75. Jahrestag

Hitler-Attentäter des 20. Juli: Lektionen aus dem Widerstand

Vor 75 Jahren misslang Claus Schenk Graf von Stauffenberg die Tötung Hitlers. Warum wir uns an den 20. Juli 1944 erinnern sollten.

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock erinnert an den Staatsstreich vor 75 Jahren.

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock erinnert an den Staatsstreich vor 75 Jahren.

Foto: Maurizio Gambarini

Die Erinnerung an den Widerstand ist Familienangelegenheit. Auch 75 Jahre nach dem gescheiterten Staatsstreich sind es vor allem die Nachkommen, die alljährlich das Andenken an ihre ermordeten Väter und Großväter wachhalten. Die alljährlich stattfindenden Feiern im Bendlerblock, organisiert von der von Angehörigen gegründeten Stiftung 20. Juli, gleichen Familientreffen, zu denen der eine oder andere Gast aus der Politik hinzugeladen wird.

Außerhalb dieser „Blase“ hat der Widerstand gegen den Nationalsozialismus kaum eine Bedeutung. Freiheitsbewegungen schätzt man in Deutschland nicht so sehr. So hat der Versuch, das Land von Hitler und seinem Regime zu befreien, keinen Eingang in das kollektive Gedächtnis der Deutschen gefunden. In der DDR ehrte man fast ausschließlich den kommunistischen Widerstand aus durchsichtigen Gründen: Instrumentalisierung zur Identitätsbildung. In der jungen Bundesrepublik kursierte in nationalen Kreisen lange der Verratsvorwurf.

Tag des Attentats auf Hitler wurde kein Feiertag

Nach 1968 wurde dann immer stärker die (vermeintlich) anti-demokratische Gesinnung der Widerständler gegeißelt. Dass zu ihnen eben nicht nur Militärs um den Tyrannenmörder Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörten, sondern auch Zivilisten ganz unterschiedlicher politischer Couleur, vom Sozialdemokraten Julius Leber über den Liberalen Hans von Dohnanyi bis hin zum Konservativen Carl Friedrich Goerdeler, – ein historisches Detail, mehr nicht.

Und war es Zufall, dass der Tag des fehlgeschlagenen Attentats nicht einmal in Betracht gezogen wurde, als im vergangenen Jahr nach einem weiteren Feiertag für Berlin gesucht wurde? Wohl kaum, denn auch im wiedervereinigten Deutschland ist der 20. Juli nie wirklich zum Kristallisationspunkt eines gemeinsamen Gedenkens oder eines gemeinsamen Nachdenkens geworden. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Menschen sich auch heute nur ungern daran erinnern, dass es im Nationalsozialismus Menschen gab, die ihrem Gewissen folgten und anders handelten als die übergroße Mehrheit. Aktuellen repräsentativen Umfragen zufolge können rund 55 Prozent der Deutschen nichts mit dem 20. Juli anfangen, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar über 70 Prozent.

Es stimmt ja, viele derjenigen, die im militärischen oder zivilen Bereich an den Vorbereitungen des Staatsstreichs beteiligt waren, kann man, nimmt man den unerbittlichen Blick der Nachgeborenen zum Maßstab, nicht als „lupenreine“ Demokraten bezeichnen. Und natürlich kommt uns heute, in der individualisierten, digitalisierten, liberalen westlichen Welt vieles fremd an den Verschwörern vor. Zumal er nicht heutigen Gender-Ansprüchen gerecht wird: Frauen spielten eher im Hintergrund, als diejenigen, die die Ziele ihrer Männer mittrugen und ihnen den Rücken frei hielten, eine Rolle. Was haben wir mit diesen Menschen also zu tun, warum an sie erinnern?

Weil ihr Denken und Handeln aktueller ist als wir uns eingestehen wollen. Wir können von den Regimegegnern erfahren, dass es immer Handlungsalternativen gibt, selbst in der Diktatur, erst recht aber in der Demokratie. Bei ihnen erleben wir, dass es eben nicht nur Anpassung, Mitmachen, Gehorchen, Folgen und Rettung der eigenen Haut gibt, sondern der Mensch immer auch die Freiheit hat, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Und nicht zuletzt können wir von ihnen Haltungen lernen, die für eine Demokratie lebenswichtig sind:

1. Hüte das Recht

„Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts“, heißt es in der für den Tag des Umsturzes geplanten Regierungserklärung. Wenn man die Aussagen, die Widerstandskämpfer nach ihrer Verhaftung gegenüber der Gestapo machten, liest, dann wird schnell klar, dass sie alle den Zerfall des Rechtsstaates für den Beginn des Übels und eine Wiederherstellung des Rechtsstaates für zwingend hielten.

Hans von Dohnanyi etwa hat von 1933 an für eine Wiederherstellung des Rechtsstaats gekämpft. Als persönlicher Referent des Justizministers Gürtner hielt er in einem Tagebuch von 1934 bis 1938 nahezu täglich auf insgesamt mehreren tausend Seiten fest, was ihm an Rechtsverletzungen bekannt wurde. Es sollte nach einem Umsturz als Material in einem Prozess gegen die Verantwortlichen und zur Aufklärung der Bevölkerung dienen.

2. Setze Dich für das Gemeinwohl ein

Es wird häufig vergessen, dass die Urteile der späteren Verschwörer zu politischen Fragen ihrer Zeit, verhaftet und durchaus auch von konkreten Situationen abhängig und deshalb veränderbar waren. Eine Grundüberzeugung jedoch zieht sich durch ihre Schriften und ihr politisches Handeln wie ein roter Faden: Nicht Einzelinteressen, sondern dem Gesamtwohl des Staates muss die Politik und letztlich das menschliche Handeln überhaupt dienen.

Dabei dürfe es „keinen Stand“ geben, der, wie der zum Freiburger Widerstandskreis gehörende Gerhard Ritter einmal formuliert hat, „grundsätzlich auszuschließen wäre von der Mitverantwortung am Staat und von der Erziehung zum Staat“. Nicht wenige der späteren Verschwörer haben dem Gemeinschaftsversprechen, das die Nationalsozialisten gaben, als Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die bis dahin von tiefen Gegensätzen zerfurcht gewesen war, zunächst geglaubt.

Später motivierte sie aber gerade der nationalsozialistische Verrat am Gemeinwohl, gegen das Regime zu arbeiten. So weltfremd es der heutigen Gesellschaft, in der nahezu alles durch materielle Eigeninteresse überlagert wird, klingen mag, so richtig ist auch: Ohne die Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen, wird eine Demokratie nicht funktionieren. Die Männer und Frauen des 20. Juli handelten genau aus dieser Bereitschaft heraus.

3. Suche die Wahrheit

Du gibst Deine Freiheit auf, wenn Du den Unterschied zwischen dem, was du hören willst, und dem, was tatsächlich der Fall ist, leugnest. Diese Leugnung der Realität kann bequem sein, doch das Ergebnis ist Selbstaufgabe.

Auch hier können wir von den Widerständlern lernen. Sie haben die Suche nach der Wahrheit nie aufgegeben, auch wenn sie dabei Konventionen und Denkmuster ihrer Milieus überwinden mussten. Das scheint in Zeiten, in denen Social Media und PR-Overload der Manipulation Tür und Tor öffnen, wichtiger denn je zu sein.

Es finden sich in den Schriften der Menschen, die sich im Staatsstreichversuch des 20. Juli zusammenfanden, unzählige Dokumente, die das Ringen um Wahrheit eindrucksvoll dokumentieren. Dietrich Bonhoeffer hat zum Jahreswechsel 1943 besonders hellsichtig das Phänomen der Realitätsverweigerer analysiert: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten, Gründe verfangen nicht. Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch - , und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht, daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, dass sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind...“

Ja, geht’s noch aktueller?

4. Wage Empathie

Die Haltung der Widerstandskämpfer zu Juden war ein Abbild der damaligen Gesellschaft. Man findet alles: von völlig vorurteilsfreien Köpfen bis hin zu harten Antisemiten, mit allen Zwischenstufen und Grautönen. Eines ist aber fast allen gemeinsam: Mit Einsetzen der Ausgrenzung und Verfolgung setzte ein Mitgefühl und meist eine tätige Unterstützung für die Verfolgten ein. Mir sagte mal die Tochter eines nach dem 20. Juli ermordeten Widerstandskämpfers: „Mein Vater hat sich für die Juden umbringen lassen. Aber er hätte sich umgebracht, wenn ich einen Juden geheiratet hätte.“ Daraus kann man viel lernen: Dass es in der Stunde der Not auf Empathie ankommt. Dass Vorurteile sekundär sind und getan werden muss, was zu tun ist: Nämlich, dem bedrohten Mitmenschen helfen, ganz gleich, ob man sie sich auch als Mitbürger wünscht.

5. Trau’ Dir Mut zu

Wenn niemand von uns bereit ist, für die Freiheit Opfer zu bringen, dann wird die Unfreiheit siegen. Auch das ist eine Lehre aus dem 20. Juli 1944. Es braucht Menschen, die bereit sind, mutig für das Einzutreten, was ihnen das Leben erst lebenswert macht: das Recht, die Gemeinschaft, die Wahrheit, die Hilfe für den bedrohten Mitmenschen, die Freiheit. Nicht falsch verstehen: Es geht nicht ums Sterben. Es geht ums Leben. Und darum, für die Werte, an die man glaubt, im Ernstfall Existenzielles aufs Spiel zu setzen.

Nun ist es an uns, aus dem Erbe des Widerstands etwas zu machen: Die Möglichkeit zur Alternative als Ansporn zu nehmen. Hier liegt wohl die bleibende Bedeutung dieses Kapitels deutscher Geschichte. Einer Geschichte, die so arm ist an Beispielen der Selbstbehauptung und die sich so schwer tut mit dem Respekt vor jenen, die couragiert einen Geist vorleben, der das Recht des Menschen gegenüber der Diktatur betont.

Die Männer und Frauen des 20. Juli haben uns diesen Geist vorgelebt.

Zum Autor:

Tobias Korenke ist Historiker, Kommunikationschef der Funke Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört, und Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus in Berlin. Sein Großvater Rüdiger Schleicher und die Brüder seiner Großmutter Ursula, Dietrich und Klaus Bonhoeffer, sowie ihr Schwager Hans von Dohnanyi beteiligten sich am Widerstand und wurden in Folge des fehlgeschlagenen Attentats vom 20. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

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