nicht bei Arzt melden.

Die Gesundheitsverwaltung rechnet jährlich mit rund 10.000 nötigen Hausbesuchen. Im Jahr 2006 nahmen 77,2 Prozent der Kinder alle Untersuchungen in Anspruch.

Für die jugendpolitische Sprecherin der CDU, Emine Demirbüken-Wegener, geht das neue Gesetz nicht weit genug. "Die Eltern sollten zu den Untersuchungen verpflichtet werden", so die Abgeordnete. Insbesondere die sogenannten Risikofamilien könne man mit einem "Einladewesen" nicht erreichen. Außerdem müssten die Bezirke personell besser ausgestattet werden. Für viele Aufgaben, die das Netzwerk Kinderschutz vorsieht, wie etwa die Erstbesuche nach der Geburt der Kinder, würden Mitarbeiter fehlen.