Berliner Spaziergang

Adnan Maral, der Mann mit dem Migrationsvordergrund

Als Patchwork-Vater Metin in „Türkisch für Anfänger“ ist er berühmt geworden. Doch Adnan Maral will nicht der „Quotentürke“ sein.

Schauspieler Adnan Maral  ist gern in Mitte und Prenzlauer Berg unterwegs

Schauspieler Adnan Maral ist gern in Mitte und Prenzlauer Berg unterwegs

Foto: Reto Klar

Im Tatort „Einmal wirklich sterben“ spielte er vor Kurzem die Rolle des sympathischen Zoodirektors Gruber. Als das Angebot kam, hat Adnan Maral gern zugesagt, auch wenn die Rolle eine kleine ist. Sie hatte einen großen Vorzug: Gruber ist endlich mal kein Migrant. „Über dieses Angebot habe ich mich gefreut“, sagt Maral, der in Fernseh- und Kinofilmen oft auf „Türken-Rollen“ wie die des Metin in der ARD-Kultserie „Türkisch für Anfänger“ abonniert ist.

Als Maral über Metin spricht, lacht er kurz auf. Dieser Kriminalkommissar mit Migrationshintergrund ist nicht nur Oberhaupt einer deutsch-türkischen Patchwork-Familie, sondern übertrumpft mit deutschen Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Ordnungsliebe manchen seiner Kollegen. Beim Gespräch stehen wir vor einer Graffiti-Wand am Rand des Volksparks am Weinberg, vor der Adnan Maral fotografiert werden soll.

Metin beschäftigt Maral noch immer. Einerseits ist die Rolle, die er vor zehn Jahren erstmals spielte und zuletzt 2012 im Kinofilm „Türkisch für Anfänger“, inzwischen „weit weg von mir“, wie er locker erzählt. Andererseits hat ihn Metin berühmt gemacht. Maral, der 1968 in Ostanatolien zur Welt kam, aber schon seit rund 40 Jahren in Deutschland lebt, mag das Doppelbödige an diesem deutsch-türkischen Polizisten: „Die türkische Mentalität steckt voller Selbstironie, die hat auch Metin.“ Die ARD-Serie wurde zum Mega-Erfolg und in rund 70 Länder verkauft. Kurz unterbrechen wir das Gespräch für das Fotoshooting. Adnan Maral lehnt sich lässig an die Mauer, geht auf Wunsch in die Hocke – das Posen fällt ihm leicht, und der Graffiti-Hintergrund passt.

Die Metin-Rolle hat ihm Ruhm und wichtige Fernsehpreise eingebracht, doch zugleich hat sie Maral festgelegt. Endlos ist die Zahl der Produktionen von „SOKO“ über „Kückückskind“ bis zu den „Wilden Kerlen“, in denen Maral Türken verkörpert. „Ich bin gerne Vorbild, aber nicht der Quotentürke“, sagt er entschieden. Inzwischen haben wir unseren Spaziergang begonnen, gehen durch die Fehrbelliner Straße – in der Nähe lag die erste Berliner Wohnung von Adnan Maral, der in Frankfurt am Main aufgewachsen ist.

In Homeland spielt er den libanesischen Botschafter

Als kürzlich in der Hauptstadt die fünfte Staffel der US-Blockbuster-Serie „Homeland“ gedreht wurde, hat der Schauspieler wieder eine typische Maral-Rolle gespielt: die des libanesischen Botschafters. Die Dreharbeiten waren trotzdem nach seinem Geschmack, er hat jede Menge Spaß gehabt, auch deutsche Kollegen wie Sebastian Koch und Alexander Fehling waren dabei. Beeindruckt hat ihn, was die amerikanischen TV-Macher in Babelsberg aufgebaut haben: „Das war super, da werden schnell mal ein paar Millionen investiert.“ Maral bleibt stehen, um den nächsten Satz zu unterstreichen: Die deutschen Produzenten könnten davon viel lernen.

1997 ist der heute 47-Jährige in Berlin angekommen, zog in ein frisch saniertes Haus an der Strelitzer Straße. Damals hat Maral Theater gemacht, war dabei, als die Baracke, die junge Experimentierbühne des Deutschen Theaters, mit Regisseur Thomas Ostermeier Erfolge feierte. „Das war eine tolle Zusammenarbeit mit ihm. Wir haben das Haus gerockt.“ Besonders hat Maral gefallen, „dass es nicht so theatert hat. Wir haben eine Welt gebaut, die die Außenwelt mit einbezog.“ Bei diesen Sätzen sieht er verschmitzt aus. Auf das Engagement am Deutschen Theater folgte später eines an der Schaubühne.

Zur Hauptstadt hat Maral auch deshalb eine besondere Beziehung, weil er hier seine Schweizer Frau kennengelernt hat. Als er vom „Wie“ erzählt, muss er laut lachen, so wie er überhaupt gerne und ansteckend lacht. 2002 traf Adnan Maral die Liebe seines Lebens bei einer „Schatzparty“ von Detlev Buck. Mit seiner Franziska hat er eine Familie gegründet. Das erste Kind starb gleich nach der Geburt. Die Eltern haben den Verlust zusammen verarbeitet, er hat die beiden wohl noch enger aneinandergebunden. Heute haben die Marals drei Kinder – zwei Jungen und ein Mädchen – zwischen fünf und zehn Jahren.

Seine drei Kinder kennen ihn aus den „Wilde Kerle“-Filmen

Auch wenn der Schauspieler inzwischen vor allem für Fernsehen und Kino arbeitet, bleibt das Theater eine Leidenschaft: „Das ist für mich Lebenselixier“. Im Januar hat eine „Michael Kohlhaas“-Inszenierung von Alexander Brill in Frankfurt Premiere, Maral spielt die Titelrolle. Man sieht ihm die Freude darüber an, denn wieder ist es eine Rolle gegen den Strich: „Ich mag Begrenzung nicht, das kommt immer von außen“.

Erneut bleiben wir stehen, Adnan Maral zeigt uns eine seiner Lieblingsecken im Kiez: Von der Strelitzer Straße aus blicken wir auf die Rückseite der Elisabeth-Kirche von Schinkel. Über dem tempelartigen Gebäude von 1835 erhebt sich im kalten Winterlicht der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz – ein Stilmix, der Adnan Maral in seiner wilden Schönheit gefällt.

Beim Spaziergang spricht er darüber, wie schick dieses Mitte geworden ist. Als er nach Berlin zog, sah es hier noch ganz anders aus – „alles war alt und grau“. Doch auch wenn die Fassaden in der Strelitzer und den angrenzenden Straßen inzwischen edel herausgeputzt sind, die Struktur wirkt immer noch kleinteilig. „Ich mag das Dörfliche“, sagt Maral. Ganz in der Nähe, in der Charite, sind seine beiden Jungs geboren.

Kennen seine drei Kids die Serie „Türkisch für Anfänger“? Maral schüttelt den Kopf: „Wir gehen mit Medien vorsichtig um, lesen ihnen viel vor.“ Aber: Die Wilden Kerle kennen und mögen seine Kinder. Bald ist Papa in Teil 6 zu sehen, der im Februar in die Kinos kommen wird. Adnan Maral spielt darin den Geheimerfinder Hadschi Ben Hadschi.

Wir laufen Richtung Gedenkstätte Berliner Mauer. Dort zeigt mir Adnan Maral die sogenannte Ereignismarke B 375: Sie erinnert an Werner U., der am 30. November 1974 im Grenzgebiet an der Ackerstraße verhaftet wurde – er war verdächtig, die Grenzanlagen überwinden zu wollen. Vom Thema Vergangenheitsbewältigung landen wir unversehens beim Thema Flüchtlinge, das Adnan Maral sichtlich beschäftigt. Er gestikuliert. „Es ist gut und wichtig, den Flüchtlingen in der Türkei zu helfen.“ Ebenso wichtig findet er Hilfe für die hier lebenden Flüchtlinge: „Wenn jeder etwas macht, was er kann, sind wir schon weit vorne.“ Maral hat gerade Einnahmen aus einer Lesung für die Flüchtlingshilfe gespendet.

Sein Interesse für Politik ist offenkundig, 2006 hat er Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Istanbul begleitet, als Kulturbotschafter. Maral warb für einen EU-Beitritt der Türkei. Umgekehrt hat der Minister im Vorjahr ein Vorwort zu Marals Buch „Adnan für Anfänger: Mein Deutschland heißt Almanya“ beigesteuert, nennt den Schauspieler einen Freund. Offen erzählt Maral darin von Vorurteilen, denen er im Alltag begegnet ist, wirbt für Dialog. Er spricht lieber von „Migrationsvordergrund“ als von „Hintergrund“: „Man muss offensiv damit umgehen. Positiv.“

Außenminister Steinmeier nennt Maral einen Freund

Schon ist Maral bei einem anderen Lieblingsthema angekommen: der doppelten Staatsbürgerschaft. Er versteht nicht, warum er nicht neben dem türkischen auch den deutschen Pass haben darf – anders als seine Kinder, die hier zur Welt gekommen sind. Den Pass seines Geburtslandes will er behalten, fühlt sich sowohl in der türkischen wie in der deutschen Sprache zu Hause. Sein Bekenntnis zu Deutschland will er wegen des türkischen Passes nicht in Frage gestellt wissen. Er hebt die Hände hoch: „Ich lebe doch hier, das ist mein Bekenntnis.“ Gerne spricht er auch darüber, dass er Schwarzbrot und Geranien mag. Seine beiden Söhne bringt er regelmäßig zum Fußballtraining. Adnan Maral, der Muster-Migrant.

Das Politische erscheint bei Maral nur als Mittel zum Zweck – für ihn zählt die menschliche Begegnung. Seine Ausstrahlung ist herzlich, offen lässt er sich auf sein Gegenüber ein. In „Adnan für Anfänger“ schreibt er von einer tiefen Sehnsucht: „Ich persönlich wünsche mir, so akzeptiert zu werden, wie ich bin. Was auch heißt, dass ich lerne, andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Auch wenn es manchmal schwerfällt.“

Überhaupt Akzeptanz. Das Wort mag Adnan Maral viel lieber als den Begriff Toleranz. Auch dazu gibt es eine Geschichte: Als er „Adnan für Anfänger“ geschrieben hat, schaute er in einem Lexikon nach, woher das Wort Toleranz kommt. Die Kälte des lateinischen „tolerare“, was so viel heißt wie „erdulden“, hat ihm nicht gefallen. In einer Gesellschaft sollte es eine Akzeptanz für verschiedene Kulturen, Religionen und Mentalitäten geben, findet er: „Wenn man entweder deutsch oder türkisch, ausschließlich Moslem oder Christ sein muss, wird es für jeden Menschen schwierig sein, authentisch zu leben.“

Den eigenen Kindern möchte er einen weiten Horizont geben. „Meine Frau und ich versuchen, ihnen soviel wie möglich von allen Kulturen und Religionen zu vermitteln“, sagt der 47-Jährige.

Ein aufmüpfiger 16-Jähriger ist der Held seines Jugendbuchs

Um das Finden der eigenen Identität, darum geht es auch in Adnan Marals erstem Jugendbuch, das vor Kurzem erschienen ist: Es heißt „Super unkühl, Alter!“ Memo heißt die Hauptfigur – und in seiner Aufmüpfigkeit könnte dieser Memo glatt ein Bruder von Cem sein, Marals Filmkind in „Türkisch für Anfänger“. Der 16-Jährige steckt in einer Krise, seit er erfahren hat, dass der Mann, den er für seinen Vater gehalten hat, nicht sein Erzeuger ist. Memo findet heraus, dass sein leiblicher Vater Türke und dazu noch Sportlehrer ist – wie unkühl ist das denn? Außerdem sitzt Atilla im Rollstuhl. Ein reales Vorbild für die Memo-Figur gibt es nicht, aber die Erzählung eines Freundes über dessen Vater-Suche hat Adnan Maral angeregt, eine Geschichte über das Thema zu schreiben.

Der gelegentliche Rollenwechsel vom Schauspieler zum Schriftsteller macht Maral Spaß. Er sieht durchaus Parallelen zu seiner Arbeit vor der Kamera: „Man muss ja als Schauspieler auch ständig Figuren entwickeln.“ Ein Jugendbuch zu schreiben, fand Maral spannend. Er hat viel Kontakt zu Jugendlichen, hört hin, wenn sie erzählen. Die Romansprache ist locker, gespickt mit Ausdrücken wie „Alter“, „Diggah“ und „Kein Plan“.

Sprache ist eines der Themen, über die Adnan Maral viel nachdenkt. Wir sitzen inzwischen im Nola’s am Weinberg. Er mag die Schweizer Küche, die er durch seine Frau lieben gelernt hat. Adnan Maral spricht gerne über seine Familie, man merkt, dass sie ein Anker im unruhigen Schauspieler-Alltag ist. „Sprache ist für mich ein ganz wichtiger Wert. Ich bin mit zwei Sprachen groß geworden und stelle immer wieder fest, was für ein Reichtum es ist, mit mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein“, sagt er. „Mir hat das Erlernen früher dabei geholfen, meine Identität zu finden.“

Gern sitzt er stundenlang am Strand und schaut aufs Meer

Wo der Ton von „Super unkühl, Alter“ an den Blockbuster „Fack ju Göhte“ erinnert, wirkt die Story um den im Rollstuhl sitzenden Vater wie eine Hommage an „Ziemlich beste Freunde“. Der Eindruck kommt nicht von ungefähr, denn die beiden Filme haben Maral mit ihrem frechen Tonfall und ihrem durchaus ernsten Thema gefallen: „So eine Mischung wollte ich hinbekommen.“

An seine eigene Pubertät in Frankfurt kann er sich noch gut erinnern, er hat auch Mist gebaut damals. Doch manches hat ihn gerettet. Der Sport zum Beispiel – im Taekwondo hat er einige Medaillen geholt. Und das Schultheater.

Im Roman entdecken Memo und sein bester Freund eine Leidenschaft für Vinyl. Auch Adnan Maral hat eine stattliche Vinyl-Sammlung zu Hause. Und ein Klavier. „Musik ist soooo wichtig“, sagt der Schauspieler und legt seinen Kopf auf die ineinander verschränkten Hände. Laute Musik zu hören, das gibt ihm ein Gefühl von Freiheit. Das Gefühl hat er auch, wenn er am Meer sitzt – stundenlang kann er aufs Wasser schauen. Alles, was einengt, ist dann ganz weit weg.