Zu wenig Schüler

Zehlendorfs einzige Hauptschule schließt

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf verliert seine letzte Hauptschule. Immer wieder war die Leistikow-Oberschule in den Schlagzeilen – wegen Schlägereien, Messerstechereien und Drogen. Diese Zeiten sind nun vorbei. Denn die Einrichtung schließt und viele werden froh darüber sein.

Sie wäre so gern noch in der Schule geblieben. „Wenigstens noch ein Jahr“, sagt Hande. Das zierliche Mädchen mit den langen schwarzen Haaren und den braunen Augen steht mit seinen Freundinnen im Treppenhaus der Leistikow-Oberschule. Immer wieder war die Schule wegen Schlägereien, Messerstechereien und Drogen in die Schlagzeilen geraten.

Für die drei Mädchen ist das kein Thema, sie sind traurig, ihre Schule verlassen zu müssen. Hande hat nur den erweiterten Hauptschulabschluss geschafft, genau wie Vanessa und Burcu. Doch Hande will mehr. Sie hätte gern die zehnte Klasse wiederholt, um doch noch mit dem Mittleren Schulabschluss (MSA) ins Leben zu starten, sagt sie. Zu spät. Ihre Schule, die Leistikow-Oberschule am Hartmannsweiler Weg 65 in Zehlendorf, wird zum Schuljahresende geschlossen. Am Montag ist dort zum letzten Mal Unterricht. Hande wird sich jetzt um eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bemühen.

Mit der Leistikow-Oberschule schließt die einzige Hauptschule in Zehlendorf. In den vergangenen Jahren waren die Schülerzahlen immer weiter zurückgegangen. Kaum ein Zehlendorfer meldete noch sein Kind an der Schule an, die berühmt und berüchtigt für die Gewalt unter Schülern war. Als 2005 der Anbau saniert werden musste, konnten keine siebten Klassen mehr aufgenommen werden. Damit war das Ende besiegelt. Am Schluss waren es noch 65 Schüler. Die, die nicht abgehen, sind auf andere Hauptschulen in Steglitz verteilt worden.

1954 wurde die Leistikow-Schule gegründet, in den besten Jahren gab es 300 Schüler. „Viele kamen aus den umliegenden Kinderheimen, wie dem Don-Bosco-Heim“, sagt Schulleiter Heinz Winkler. Die hätten bereits ein Schicksal zu tragen gehabt. Dazu bekam die Leistikow Kinder zugewiesen, die von anderen Schulen geflogen waren.

Brief an die Behörde verschwand

„Das waren alles schwere Problemfälle, die eine andere Betreuung gebraucht hätten“, sagt Winkler. Manche seien Serientäter gewesen. Er habe immer wieder die Polizei rufen müssen, meist wegen Schlägereien. In seiner Verzweiflung hatte er 2004 die Schulbehörde alarmiert. In einem Brief wies er darauf hin, „dass er mit den hoch aggressiven Jugendlichen ohne Hilfe nicht mehr klarkommt“.

Der Brief sei in der Schublade verschwunden, genau wie zuerst der Brandbrief von der Rütli-Schule, sagt der 65-Jährige. Mit dem Unterschied, dass die Rütli-Lehrer dann die Öffentlichkeit eingeschaltet haben.

Die Schüler hatten sich mit den Problemen arrangiert. „In der siebten Klasse war es nicht so einfach“, erzählt Steven. Er geht mit dem erweiterten Hauptschulabschluss jetzt ab und macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Ende der achten Klasse, so erzählt er, hatte er seinen Platz gefunden. „Man musste sich nur mit den richtigen Leuten gut stellen“, sagt Steven. Auch Mitschülerin Vanessa, die unbedingt Sozialassistentin werden will, sieht nicht nur die schlechten Seiten: „Die Lehrer haben uns immer bei Problemen geholfen.“ Sie hätten sie motiviert und nicht „als das Letzte behandelt, sondern eher wie Freunde“. Tatsächlich hat sich der Schulleiter nie entmutigen lassen. Er versuchte, mit einem Mediationskurs, dem Schulfach „Soziales Lernen“ und Antigewalttraining gegenzusteuern. Es half, sagt er. Doch als es um die Regelfinanzierung ging, sei kein Geld da gewesen.

Auf dem Schulhof sind bereits die Umbauarbeiten im

Genau wie jetzt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sieht Winkler in der Ganztagsschule das einzige Mittel, um Jugendliche aus dem sozialen Abseits zu holen. „Die Kinder müssen meist erst einmal lernen, wie man Freizeit gestaltet“, sagt der Schulleiter. Er geht jetzt in Pension. „Ich hätte gern eine funktionierende Ganztagsschule an einen Nachfolger übergeben“, sagt Winkler. Stattdessen muss er zusehen, wie nach und nach die Möbel aus dem Schulhaus herausgetragen werden.

Auf dem Schulhof sind bereits die Umbauarbeiten im Gange. In den sanierten Anbau wird das Grünflächenamt des Bezirks einziehen. Sechs Räume wird die benachbarte Pestalozzi-Schule nutzen, außerdem sollen der Personalrat der Lehrer und Erzieher und ein Lehrerseminar in das alte Schulhaus einziehen. Was an der Schule bleibt, ist der Bereich „Produktives Lernen“ – ein alternatives Ausbildungsangebot für 45 Schüler der neunten Klasse. Der Name Leistikow-Schule aber erlischt.

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