"Tag des offenen Denkmals"

Auf Entdeckungsreise in die Geschichte Berlins

Beim diesjährigen Tag des offenen Denkmals bieten die professionellen Denkmalschützer den Besuchern nicht nur Führung und Erläuterung, sondern ein breit angelegte Programm von Inszenierungen. Die Berliner Denkmäler stehen an diesem Samstag und Sonntag im Zeichen von Archäologie und Bauforschung.

Foto: Jeffrey Telner / Okapia

"Wohl jeder Berliner weiß, dass es eine Mauer in der Stadt gab. Doch die wenigsten wissen, dass in Berlin auch noch Reste einer Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert erhalten sind", sagt Landeskonservator Jörg Haspel. Die Relikte mittelalterlicher Befestigungen gehören zu den mehr als 300 steinernen Zeitzeugnissen, die morgen und am Sonntag anlässlich des bundesweit veranstalteten "Tages des offenen Denkmals" angesteuert werden können.

Der Tag steht in diesem Jahr ganz im Zeichen von Archäologie und Bauforschung, daher auch das Motto "Vom Burgwall bis zum Pavillon - Spurensuche in Berlin".

Längst füllt das zu einem solchen Anlass vorbereitet Programm keinen einzelnen Tag mehr, sondern gleich das ganze Wochenende. Und längst bieten die Denkmalschützer den wissbegierigen Besuchern nicht nur fachkundige Führung und Erläuterung. Auf diese warten regelrechte Inszenierungen, die eine Vorstellung geben sollen von den heutigen Anforderungen an den Denkmalschutz, aber auch von der Entdeckerlust bei der Reise in die eigene Geschichte.

Mittelalterliche Stadtmauer

So auch am morgigen Sonnabend an den Resten der mittelalterlichen Stadtmauer, die an der Littenstraße und der Waisenstraße in Mitte zu sehen sind. Die zwischen 1250 und 1290 errichteten und im 14. Jahrhundert erhöhten Befestigungsanlagen werden derzeit aufwendig restauriert. Zum Einsatz kommen dabei auch Auszubildende der Knobelsdorff-Schule in Siemensstadt, eines auf Bautechnik spezialisierten Oberstufenzentrums. Die Maurer-Lehrlinge wollen am Sonnabend (10 bis 16 Uhr) vorstellen, wie ein solch altes Gemäuer fachgerecht restauriert wird. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Verwendung historischer Baumaterialien. Demonstriert wird, wie man vor Jahrhunderten Kalk löschte, der dann zum Verfugen eingesetzt wurde.

Ebenfalls sehenswert: Angehende Porzellanmalerinnen, die ebenfalls an der Knobelsdorff-Schule ausgebildet werden, wollen ihre neuesten Arbeiten zeigen. Dabei wurden Motive von Pflanzen wie etwa dem Zimbelkraut oder dem Kriechenden Weißklee, die an der Stadtmauer seit Jahrhunderten hochranken, auf das blütenweiße KPM-Porzellan aufgetragen. Findet das Porzellan-Geschirr Gefallen, soll es später vielleicht sogar in Serie hergestellt werden.

Rundgang durch das Klosterviertel

Die mittelalterliche Stadtmauer ist auch eine von 20 Stationen eines Rundgangs durch das sogenannten Klosterviertel in Mitte. Benannt ist das Viertel schräg gegenüber vom Roten Rathaus nach dem seit 1249 nachweisbaren Franziskaner-Kloster. Jeweils vier Führungen werden morgen und Sonntag durch das Quartier angeboten, das neben dem Nikolaiviertel zu den Keimzellen des heutigen Berlins zählt (Treffpunkt, Stationen und Zeiten der Führungen siehe Grafik).

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und den Umgestaltungen zu DDR-Zeiten ist von der einstigen Stadtstruktur des Gebiets rund um den Molkenmarkt kaum noch etwas erkennbar. Der Molkenmarkt ist ein riesiger, hässlicher Parkplatz. Vom Kloster steht nur noch eine Ruine - Zeugnis gotischer Baukunst in Berlin und Mahnmal gegen Krieg und Gewalt. "Das Klosterviertel ist die historische Altstadt von Berlin und zugleich ein Schwerpunkt der Stadterneuerung", sagt Berlins oberster Denkmalschützer Haspel. An den einzelnen Stationen des Rundgangs sind Info-Punkte aufgebaut, an denen Experten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die geplanten Projekte vorstellen wollen.

Fest auf dem Petriplatz

Nur einige Hundert Meter vom Klosterviertel entfernt liegt ein weiterer Themenschwerpunkt im Veranstaltungsprogramm zum "Tag des offenen Denkmals". Seit dem Frühjahr 2007 laufen auf dem Petriplatz (Scharrenstraße/Kleine Gertraudenstraße) aufwendige archäologische Ausgrabungen. Dabei wurde der Stadtkern des mittelalterlichen Cölln mit Fundamenten verschiedener bauten wie der Petrikirche und des Cöllnschen Rathauses sowie die massiven Grundmauern der Lateinschule entdeckt. Auf dem einstigen Friedhof der Petrikirche wurden bislang mehr als 2500 Gebeine freigelegt, die nun nach neuesten Methoden untersucht und dokumentiert werden. Die Ausgrabungsstätte wird zum "Tag des offenen Denkmals" erstmals einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Führungen zu einem sogenannten archäologischen Fenster gibt es jeweils um 12, 14 und 16 Uhr. Am Sonnabend wird zudem von 10 bis 18 Uhr ein großes Petriplatzfest veranstaltet.

Doch nicht nur archäologische Forschungen in Berlins Mitte stehen auf dem Programm des Denkmal-Tages. Zu den spektakulären Grabungsstätten gehören auch die Ausgrabungen am Spandauer Burgwall (Spandauer Burgwall 24-26). Dort werden am Sonnabend und Sonntag von 10 bis 16 Uhr stündlich Führungen angeboten.

Als "hoch spannende Sache" bezeichnet Landeskonservator Haspel auch die Entdeckungen eines sogenannten Vogelherds aus der Renaissance-Zeit in Pankow. "Der Vogelherd diente dazu, Leckerbissen für die kurfürstliche Tafel zu fangen", so Haspel. Führungen gibt es am Sonntag, 11 und 15 Uhr (Treffpunkt: Baustelle Kondor-Wessels an der Galenusstraße 61-63). Ein weiterer thematischer Schwerpunkt sind die sechs Stadtsiedlungen, die in diesem Jahr von der Unesco den Status des Welterbes zuerkannt bekommen haben. Führungen gibt es durch die Schillerpark-Siedlung in Wedding (Sonntag, 14 und 16 Uhr, Treff: Bristolstr./Dubliner Str.), die Großsiedlung Siemensstadt (Sonntag, 14 Uhr. Treff: Jungfernheideweg 1), die Weiße Stadt in Reinickendorf (Sonntag, 13 und 15 Uhr; Treff: Emmentaler Str. 3A), die Hufeisensiedlung in Neukölln (Sonntag, 11, 13 und 15 Uhr; Treff: Ernst-Reuter-Allee 46, leider bereits ausgebucht) und die Gartenstadt Falkenberg in Treptow (Sonnabend, 12 Uhr; Treff: Akazienhof/Am Falkenberg).

Berlins jüngstes Denkmal

Von den Siedlungen der Moderne nun der Wechsel in Plattenbaubezirk Marzahn. Am Helene-Weigel-Platz steht mit dem Rathaus das jüngste in Berlin als Denkmal eingetragene Gebäude. "Es ist ein einladendes, architektonisch sehr interessantes Gebäude, das so gar nicht Vorurteilen über Marzahn entspricht", sagt Christine Wolf vom Landesdenkmalamt. Am Sonntag, 9.30 Uhr, wird am Rathaus die Denkmalplakette angebracht, um 10 Uhr steht eine Führung, geleitet vom Architekten Wolf-Rüdiger Eisentraut, auf dem Programm.

Für ebenfalls "sehr spannend" hält Christine Wolf einen Besuch des Logenhauses "Zu den drei Weltkugeln" in Charlottenburg (Heerstraße 28). Die gleichnamige Freimaurerloge nimmt erstmals am "Tag des offenen Denkmals" teil und öffnet das sonst für die Öffentlichkeit streng verschlossene Logenhaus am Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

In Berlin werden zum "Tag des offenen Denkmals" wieder mehr als 60.000 Besucher erwartet. Fast alle Veranstaltungen sind kostenlos, teilweise sind aber Anmeldungen erforderlich.

Aktuelle Informationen zum Programm sowie zu zusätzlichen Veranstaltungen über die Telefon-Hotline Tel. 25 79 67 71 oder 25 79 67 72.