Neue Studie

Berlin hat das größte Armutsrisiko

Berlin holt beim Wirtschaftswachstum in Vergleich zu den anderen Bundesländern auf – das reicht jedoch noch nicht, um das Armutsrisiko seiner Bürger zu senken, wie eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung für die Jahre 2006 bis 2008 zeigt. Das liege nach Ansicht der Autoren in erster Linie an dem gewaltigen Anteil an Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

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Die Bundeshauptstadt Berlin ist mit Blick auf das Armutsrisiko ihrer Bevölkerung trauriger Spitzenreiter. Nach einer Ländervergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung weise Berlin den höchsten Anteil von Beziehern staatlicher Transferleistungen wie Hartz IV auf, so die Stiftung am Montag. Knapp 20 Prozent der Berlinerinnen und Berliner seien auf Unterstützung vom Staat angewiesen, lautet ein Ergebnis der Studie „Die Bundesländer im Standortwettbewerb 2010“, die den Zeitraum 2006 bis 2008 und die Aspekte Soziale Sicherheit, Einkommen und Beschäftigung unter die Lupe nahm.

Im Gegensatz zu Berlin sei das Armutsrisiko in Bayern und Baden-Württemberg gering, hieß es weiter. In den beiden süddeutschen Bundesländern waren demnach durchschnittlich nur rund fünf Prozent der Einwohner auf staatliche Hilfen angewiesen. Insgesamt zeige sich sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands mit Blick auf Armutsrisiken beziehungsweise soziale Absicherung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, lautet ein Befund der Expertengruppe unter Leitung des Würzburger Wirtschaftswissenschaftlers Norbert Berthold.

So wiesen auch Rheinland-Pfalz mit sieben Prozent sowie Hessen und das Saarland mit neun Prozent einen relativ geringen Anteil an Transferempfängern auf, hieß es. Damit sei die soziale Absicherung in diesen Ländern überdurchschnittlich hoch. Als Vertreter des Mittelfeldes mit einem Anteil von jeweils rund zehn Prozent Sozialleistungsempfängern nennt die Studie Niedersachsen, Schleswig-Holstein und das bevölkerungsreichste Nordrhein-Westfalen. Auch Hamburg (13 Prozent) und als einziges ostdeutsches Bundesland Thüringen (zwölf Prozent) zählen die Forscher zur mittleren Gruppe. Schlusslichter – vor Berlin – sind Sachsen und Brandenburg (14 Prozent) sowie Sachsen-Anhalt, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern (17 Prozent). In Berlin erhalten 20 Prozent der Bürger staatliche Unterstützung.

„Im Bereich ‚Sicherheit’ gehört Berlin eindeutig zur Gruppe der am wenigsten erfolgreichen Bundesländer. Dies ist vor allem auf den höchsten Anteil an Transferempfängern unter allen Bundesländern zurückzuführen“, so die Studie. „Bei der inneren Sicherheit liegt Berlin knapp vor Hamburg und ist damit zumindest der beste Stadtstaat. Gegenüber den Flächenstaaten sind jedoch alle drei Stadtstaaten weit abgeschlagen.

Die Bertelsmann Stiftung nannte als einen entscheidenden Faktor für das Armutsrisiko eines Bundeslandes den Anteil junger Alleinerziehender. Diese seien tendenziell eher von Armut bedroht als Paare, erklärte Gunter Thielen vom Vorstand. Dies sei eine Ursache etwa für den großen Unterschied zwischen West und Ost. Liege der Anteil der Alleinerziehenden unter 20 Jahren in den neuen Bundesländern durchschnittlich bei 35 Prozent, so schwanke der Anteil im Westen von rund 16 Prozent in Baden-Württemberg bis rund 22 Prozent im Saarland.

Auch die Arbeitsmarktsituation in den neuen Bundesländern bleibt weiter angespannt. Die fünf neuen Länder und Berlin liegen der Studie zufolge seit Jahren in der Schlussgruppe. Die niedrigste Erwerbstätigenquote von Menschen im erwerbsfähigen Alter weist Mecklenburg-Vorpommern mit 1,53 Punkten auf einer Skala von eins bis zehn auf. Thüringen erreicht immerhin 3,3 Punkte. Gemessen am Bundesdurchschnitt von knapp sechs Punkten liegen Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit 5,65 beziehungsweise 5,47 Punkten auch in der unteren Gruppe. In Punkto Beschäftigung gehöre Berlin zu der Gruppe der am wenigsten erfolgreichen Bundesländer, heißt es in der Studie. „Besonders die mit 21,6 Prozent zweithöchste Arbeitslosenquote (offen und verdeckt) wird sich hierbei negativ aus.“ Damit hat sich Berlin im Vergleich zur letzten Studie sogar noch einmal verschlechtert. Der deutsche Mittelwert liegt bei 11,6 Prozent.

Spitzenreiter mit Blick auf die Beschäftigung ist Hamburg, das über acht Punkte bei der Beschäftigungsskala erreicht. In Prozentzahlen bedeutet dies, dass der Stadtstaat mit 90 Prozent Erwerbstätigen im erwerbsfähigen Alter die deutschlandweit höchste Quote aufweist. Nach Baden-Württemberg und Bayern folgten im „grünen Bereich“ Hessen, Bremen, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. In Berlin sind 67 von 100 erwerbsfähigen Menschen tatsächlich auf erwerbstätig.

Doch in einem hat sich Berlin verbessert: Beim Wirtschaftswachstum. „Das Land hat im aktuellen Untersuchungszeitraum die lange Stagnationsphase überwunden und immerhin fünf Länder beim Wirtschaftswachstum überholt, darunter auch das neue Wachstumsschlusslicht Schleswig-Holstein“, so die Autoren der Studie. „Würde die Spreemetropole weiterhin schneller wachsen als das nördlichste Bundesland, könnte Berlin beim BIP pro Kopf schon bald das erste westdeutsche Land überholen.“

Die Wissenschaftler appellierten an die Bundesländer, mit gezielter Familien-, Regional, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik Einfluss auf soziale Strukturen und auf die Möglichkeiten sozialer Mobilität zu nehmen.

www.bertelsmann-stiftung.de