Bernd Fiedler hat sein ganzes Leben in einer Kneipe verbracht. Er stand schon als Teenager hinter der Bar der kleinen Weltlaterne, der Kneipe, die er heute als 65-Jähriger immer noch führt. „Es hat mir immer Spaß gemacht“, sagt er.

Es ist schwierig, von der kleinen Weltlaterne als einer Kneipe zu sprechen, denn eigentlich handelt es sich dabei um zwei Lokale. Mitte der 70er-Jahre zog die Bar von Kreuzberg nach Wilmersdorf, von der Kohlfurter Straße an die Nestorstraße 22. Die großen Tage der Weltlaterne, die Kreuzberger Zeiten, sind inzwischen vorbei, doch die Erinnerung an sie lebt in Wilmersdorf weiter.

Kein Wunder, dass Fiedler genau damit beginnt, wenn er seinen Besuch durch die Räume der Weltlaterne führt. Links hinter dem Tresen öffnet sich ein schmaler Flur. Die Wände sind schwarz-weiß gefleckt von Hunderten kleiner Fotos. Fast alle zeigen sie das gleiche Motiv: Hertha Fiedler, die Mutter des Wirts und Gründerin der Weltlaterne, stets Arm in Arm mit berühmten Gästen.

„Hier sieht man sie mit Karl Dall“, sagt Fiedler und zeigt auf ein Bild. So abwechslungsreich die Künstler sind, mit denen sich die Wirtin dort zeigt, so konstant ist ihr eigener Auftritt. Immer lacht sie, fast immer hat sie die Haare hoch gesteckt, meist trägt sie ein geblümtes Kleid. Auch auf jener hervorstechenden Fotografie, die zeigt, wie sie für ihre Verdienste um die Kunst das Bundesverdienstkreuz entgegennimmt.

Ende der 50er-Jahre kam die Sächsin nach Berlin. An der Hand ihren Sohn Bernd, in der Tasche 2000 Ostmark, genug, um eine alte Kindl-Kneipe in der Kohlfurter Straße zu übernehmen. Es dauerte nicht lange, bis aus der Eckkneipe ein Künstlerlokal wurde und aus Hertha Fiedler die Ersatzmutter für Berlins kreative Szene.

Wer früher mal nicht zahlen konnte, zahlte mit Bildern und Gedichten

„Sie hatte ein Herz für Künstler“, sagt ihr Sohn heute, über ein halbes Jahrhundert später. „Wer sein Bier oder seine Wurst nicht zahlen konnte, zahlte einfach in Bildern oder Gedichten.“ Was für die Künstler praktisch war, war auch für den Ruf der Weltlaterne nicht hinderlich. Kurt Mühlenhaupt, Sigurd Kuschnerus, Günther Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell waren nur einige der Persönlichkeiten, die allabendlich bei den Fiedlers einkehrten.

Günther Grass trank sein Bier hier, Friedensreich Hundertwasser, Henry Miller und Friedrich Dürrenmatt besuchten die Weltlaterne. „Das waren fantastische Partys damals“, erinnert sich Fiedler. Rauschende Nächte in einer Zeit, als die Kunst unentwirrbar verwoben war mit Bier und Wein. „Alle rauchten und teilweise war so stickig, dass eine blaue Glocke über uns hing.“

Bernd Fiedler selbst hat dennoch nie angefangen zu rauchen. „Ich fand immer, das schmeckt nach Aschenbecher.“ Stattdessen entschied er sich für den Schnupftabak. Wenn er jetzt auf der niedrigen Holzbank vor der Weltlaterne sitzt, schnupft er ihn in kleinen Mengen und grüßt nebenbei Passanten, die vorbeigehen. Man kennt sich in der Nestorstraße. Die Weltlaterne ist längst zur Nachbarschaftskneipe geworden.

Fiedler lebt in einer Wohnung über der Bar, seine Tochter im Haus daneben. Am Eingang erinnert eine Messingplakette daran, dass der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov hier einmal lebte. „Das Lokal ist immer noch ein Familienbetrieb“, sagt Fiedler. Inzwischen ist es seine Tochter, die ihm im Laden hilft. „Wer weiß? Vielleicht geht es ja eine Zeit lang so weiter“, sagt er vage.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte in der Weltlaterne

Es wäre nicht das Einzige, was unverändert bliebe. Auch von innen sieht es in der Kleinen Weltlaterne aus wie in alten Zeiten. Der Holzboden knarrt bei jedem Schritt, die Wände sind einmal dunkelrot gewesen, doch nun über und über bedeckt von Bildern. Nicht alle zeigen Gäste der Kneipe, manche sind auch von ihnen gemalt worden.

Bernd Fiedler kennt zu jedem eine Geschichte. Viele der Künstler waren der Weltlaterne auch nach dem Umzug nach Wilmersdorf treu geblieben. Doch das ist lange her. „Die meisten sind gestorben. Allein in diesem Jahr haben zwölf unserer alten Stammgäste das Zeitliche gesegnet.“ Auch Hertha Fiedler ist vor ein paar Jahren gestorben, ihr Sohn hält ihren Ruf und ihre Kneipe am Leben.

Das könnte etwas Trauriges haben. Ein Mann, der seinen Dienst verrichtet in einer Bar, die ein Denkmal alter Zeiten ist. Doch wer genau hinsieht, erkennt schnell, dass die kleine Weltlaterne immer noch lebendig ist. Abends spielen Stammgäste an den runden Tischen Skat, es gibt Bier und Wein, Currywurst und Buletten. Wie eh und je.

Musik lockt die junge Generation in die Kneipe

Die Bilder auf der Empore im hinteren Teil des Barraumes immerhin ändern sich alle paar Wochen. Nach wie vor ist die Weltlaterne nicht nur Kneipe, sondern auch Galerie. Die aktuelle Ausstellung, die die letzten Jahrzehnte Kneipengeschichte porträtiert, ist die 500. seit Gründung des Lokals.

Trotzdem steht Fiedler vor genau jenen Problemen, die auch jeden anderen Kneipier in Berlin umtreiben. Wie schafft man es, eine altverdiente Berliner Kneipe auch der nächsten Generation schmackhaft zu machen? „Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht“, sagt er. „Vielleicht mit der Musik.“ Zweimal in der Woche, meist am Donnerstag und Sonnabend, spielen Bands für die Gäste der Bar. „Vor allem ist das Jazz, Swing, Dixieland – solches Zeug eben.“ Zwischen vier und zehn Euro kostet der Eintritt dann, und jedes mal ist es brechend voll in der Kneipe. Dann sind die neuen Zeiten ebenso kultur- und rauchgeschwängert wie die alten.

Seit den wilden 60er- und 70er-Jahren hat man in der Kneipe an der Nestorstraße das Licht gedämpft. Aber die Kleine Weltlaterne leuchtet nach wie vor.