Strom und Gas

Sarrazin empfiehlt zum Energiesparen warme Pullis

| Lesedauer: 4 Minuten
jof/dpa/ddp/mim/hed

9500 Berliner Haushalten wurde in diesem Jahr der Strom gekappt. Bevor das geschieht, muss jedoch so einiges passieren. Besonders Hartz-IV-Empfänger geraten wegen der hohen Energiepreise leicht unter Druck. Für sie, aber auch für alle anderen, hat Finanzsenator Thilo Sarrazin ein Spar-Tipp: Einfach einen Pulli tragen.

Bevor Vattenfall zum letzten Mittel greift und den Strom abstellt, passiert einiges. Zwei Mahnungen, Besuche vom Kundenberater, Terminvorschläge für Gespräche über Ratenzahlungen und Stundung der Schuld. Dennoch hat Berlins größter Energieversorger in den ersten sechs Monaten des Jahres schon 9500 Haushalten den Strom abgedreht. 2007 waren es 22600, im Jahr davor rund 25.000.

Dass aber Berliner inzwischen weniger Probleme haben, ihre Stromrechnung zu bezahlen, will der Konzern aus diesen rückläufigen Zahlen nicht unbedingt schließen. Man bemühe sich inzwischen verstärkt, Kunden mit Zahlungsproblemen frühzeitig anzusprechen, um eine Lösung zu suchen, sagte eine Vattenfall-Sprecherin. Schließlich sei es auch für den Konzern die schlechteste Lösung, den Strom abzustellen. Der Senat sieht jedenfalls keinen Handlungsbedarf, um einkommensschwachen Berlinern in der Frage der Energiekosten unter die Arme zu greifen. Das teilte die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz jetzt auf eine Anfrage der Grünen hin mit.

Anders als die Heizkosten, die für Hartz-IV-Empfänger komplett vom Staat bezahlt werden, müssen die Transferbezieher den Strom aus ihrem Regelsatz bezahlen. Bei steigenden Energiekosten könnten die Hartz-IV-Empfänger deshalb finanziell unter Druck geraten, so die Befürchtung von Sozialpolitikern. Nach Angaben Vattenfalls dürfte sich die Stromrechnung für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 2300 Kilowattstunden gegenüber 2007 aber sogar reduzieren. Von 516 Euro im Vorjahr auf 506 Euro 2008.

Beratung zum Energiesparen

Der Senat verweist auf das Angebot der Verbraucherzentrale, gegen ein Entgelt von fünf Euro Haushalte zu beraten, wie sie ihre Energiekosten senken können.

Den Grünen reicht das jedoch nicht aus. Sie haben im Abgeordnetenhaus einen Antrag eingebracht, um Arbeitslose für einen neuen Service auszubilden und einzusetzen, der in Frankfurt am Main bereits erfolgreich laufe. Die öffentlich Beschäftigten sollen Hartz-IV-Empfänger aufsuchen und in ihren Wohnungen einen Energiecheck durchführen, der den Verbrauch von Strom, Warmwasser und Heizenergie untersucht.

Der Energiesparservice des Frankfurter Caritasverbandes habe durch Investitionen von 50 Euro in Energiesparlampen oder wassersparende Brauseköpfe 127 Euro Energiekosten eingespart, so die Grünen in der Begründung ihres Antrages. Das entspricht 252 Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid.

Sarrazin empfiehlt warme Pullover

Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) rät Menschen, die unter den hohen Energiekosten leiden, ihren Energieverbrauch generell einzuschränken und die Zimmertemperatur zu drosseln. „Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können“, sagte Sarrazin der „Rheinischen Post“.

Sarrazin schaltete sich damit in die Debatte um steigende Energiepreise und Hilfsmaßnahmen des Staats für Bedürftige ein. Gewerkschaften, Linkspartei und Sozialverbände fordern Sozialtarife für Arme. Das lehnt der SPD-Politiker ab. „Empfängern von Arbeitslosengeld II werden die Heizkosten erstattet. Darüber hinaus sehe ich keinen Handlungsbedarf.“

Sarrazin erinnerte an seine eigene Jugendzeit. „Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt.“

Der Finanzsenator sprach sich außerdem für die vollständige Abschaffung der Pendlerpauschale aus. „Ich meine, wir sollten es so handhaben wie es international üblich ist. Die Arbeit beginnt am Arbeitsplatz und der Weg dorthin ist Privatsache“, sagte Sarrazin der „Rheinischen Post“.

Die Pendlerpauschale führe nur zu Verzerrungen, betonte der SPD-Politiker. „Der Pendler, der außerhalb von München im Grünen wohnt, hat nicht annähernd so hohe Kosten durch das Pendeln, wie er Mietkosten in München hätte. Wer ist benachteiligt? Es gibt keinen Anlass, den Verbrauch von Energie steuerlich zu subventionieren“, sagte Sarrazin.