Er ist das Einmann-Theater: Karsten Ackermann verkauft die Eintrittskarten, kümmert sich um Licht, Ton, Bühnenbild und spielt Rotkäppchen, den Wolf, die Großmutter und den Jäger. Während er die verschiedenen Stimmen spricht, lässt er an seinen Händen die Puppen tanzen. Morgens und nachmittags entführt er Kinder in sein Märchenland, abends die Erwachsenen in Orpheus Unterwelt.
Schon von weitem erkennen seine Stammgäste an der herausgehängten Fahne, ob das Theater Felicio an der Schievelbeiner Straße in Prenzlauer Berg geöffnet ist oder nicht. Dann laufen die Kinder etwas schneller, weil sie wissen, dass die Karten für die gut 50 Plätze schnell ausverkauft sind. Das Theater sieht nach altem Entertainment aus. Kinder bestaunen die Kristallleuchter unter der Decke, den roten Samtvorhang vor der Bühne und die alten Plakate an den Wänden.
Erstmal etwas Ordentliches
Karsten Ackermann hat schon als Kind seine Leidenschaft für das Puppentheater entdeckt. „Weihnachten war es bei uns Tradition, dass meine Schwester auf der Gitarre spielte und ich ein Stück auf meinem kleinen Puppentheater vorführte“, erzählt der heute 50-Jährige. Dass man daraus auch einen Beruf machen könnte, darauf wäre er damals nicht gekommen. Nach der Schule, lernte er in der DDR zunächst „etwas Ordentliches“ und wurde Elektriker. Seiner Leidenschaft blieb er dennoch treu und gründete mit Freunden ein Amateur-Puppentheater. In der Freizeit spielten sie in Kindergärten und auf Volksfesten.
Ermutigt durch den Erfolg, wagte er die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Ernst Busch. Die Prüfung bestand er, doch als Wehrdienstverweiger durfte er kein Studium beginnen. Trotzdem gab er seinen Beruf auf und schloss sich in Dresden einem Marionettentheater an. Mit Wohnwagen zog die Truppe damals durchs Land und spielte in allerlei Provinz-Gasthöfen.
„Nach der Wende mussten viele Kulturhäuser und Gasthöfe schließen. Außerdem waren die Menschen jetzt neugierig auf alles, was aus dem Westen kam“, erzählt Karsten Ackermann. 1993 beschloss er, müde vom vielen Herumreisen, ein eigenes festes kleines Theater in Berlin zu gründen. „Hier musste es einfach Menschen geben, die sich für Puppenspiel interessierten“, sagte er. Schließlich hätten die großen subventionierten Häuser der DDR gerade geschlossen und so eine Lücke gerissen.
Aus seiner Idee entwickelt Ackermann nach und nach ein ganzes Stück
„Klar war aber auch, dass von einem Theater nicht mehr als eine Person leben konnte“. Also machte er alles allein. „Ich fing ganz klein an, mit Rumpelstilzchen, da gibt es nicht so viele Figuren“, sagt Ackermann. Zunächst gastierte er mal hier mal dort, später mietete er sich die Räume an der Schievelbeiner Straße.
Sein erstes Theaterstück spielt er heute noch regelmäßig. Alle zwei Jahre, kommt ein neues hinzu. So lange dauert es, bis ein Stück von der Idee bis zu den Puppen komplett fertig ist. Zuerst denkt sich Ackermann die Geschichte aus, dann holt er einen Regisseur hinzu.
Nach und nach entstehen die Figuren dazu in seinem Kopf. Jedes Mal sehen sie ganz anders aus, der Wolf bei „Peter und der Wolf“ ist eher der Comic-Held mit Ringelshirt, während der Bösewicht in Rotkäppchen sich selbst bemitleidet, weil er hässlich ist und ihn niemand mag. Inzwischen sind es acht Inszenierungen, die er auf die Bühne bringt.
Die Puppen lässt Ackermann in der renommierten Theaterfiguren-Manufaktur von Barbara und Günther Weinhold nach seinen Ideen anfertigen. Die Puppengestalter zeichnen zuerst kunstvolle Entwürfe. Jedes Detail wird abgestimmt, vom Haupthaar bis zu den Schuhen. „Wenn sie fertig ist, nehme ich mir die Puppe mit nach Hause, um sie kennen lernen“, sagt Ackermann. Die Puppe sitze dann in seinem Wohnzimmer und entwickele nach und nach eine Stimme, eine eigene Persönlichkeit.
Auch wenn Ackermann viele seiner Stücke seit Jahren spielt, gleicht keine Vorstellung der anderen. Kinder reagieren immer wieder neu und Ackermann geht stets auf sie ein. Fangen die Kinder an unruhig zu werden, weiß er, dass er mehr Gas geben muss. Und seine Zuschauer spielen mit: Sie rufen dazwischen, lachen, weinen und reden mit den Puppen, als wären sie selbst mitten im Stück. Dann ist Improvisation gefragt. Nur selten ist er um eine spontane Reaktion verlegen. Einmal habe ein Junge gerufen: „Kaspar, halt den Film an, ich muss mal pullern“. „Beeil dich, ich spiele so lange ein bisschen langsamer für Dich“, antwortete der Kaspar da.
Turnende Marionetten
Vor zehn Jahren hat Ackermann mit „Orpheus in der Unterwelt“ sein erstes Abendstück für Erwachsene ins Programm genommen. Stammgäste bekommen demnächst eine weitere Abendvorstellung zu sehen. Von seinem neuen Stück, einem Varieté mit jonglierenden und am Trapez turnenden Marionetten, soll es eine abgeänderte Abendvariation für Erwachsene geben.
Von Mittwoch bis Sonntag ist Ackermann in seinem Theater, manchmal auch montags. Ab und zu überkommt ihn aber die alte Reiselust. Dann packt er seine Puppen und die ganze Bühne in einen großen Koffer und spielt auf Festivals oder gastiert im In- und Ausland.
Die bislang weiteste Reise hat ihn im vergangenen Jahr drei Wochen lang nach China geführt. Sogar ein bisschen Chinesisch hat er gelernt. „Die ersten beiden Tage waren schrecklich, ich wollte gleich wieder abfahren“, erzählt er. Zwar würden die Chinesen die Märchen der Gebrüder Grimm gut kennen, doch mit seiner leisen Art von Theater hätten sie nichts anfangen können.
Karsten Ackermann reagierte. Er drehte die Musik auf und baute Showeffekte ein. Plötzlich wurden seine Auftritte zu großen Erfolgen. Und wie in Prenzlauer Berg staunten die chinesischen Zuschauer, als sie nach den Vorstellungen erfuhren, dass alle Figuren von nur einem Mann gespielt worden waren.




