Quotenhoch

Warum ist der „Tatort“ eigentlich so erfolgreich wie nie?

Ein Quotengarant war die ARD-Reihe schon immer. Aber in letzter Zeit erreichen die Krimi-Folgen ungeahnte Zuschauerzahlen. Wir haben nach Erklärungen gefragt - bei Prominenten, die es wissen müssen.

Foto: WDR/ Thomas Kost / WDR/Thomas Kost

Der Tatort ist das letzte Lagerfeuer der Republik, an dem sich die ganze Familie schart. Die Reihe war schon immer ein Quotengarant. In der letzten Zeit hat das aber noch mal spürbar angezogen. Bei seinem Einstand als Hamburger Kommissar konnte Til Schweiger gleich einen Rekord mit 12,57 Millionen Zuschauer aufstellen. Zwei Wochen später aber konnten die Münsteraner Kollegen Jan Josef Liefers und Axel Prahl ihn mit 12,81 Millionen schlagen. Auch andere Folgen erreichen ungeahnte Zuschauerzahlen. Darüber hinaus gibt es - auch in Berlin - immer mehr Kneipen und Veranstaltungsorte, in denen der „Tatort“ als Public Viewing ausgestrahlt wird. Und auch auf Facebook und den anderen Neuen Meiden werden die neuen Folgen heiß diskutiert. Woran kann das liegen? Wir haben einmal nachgefragt.

Axel Prahl

Als die ARD sich entschlossen hat, die ganzen Tatorte auch noch unter der Woche in den dritten Programmen zu wiederholen, habe ich prognostiziert, dass das der Todesstoß für den „Tatort“ sein wird, weil er zu omnipräsent wird und die Leute ihn satt haben werden. Aber genau das Gegenteil ist passiert.

Dass es auch immer mehr Public Viewings von „Tatorten“ gibt, zeigt, dass es wohl ein gesteigertes Bedürfnis gibt. Aber der Erfolg der vergangenen Wochen liegt wohl auch an den Neuen Medien. Die haben im Internet ja richtiggehend dazu aufgerufen, für den Münsteraner „Tatort“ einzuschalten, damit Til Schweiger von seinem Thron gestoßen wird. So etwas hätte man in Zeiten von Schimanski & Co. wohl nur mit einer Telefonkette herstellen können.

Aber wenn ich mir das vorstelle: Eine Zuschauerzahl, drei mal so groß wie eine Stadt wie Berlin, und da passiert nichts mehr in den Straßen, weil die alle vor diesem magischen Viereck hocken, das nimmt auch beängstigende Züge an. Ich freue mich natürlich, dass unsere Fans sich so für uns ins Zeug gelegt haben, aber ich persönlich messe der Quote keine solche Bedeutung bei. Quote ist für mich kein Garant für Qualität, und ich will vor allem Qualität abliefern.

Der Schauspieler (53) bestreitet seit 11 Jahren und 23 Folgen mit Jan Josef Liefers den Münsteraner „Tatort“, der stets die besten Quoten des Formats einstreicht.

Regina Ziegler

Auch mich hat der Anstieg der Quoten für den „Tatort“ überrascht, die ja schon bisher hoch und sehr stabil waren, um die sechs bis sieben Millionen. Vermutlich gibt es auch hier nicht den einen, sondern mehrere Gründe. Auch solche, die wir nie erfahren werden, das Publikum ist immer auch ein Stück weit ein Rätsel. Was man aber wissen kann und was beim Fernsehkonsum gerne übersehen wird, ist – ja: das Wetter, in diesem Fall das kalte. Der lange Winter trieb dem Fernsehen die Hasen vor allem an kalten Tagen in die Küche. Also: Nicht der erste Besuch im Biergarten, nicht der Ausflug aufs Land, sondern lieber die warme Stube! So haben die Deutschen es in diesem Frühjahr offenbar gesehen und entsprechend gehandelt. Und der „Tatort“ hat davon profitiert. Ein anderer Grund für den Zuwachs dürfte sein, dass die andern Sender an manchen Sonntagen erheblich schwächeln. Und dann gilt eben der Satz: der Sieger nimmt alles! Oder: wo Tauben sind, da fliegen Tauben hin. Dann wird ein starker Titel wie der „Tatort“ noch stärker. Und noch etwas wirkt. Der Sendeplatz ist seit Jahrzehnten immer derselbe. Das hat den „Tatort“ zu einem „Wort zum Montag“ mit der tröstlichen Botschaft gemacht: Alles wird gut! Das wollen die Menschen nun einmal gerne hören. Und am besten dann auch noch sehen.

Die Berliner Film- und Fernsehproduzentin (69) produziert gerade die rbb-Tatort-Folge „Großer Schwarzer Vogel“, die im Frühjahr 2014 ausgestrahlt werden soll.

Oliver Mommsen

Es ist wirklich bemerkenswert, dass einen mittlerweile sogar die Kinder von „Tatort“-Fans erkennen und ansprechen. Seit ein, zwei Jahren ist da wirklich ein gesteigertes Interesse zu beobachten. Es ist enorm viel passiert in dieser Zeit: die neuen Teams, die ins Rennen geschickt wurden, die großen Theatergrößen, die an den Start gingen, ob Ulrich Tukur oder Martin Wuttke. Vor allem aber wird immer mehr experimentiert, wie weit man dieses Medium ausreizen kann: ob es der sprechende Hirntumor ist, ob es die bekloppte Figur von Devid Striesow ist oder ob man auf das Transportmittel Humor setzt wie bei den Münsteranern. Es wird viel ausprobiert, man ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus. Da macht die ARD einfach keine Atempause, es wird immer wilder. Da heißt es jetzt echt sportlich bleiben: Die Konkurrenz belebt ja das Geschäft.

Ich glaube, dieser Experimentier-Mut dankt einem das Publikum. Mit Interesse und Dranbleiben. Die Quoten belegen das. Das macht mir aber auch ein bisschen Angst. Denn alles, was in Deutschland gehypt wird, wird irgendwann auch niedergeknüppelt. Und auf den Moment könnte ich gerne verzichten.

Der in Berlin lebende Schauspieler (44) spielt seit 2001 in bislang 27 Folgen neben Sabine Postel im Bremer „Tatort“.

Gunther Witte

Als wir den Tatort damals entwickelt haben, wollte ihn erst einmal keiner haben. Die ARD-Senderchefs konnten zunächst gar nichts damit anfangen. Das hat sich dann bald geändert. Aber niemand hätte sich je denken können, dass das einmal ein solcher Erfolg werden könnte, geschweige denn, dass er so langlebig sein würde. Damals, ohne die privaten Sender, gab es natürlich noch ganz andere Quoten. Da hatten wir Sehbeteiligungen von bis zu 70 Prozent. Das wurde nur noch geschlagen vom Besuch der Queen in Deutschland. Daran ist heute gar nicht mehr zu denken.<EP>Was das Format so erfolgreich macht, ist natürlich das Konzept: Der „Tatort“ hat sich von Anfang an durch die Vielfalt mit verschiedenen Kommissaren und regionalen Schauplätzen immer wieder neue Bluttransfusionen gegeben. Was aber in der letzten Zeit hinzugekommen ist, ist die Schwächung des fiktionalen Bereichs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wir haben die besten Schauspieler, die die Leute auch gerne sehen wollen, aber in diesem Bereich wird zurzeit einfach viel zu wenig produziert. Das hat natürlich mit Etatproblemen zu tun. Leider. Es wird an allen Enden gespart. Früher hat es viel mehr Fernsehfilme gegeben. Wenn ich mir die Gesamtpalette ansehe, ist das schon sehr viel dünner geworden. Wenn Schauspieler dann mal Fernsehen machen, ist es verständlich, dass sie dann gleich „Tatort“ machen.

Der langjährige WDR-Fernsehspielchef (77), der heute in Berlin lebt, hat 1970 das „Tatort“-Format erfunden und ist damit der Vater der Reihe.

Ulrike Folkerts

Die Quoten haben wirklich erstaunlich zugelegt. Und auch wir profitieren davon. Im Januar hatten wir über zehn Millionen, was man ja nicht so oft erreicht. Natürlich spekuliert man, woran das liegen könnte. Gerade kommen ja eine Menge neue Kommissare hinzu. Und das Format wird in alle Richtungen neu ausprobiert: sei es mehr Action, mehr Komik, mehr Spannung oder mehr crazy Kommissare. Da werden Strukturen und Grenzen ausgelotet, das finde ich total spannend. Es gibt ein paar Regeln beim „Tatort“, dass es nach zehn Minuten eine Leiche geben muss, dass der Mörder garantiert überführt wird. Aber das wird gerade alles neu definiert. Und die Zuschauer gehen ganz offensichtlich dabei mit.

Natürlich habe auch ich mit Spannung verfolgt, was ein Til Schweiger jetzt anders macht, wo er doch im Vorhinein so an der Form gemäkelt hat. Und habe festgestellt, dass er eben auch nur mit Wasser kocht. Aber ich bin schon ganz froh, dass ich mich heute nicht als „Tatort“-Kommissarin neu erfinden muss, dass ich da längst einen Platz in der Riege habe. Dennoch ist die Aufregung so groß, dass sich jetzt auch bei Lena Odenthal das Rad weiterdreht.

Die Schauspielerin (52) ermittelt seit 1989 in Ludwigshafen und ist damit unter den „Tatort“-Ermittlern die dienstälteste.

Cooky Ziesche

Demographisch ist der Sonntag für die Deutschen der „Tatort“-Platz, Wiedervereinigung hin oder her. Es ist das etablierteste Format, das die ARD, was das deutsche Fernsehen überhaupt zu bieten hat. Das hat mit dem Gewohnheitsfaktor zu tun. Und in Krisen und bewegten Zeiten ist das Sichere, das Verlässliche immer gut. Das spielt eine starke emotionale Rolle. Die „Tatort“-Folgen geben auch ein Stück unserer Lebenswirklichkeit wieder, wonach die Menschen, wie ich glaube, auch ein Bedürfnis haben. Die wollen nicht nur diese realitätsfernen Glückswelten sehen. Zunehmend hat es auch mit der Besetzung der Kommissare zu tun. Inzwischen spielt die Creme de la Creme der deutschen Schauspielzunft mit. Vor ein paar Jahren hätten wir nie gedacht, dass Til Schweiger ein Tatort-Kommissar sein könnte. Oder wollte. Und jetzt ist er das mit Bravour. Aber auch durch die Öffnung des Genres. Was der Polizeiruf mal eingefangen hat, das tragikomische Moment einzuführen, das war damals noch der ORB und der RBB, das kam jetzt in die Blüte mit Liefers und Prahl. Selbst der „Polizeiruf“ profitiert davon, der kommt jetzt auch auf acht Millionen pro Folge.

Die Producerin und Drehbuchautorin (52) leitet seit März die rbb-Filmredaktion und ist damit auch für die Berliner „Tatorte“ zuständig.

Bjarne Mädel

Das Anziehen der Quote hat natürlich mit Til Schweiger zu tun. Das ist in der Presse ja mächtig hochgejubelt und auch runtergemacht worden. Das musste dann natürlich jeder gucken. Ich fand den nicht schlecht, ich hätte auch nichts anderes erwartet, als das es mehr Action und Ballerei gibt. Man muss aber auch sagen: So viel Geld hätten andere auch gern. Selbst beim Tatort wird aj immer mehr gespart. Auch beim Fernsehen wird ja immer mehr gespart. Selbst beim Tatort. Früher hatte man 35 Drehtage, heute versucht man das schon auf 20 zu drücken. Da bleibt kein Raum mehr für Improvisationen, das ist wahnsinnig unkreativ geworden. Da gibt es nur das Druckmittel der Münsteraner Kommissare, die sagen, wir drehen nicht unter 23 Drehtagen, da können wir unsere Qualität nicht mehr halten. Ich glaube, die Kölner Bär und Behrendt haben da auch mitgezogen. Das ist dann natürlich fies, wenn in einer solcehn Situation so ein Til Schweiger kommt, selbst wenn er ein Publikumsmagnet ist, und gleich fordert, gebt mir anderthalb Millionen mehr als den anderen. Das kann man dann auch nicht mehr vergleichen, wenn der eine Kino drehen darf und die anderen wie gewohnt weitermachen sollen. Das ist unfair.

Der Schauspieler (44) hat für seine Comedy-Kultreihe „Der Tatortreiniger“ gerade den zweiten Grimme-Preis gewonnen.