Integration

Weddinger Realität statt Multikulti-Träume

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Patrick Goldstein

Foto: M. Lengemann

Nirgendwo in Berlin wohnen so viele Menschen mit ausländischen Wurzeln wie an der Reinickendorfer Straße. Hier heißen die Kinder Hasan oder Ahmed, deutsche Freunde hat hier niemand. Wie Jugendliche in ihrem Kiez leben und wie sich der Wedding seit der Ankunft der ersten Gastarbeiter verändert hat.

Wenn sie ihn doch nur so machen ließen, wie er will. Wenn sie ihm nur eine kleine Chance gäben. Hasan würde zupacken, und nicht mehr loslassen. Aber bevor dieser Tage sein letztes Realschuljahr endet, hat der drahtige 17-Jährige auf seine Bewerbungen schon fünf Absagen aus den Personaletagen alteingesessener Berliner Firmen bekommen. Wer genau diese Absender sind, wie man mit ihnen umgeht, und was sie für Eigenheiten haben, weiß er nicht. Denn da, wo er wohnt, sagt Hasan ganz selbstverständlich, kenne man keine Deutschen.

Hasan kauert am Südende der Reinickendorfer Straße im Kreise seiner Kumpel auf einem Geländer. Stemmt sich mit den Armen hoch, bis er in Manier eines Geräteturners auf den Händen balanciert. Die Freunde, mit denen er deutsch redet, weil ein Türke darunter ist, nicken anerkennend. Der Sohn libanesischer Eltern will, wie die Einwanderer in den USA, in Wedding seinen "Deutschen Traum" wahr machen. Und so, wie der großgewachsene Bursche, der in teurem weißem Sporthemd zu blauer Trainingshose eine gute Figur macht, gescheit zu reden versteht und stolz einen deutschen Pass hervorholt, hocken sie im Viertel zu Massen in den Startlöchern und warten auf ein Signal. 67,1 Prozent der Bewohner der Reinickendorfer Straße haben Migrationshintergrund - Platz zwei einer jetzt veröffentlichen Rangliste des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.

Viele seiner Bekannten wüssten gar nicht, wie gut es ihnen in Deutschland geht, hat Hasan bei einer seiner allsommerlichen Reisen zur Familie in den Libanon bemerkt. "Dort drüben nimmt man, was man bekommt. Hier ist man nicht zufrieden mit dem, was man hat", sagt er nach einem gekonnten Abschwung vom Geländer. Wenn nicht auf dem Berufswege, irgendwie muss diese Energie raus aus dem Teenager.

Wo die jungen Menschen mit Migrationshintergrund - das neumodische Wort kommt ihm flüssig von den Lippen - immer mehr werden in der Stadt, werde das irgendwann bewirken, dass "man sich besser kennen lernt", dass "Araber nicht mehr gleich Kriminelle und Terroristen sind", hofft Hasan.

Er werde auch im Viertel bleiben, wenn sie ihm eines Tages einen Job anbieten und das Geld kommt. "Wir haben hier unsere kleine Ecke, der Einkaufsmarkt ist nebenan, hier kennt man sich aus." Kein Traum vom bürgerlichen Bezirk, vom Wohnen im Grünen? "Grün haben wir hier auch", sagt Hasan gelassen und zeigt unter sich auf einen Spalt in den Bordsteinplatten, aus dem ein Zentimeterstreifen Unkraut dringt.

Tatsächlich ist aber, wer es sich leisten konnte, in den vergangenen Jahren geflüchtet. Erst der Schuster, dann der Textilverkäufer, vor einem dreiviertel Jahr dann der letzte deutsche Buchhändler. Jetzt bevölkern die Straßen junge Männer mit Bruce-Lee-Körper, mit wenigen Quadratzentimetern untätowierter Haut, aber ohne Beruf. Dazwischen trinkende Punks und blasse Minderjährige in Minirock, die auf dem Arm schon den Nachwuchs tragen, dem sie die graue Zukunft gleich mitvererbt haben.

"Die Studenten kommen", hält Felicitas Rotzinger dem hoffnungsfroh entgegen. Vor 26 Jahren, als sie der Liebe wegen von Konstanz nach Berlin zog, eröffnete sie hier ihr Geschäft "Radhaus Wedding". Darin riecht es an heißen Tagen nach Gummi. Die Farbe der Türrahmen ist an vielen Stellen abgeplatzt, und wer groß ist, muss den Kopf unter den tief hängenden Felgen einziehen. Die einstige Alternativszene Weddings, die bei ihr kaufte, bevor sie ihre Kinder in Sicherheit gen Charlottenburg und Steglitz brachte, reist inzwischen aus den Mittel- und Oberklassebezirken an, um Rotzinger Räder für 649 Euro abzukaufen. Preise in Höhe von Hartz IV-Unterstützung.

Die Hoffnung: Studenten

Aber jetzt kommen ja die Studenten. "Die Wohnungen sind hier schön und billig. Und wo Studenten sind, entspannt sich die Atmosphäre im Viertel schnell. Von denen fühlen sich etwa die ausländischen Jugendlichen nicht bedroht. Die fangen da gar nicht erst an mit ihren Machogehabe."

Man muss schon den jung gebliebenen Elan der 56-Jährigen haben, um hier zu bleiben. So beobachtet sie in ihrer kleinen Wohlstands-Oase den Niedergang um sich herum. Etwa das Werk der Drogendealer im U-Bahnhof Nauener Platz. Von der Hand in den Mund leben sie, im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie daraus für Kunden die kleinen Aluminum-Bällchen voll Stoff holen, jederzeit bereit, bei Polizeieinsatz ihre heiße Ware herunterzuschlucken. "Die sind die Pest", klagt Rotzinger.

Seite an Seite lebt sie mit den Nationalitäten. Nimmt sie nicht als Ausländer sondern als Weddinger, Berliner - wie sich selbst. Kontakt gibt es beim Einkauf im Gemüsegeschäft, im indischen Restaurant, mit ihren eigenen Kunden. Normalität.

Migranten unter sich

Manchmal erzählt ihr Ahmed vom Eis-Laden, was es Neues gibt im Kiez. "Früher war es schöner hier", sagt er und verschränkt die kräftigen Arme vor dem kräftigen Bauch." 1968 kam er als Achtjähriger mit beiden Brüdern nach Berlin. Die Eltern arbeiteten schon bei Siemens. Ahmed, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, arbeitete bei Hertie, dann in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe. Sein gutes Deutsch habe er, weil er früh deutsche Freunde fand. Heute dagegen blieben seine Landsleute oft unter sich, worunter ihre Sprachkenntnisse litten. "Die können unzählige türkische Sender empfangen. Die isolieren sich."

Die Armut im Bezirk mache ihn fertig, sagt er. Samt Mutter und Brüdern sitzt er jetzt auf einem Mietshaus an der Reinickendorfer Straße, in das in den Achtzigern Vaters Erbe floss und das heute nichts mehr wert ist. Und wenn Mütter ihre bettelnden Kinder vom Eis-Laden fortziehen, weil 70 Cent für ein Eis nicht deren Budget sind, leide er mit.

Die Reinickendorfer Straße habe sich zum Schlechten verändert, findet Ahmed. In zwei Jahren will er mit Frau und fünfjähriger Tochter in die Türkei zurückgehen. Mit den Deutschen im Viertel, sagt er, habe er nie Probleme gehabt. Nur eines mag er nicht hören: "Uns wurde immer gesagt: Ihr seid fleißig, euch haben wir hier gern. Eure Landsleute aber, die die Straßen unsicher machen und kriminell werden - die wollen wir nicht." Warum habe in all' den Jahren, so Ahmed, niemand gefragt, wer daran die Schuld trägt, dass es mit Teilen der jungen Generation - dass es auch an der Reinickendorfer Straße so weit kommen gekommen ist.