"Tatort"-Kommissar

Tochter trifft Vater - Ein Spaziergang mit Richy Müller

Schauspieler Richy Müller liebt Motorsport. Luxus ist ihm fremd. Ein Spaziergang mit seiner Tochter durch Charlottenburg.

Richy Müller / Schauspieler Spaziergang am Stuttgarter Platz

Richy Müller / Schauspieler Spaziergang am Stuttgarter Platz

Foto: Reto Klar

Im Internet steht: „Richy Müller, deutscher Schauspieler, geboren als Hans-Jürgen Müller in Mannheim.“ Und: „War 1979 der wilde Typ in ‚Die große Flatter‘, danach eingesperrt in Rollenklischees.“ Oder aktuell: „Seit 2008 Tatort-Kommissar.“ Das Internet schreibt auch: Interviews gibt er nicht so gerne.

Wir treffen uns am Stuttgarter Platz. Richy Müller kommt mit dem Auto. Klar. In den wenigen Interviews ist fast immer auch Motorsport Thema, den liebt er. Und Geschwindigkeit. „Temposünder“ lautet dann die Schlagzeile über ihn. Andere Überschriften klingen bodenständiger. „Luxus ist mir fremd“ oder „Harter Kern, liebevoller Vater“.

Dass er eine Tochter hat, wird auch gerne erwähnt. Mittlerweile ist sie 27 Jahre alt. Googles Algorithmus sagt, sie heiße Paulina Müller. Das stimmt nicht ganz. Weil Richy Müller ihr nicht seinen Allerweltsnamen geben wollte, trägt sie einen anderen Nachnamen. Mit ihr ist er heute zum Interview verabredet. Paulina „Müller“, das bin ich, die Autorin Paulina Czienskowski.

Einen Vater-Tochter-Spaziergang, das hat es noch nie gegeben. Eigentlich ist ein Morgenpost-Spaziergang ja dafür da, jemanden kennenzulernen. Nun machen ihn zwei Menschen, die sich schon das ganze Leben lang kennen.

Welche Fragen stellt man seinem eigenen Vater?

Als normale Journalistin würde man jetzt Dinge fragen wie: „Wollten Sie schon immer Schauspieler werden?“ oder „Welchen Typ spielen Sie am liebsten?“ Aber das geht nicht. Er ist ja kein Fremder. Das wäre, als würde man selbst eine Rolle spielen, die Rolle der „Karla Kolumna“ – und überhaupt, Schauspielern kann hier nur einer, und das ist Richy Müller. Das Schauspiel-Gen vererbt sich nämlich nicht so einfach.

Aber warum Sorgen machen? Wer Richy Müller kennt, weiß, er erzählt liebend gern aus seinem Leben. Und zwar mit solcher Hingabe, dass man jedes Detail dabei vor Augen hat, bis man irgendwann nicht mehr weiß, ob man die Geschichte womöglich sogar selbst miterlebt hat. Eigentlich müsste es heute also super entspannt laufen. Er erzählt, ich höre zu.

Wir gehen los. Seine knallblauen Turnschuhe leuchten im Dämmerlicht des Nachmittags. In etwa so, wie Warnwesten leuchten. Es sind nicht die Art bunter Sneaker, die Männer tragen, um noch im Alter cool zu wirken. Seine Schuhe sehen praktisch aus. Als Teenager würde man sie bei seinen Eltern peinlich finden, aber man wird ja älter. Früher, in den 80er-Jahren, hat er Lederstiefel getragen, manchmal T-Shirts mit „Guns N’ Roses“-Schriftzug. Dann irgendwann Hip-Hop-Klamotten: weite Hosen und Kapuzenpullover. „Im Kindergarten hast du mich gefragt, wieso ich dich nicht wie die anderen Väter im Anzug abhole“, sagt er. Den trägt er nur, wenn er muss. Sonst lieber bequem, bunt, ein bisschen jugendlich.

Der verrenkte Rücken lässt ihn alle paar Meter trippeln

Gerade fühlt er sich allerdings nicht besonders jung. Er hat sich kürzlich seinen Rücken verrenkt. Passiert häufiger. Nun muss er alle paar Meter trippeln. Dabei wirkt er wie ein Flummi, der über die Bürgersteige Charlottenburgs hüpft.

Wie alt ist er eigentlich? „Der wohl am jüngsten aussehende 60-Jährige des Landes“, hat mal jemand geschrieben. Das stimmt womöglich. Kaum einer, der sein Alter nicht ungläubig in Frage stellt. Ist es, weil er keinen Alkohol trinkt? Oder liegt es an der Landluft – jetzt, wo er nicht mehr in Berlin, sondern seit elf Jahren tief in Bayern mit seiner Freundin lebt? Ein Leben ohne Alltag, völlig abseits von Schauspieler-Kollegen und roten Teppichen?

Ja, sagt er, das mit dem Alter hört er schon sehr lange. Noch mit 18 Jahren hat er von der Kassiererin mit dem Wechselgeld einen Luftballon zugeschoben bekommen. „Mich hat das nie gestört.“ Auch das mit seiner Körpergröße nicht. Ob er kleiner geworden sei? „Kann schon sein“, sagt er. „Dann habe ich es geschafft. Ich bin endlich größer als du.“ Wir müssen lachen.

Mehr kommt erst mal nicht. Er ist heute sehr wortkarg. Wieso? Weil hier eine Zeitung mit ihm spricht? „Ich wollte mich noch nie selbst vermarkten – ich bin Schauspieler, das ist, was ich kann.“ Über Persönliches spricht er nicht gern. Also tue ich das jetzt.

Ein bestimmtes Wasser, ein bestimmtes Salz

Der Privatmensch Richy Müller ist authentisch – dabei aber flexibel. Mit fast missionarischer Kraft hatte er schon mehrere Lebensphasen: Mal gab es für ihn nur ein ganz bestimmtes Salz – er nahm den eigenen Streuer auch ins Restaurant mit. Dann ein bestimmtes Wasser, irgendwann Trennkost und dann nur noch Cola Zero. Er genießt und ist ein bisschen faul, wenn er darf. Er erzählt fantastisch Witze, meist die ordinären. Gestik und Mimik können manchmal so wirken, als wäre er wütend, dabei erzählt er nur mal wieder eine seiner wilden Geschichten.

Ein Ausschnitt: In den 90er-Jahren hat er die Band Wu-Tang Clan gehört, als Kind bin ich mit ihm in seinem alten Mercedes zu dröhnender Musik durch die Stadt gefahren. Er ist großzügig, mit sich und anderen. Bei aufgeschürften Knien musste der eigene Urin als Allheilmittel herhalten, von der Heilkraft war er felsenfest überzeugt. Wenn er einen Schuh mochte, kaufte er ihn gleich mehrfach. Das macht er immer noch. Zwischenzeitlich hatte er 40 Paar eines Modells von Nike.

Richy Müller? Erst mal googeln

Und als Schauspieler? Heute ist sein Name bei der jüngeren Generationen nicht so bekannt. Richy Müller? Erstmal googlen. Autogramme gibt er trotzdem, sogar im Urlaub, und auf den Straßen wird er auch angeschaut. Man kann nicht sagen, ob ihn die Leute am heutigen Tag nun wegen seiner merkwürdigen Gangart angucken, oder weil sie ihn als den Schauspieler erkennen.

In der Damaschkestraße begegnet uns ein Mann. Überschwänglich poltert er los: „Ey Richy, wie geht’s?“ Es beginnt ein heftiger Wortschwall, von Schulden und Prozess ist die Rede, von seinem Hund, von gestern. Richy Müller reagiert freundlich aber reserviert. Wer das gewesen sei? „Einer von früher.“ Der Bekannte, dem wir zufällig begegneten, hat in zwei Minuten deutlich mehr erzählt als mein vertrauter Gesprächspartner vorher in den 20 Minuten unseres Spaziergangs.

„Was geschrieben wurde, bleibt für immer“

Warum so still? „Ich mache das nicht gerne, in der Öffentlichkeit aus dem Nähkästchen plaudern“, sagt er. Über ihn gibt es dementsprechend wenig Porträts. Talkshows dagegen besucht er. Für das, was im Studio vor der Kamera passiert, ist nur er selbst verantwortlich. Nichts kann im Nachhinein verfälscht werden. „Was hingegen geschrieben wurde, bleibt für immer.“

Viel Erlebtes, das er niemals in der Zeitung sehen möchte. Als er sich an eine absurde Anekdote erinnert und sie erzählt, muss ich – wie tausend Mal zuvor – lachen. Etwas mit einem Auto, nachts in den 80er-Jahren, Polizei. „Aber das kann man ja nicht schreiben“, beendet er die Geschichte abrupt.

Mist. Er schweigt schon wieder.

Am Ende bekam er die Rolle

Nein, es läuft an diesem Tag einfach nicht so wie sonst zwischen uns. In der Droysenstraße fällt ihm dann doch etwas ein: Nachdem er die Schauspielschule nach zwei Jahren in Bochum abgebrochen hatte, wurde er 1978 zu dem Casting für „Die Große Flatter“ nach Berlin eingeladen. Mit dem Taxi fuhr er in die Straße, durch die wir gerade schlendern. Hier war er mit der Regisseurin verabredet. „Als schüchterner Junge aus einer Kleinstadt musste ich ihr dann erklären, dass ich nicht der Taxifahrer bin, der ihren Freund mit Abszess im Hals ins Krankenhaus fährt.“

Zwei Stunden saß er mit ihr in ihrer Wohnung. Sie erzählte davon, wie sie mal Mick Jagger traf, sich in die Hose dabei machte, und dass sie Elvis-Fan ist. Er hörte zu. Dann fuhren sie gemeinsam mit dem Freund ins Krankenhaus. Am Ende bekam er die Rolle, obwohl er nie vorgespielt hatte. „Der Grund war, weil ich sie ins Krankenhaus begleitet habe.“

Der Filmname ersetzte fortan seinen richtigen Namen

Seine Rolle als Richy spielte er mit ähnlicher Menschlichkeit. Seitdem sprechen ihn die Leute auf der Straße nur noch mit seinem Filmnamen an. Niemand wollte hören, dass der damals 24-Jährige doch eigentlich Hans-Jürgen heißt. „In nur sieben Tagen war ich plötzlich einem Publikum von rund 25 Millionen bekannt.“ Die Bravo druckte einen Starschnitt. Auch für mich heißt er so: Richy.

In jenem Jahr, 1978, kam er also in Berlin an. „West-Berlin war tatsächlich die Insel, von der alle erzählen.“ Die ersten Jahre hauste er in Souterrains für wenig, jobbte, schnorrte sich zeitweise bei Mädels hinterm Tresen vom Musikcafé am Lehniner Platz durch. „Wir haben alle irgendwie gelungert – das ging damals.“ In einer Wohnung hatte er im Zimmer einen Fernseher ohne Fernbedienung. Mit einem Bambusstab schaltete er manuell um, ohne sich bewegen zu müssen. Improvisieren kann er gut. „Einmal kam ich nicht in eine Disco rein, ich ging nach Hause, verkleidete mich als Frau und kam noch in derselben Nacht am Türsteher vorbei.“

Nirgends sonst so lange wie in Berlin

Wir verlaufen uns auf dem Weg zum Kudamm, dabei hat er insgesamt 27 Jahre in Berlin gelebt. „Ich war nirgends sonst so lange.“ Und trotzdem kommt ihm hier nichts mehr vertraut vor. Aber noch immer gibt es gewisse Orte, die er jedes Mal besucht. Heute gab es eine Mini-Pizza bei Ali Baba in der Bleibtreu­straße. „Den Laden gibt es, seit ich ’77 das erste Mal in Berlin war.“ Der Geschmack ist geblieben. Doch im Groben besteht für ihn das Leben aus einzelnen Abschnitten: „Manchmal denkt man an eine Geschichte, kommt an den Ort zurück und wundert sich, was daran noch mal so faszinierend war.“

Entschlossen geht er in ein Wohnhaus auf der Joachim-Friedrich-Straße. Die Tür steht offen. Das macht er gerne, einfach irgendwo hinlaufen, ohne es vorher anzukündigen. Wie ein Rabauke auf Entdeckungstour. „Hier hast du deine ersten drei Monate verbracht“, sagt er. „Anfangs hast du durchgehend geschrien – mit deiner Babymütze im Babysitz sahst du aus wie ein Kosmonaut in der Abschussrampe“, erinnert er sich. Von hier ist er mit dem Kinderwagen oft bis zum Mexikoplatz gelaufen. „Dann warst du ruhig.“

Die Mutter hat er im Dschungel kennengelernt

Kurz scheint ihn seine Erzähllust gepackt zu haben. „Deine Mutter habe ich damals im Dschungel kennengelernt, wo sie an der Bar arbeitete.“ Eigentlich hatte es sein bester Freund Jürgen Vogel auf die schöne Frau abgesehen. „Sie hatte ihm aber eine falsche Nummer gegeben, woraufhin ich sie zur Rede gestellt habe – und plötzlich waren wir dann ein Paar.“ Die Diskothek war bekannt, weil Stars wie David Bowie, der Berlin bis zu seinem Tod prägte, und Prince dort feierten. Und er. Damals war der Mann, dem das Attribut „markante Nase“ zugeschrieben wird, noch nicht als ernstzunehmender Schauspieler bekannt. Das waren die Zeiten, als er zeitweilig in „Halbwelten“, wie er selbst sagt, unterwegs war. „Man war jung, glaubte an gemeinsame Sachen und Gerechtigkeit.“ Meine Mutter war die, die alle haben wollten. Und mein Vater der Macker, der sie bekam und sie auf Händen trug.

Stadtbekannt war er auch für seinen Cadillac. Ein Fleetwood Brougham, 6,80 Meter lang. Er konnte einparken wie ein König. „Auf meinen Fensterscheiben waren immer Fingerabdrücke – jeder wollte mal reingucken.“ Eine einbeinige Prostituierte nähe Potsdamer Straße, wo er damals wohnte, bot ihm manchmal an, für fünf Mark auf das Auto aufzupassen. „Keine Ahnung, was sie im Ernstfall getan hätte.“ Es wurde nie geklaut.

Mittlerweile sind wir auf dem Kudamm angekommen. Hier endet der Spaziergang. Auf dem Mittelstreifen macht er Fotos mit seinem iPhone. Es ist das erste Mal, dass er es aus der Tasche holt. Ungewöhnlich für ihn. Genauso wie seine konzentrierten, abwägenden Antworten, wo er doch sonst so intuitiv sprudelt. Aber heute war er ja auch mit einer Journalistin unterwegs. Und nicht mit mir, seiner Tochter.