Kommentar

Obamas Träumerei in Berlin

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Jochim Stoltenberg

In seiner Rede an der Siegessäule verkündet seine Vision von einer neuen friedlichen Welt in Freiheit, ohne Atomwaffen, ohne religiöse Feindschaften und ohne Hunger. Angesichts der Realitäten in dieser Welt klang dabei zuviel Idealismus, zuviel Träumerei durch; man kann auch sagen: Weltfremdheit.

Das klang alles wunderbar; eine Verkündigung für eine neue, bessere Welt. Und Barack Obamas Wahlkampfrede in der deutschen Hauptstadt war so recht nach dem Geschmack der Berliner. In Anlehnung an den Appell des legendären Bürgermeisters Ernst Reuter während der sowjetischen Berlin-Blockade rief der Senator aus Illinois den Menschen in aller Welt zu, auf Berlin zu schauen. Auf diese Stadt, in der aus Feinden Freunde wurden, in der ein Kontinent nach jahrzehntelanger Feindschaft und Kaltem Krieg wieder zueinander gefunden hat. Und nicht nur die Berliner, mehr als 200.000 Obama-Fans dankten es ihm und schufen eine Kulisse, wie sie sich Wahlkämpfer nicht schöner wünschen können.

Doch bei nüchterner Betrachtung gilt es, die Rede Barack Obamas niedriger zu hängen. In seiner Vision von einer neuen friedlichen Welt in Freiheit, ohne Atomwaffen, ohne religiöse Feindschaften und ohne Hunger klang angesichts der Realitäten in dieser Welt zuviel Idealismus, zuviel Träumerei durch; man kann auch sagen: Weltfremdheit. Das kann sich ein Kandidat vielleicht noch leisten, der Präsident einer Weltmacht nicht. Insofern ist fraglich, ob Barack Obama mit dieser Rede sein zentrales Ziel erreicht hat, den heimischen Verdacht der außen- und sicherheitspolitischen Unerfahrenheit auszuräumen.

Dass er in Berlin dennoch mit soviel Begeisterung empfangen wurde, das verdankt er mehr seinem Charme, seinem Charisma und der Hoffnung auf einen Generationenwechsel an der Spitze der letzten verbliebenen Weltmacht als den verkündeten politischen Inhalten. Barack Obama ist das krasse Gegenstück zu George W. Bush, unter dem das amerikanisch-europäische Verhältnis so schwer gelitten hat wie unter keinem anderen US-Präsidenten der Nachkriegszeit. Der eine Missionar in Sachen Demokratie mit militärischem Befehlston, der andere Heilsbringer mit menschlichem Antlitz. Zumindest die Deutschen sehnen sich nach einem Hoffnungsträger, nach einem Weltverbesserer, auch nach einem Amerika, das zu den bewährten gemeinsamen Werten zurückfindet.

Vage bleibt in diesem Zusammenhang auch Obamas Versprechen zur Rückkehr zu alter Partnerschaft mit Europa, mit der Nato. Sie ist überfällig nach den Alleingängen der Bush-Administration. Aber mit welchen zusätzlichen Lasten für die Verbündeten – etwa im Kampf gegen den Terrorismus – verbindet Obama diese Ankündigung? Die Europäer, auch die Deutschen werden mehr schultern müssen; auch in Afghanistan. Denn niemand sollte sich täuschen: Hinter der weichen, glänzenden Schale Obamas verbirgt sich ein harter Kern.

Ein „bequemer“ Präsident, sollte er es denn schaffen, wird Obama nicht. Aber er scheint entschlossen, das brüchig gewordene Band zwischen Amerika und Europa wieder zu festigen. Darauf sind beide Seiten angewiesen, davon profitieren beide, weil die Probleme dieser Welt keiner allein lösen kann. Diese transatlantische Mission ist Barack Obamas Berliner Botschaft. Ob er sie je ausfüllen kann, steht in den Sternen.