Der Potsdamer Platz als Flaniermeile: Ein Bildband zeigt das einstige Leben im Tiergartenviertel und seine berühmten Bewohner.

Kaum zu glauben, aber das Viertel rund um den Potsdamer Platz war einmal ein Ort für die Sommerfrische. Nach Lustwandeln sieht er heute nicht mehr aus, und auch nicht mehr wie ein gutbürgerliches Wohngebiet, zu dem es sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Man flanierte über die baumgesäumten Straßen, Kutschen fuhren an prachtvollen Villen vorbei. Ein gerade erschienenes Buch lässt dieses historische Quartier zwischen Tiergarten und Landwehrkanal, zwischen Potsdamer Platz und Bendlerblock in seinem alten Glanz und in seiner alten Beschaulichkeit erscheinen.

Der Bildband zeigt vor allem Fotos aus der Zeit um die Jahrhundertwende, also noch bevor der Potsdamer Platz zumindest für einige Jahre der verkehrsreichste Ort in Deutschland wurde. Dazu beschreibt die Autorin und Kunstwissenschaftlerin Katrin Wehry, die sich vor allem mit der kulturgeschichtlichen Entwicklung Berlins beschäftigt, wie sich die Gegend im Laufe von zwei Jahrhunderten verändert hat.

Zuerst bauten sich Städter am Tiergarten Häuser für die Sommerfrische

Erschlossen wurde das Quartier demnach Ende des 18. Jahrhunderts. Damals bauten sich hier zunächst Städter ein Domizil für die Sommerfrische, denn das Tiergartenviertel lag bis Mitte des 19. Jahrhunderts außerhalb der Stadt. Erst mit der Erschließung des Landwehrkanals ab 1845 setzte ein Bauboom ein. Stadtvillen und Mietshäuser entstanden, die Bewohnerschaft war entsprechend gemischt. Auch viele reiche Industrielle, Kunsthändler und Künstler siedelten sich hier ab Ende des 19. Jahrhunderts an: Der Bankier Benoit Oppenheim, der AEG-Gründer Emil Rathenau, Vater des Politikers Walther Rathenau, der Verleger Paul Cassirer, der Kunsthändler Alfred Flechtheim, der Kunstsammler Harry Graf Kessler, der Schriftsteller Carl Zuckmayer, die Maler Adolph von Menzel und Max Liebermann, der Bildhauer Georg Kolbe. Anziehungspunkt waren die vielen künstlerischen Salons und Cafés, die sich hier schnell etablierten.

Geblieben ist von den damaligen Bauten kaum etwas. Erste Häuser mussten dem Plan für eine aus der NS-Ideologie geborenen Hauptstadt Germania weichen, die meisten Gebäude, ja ganze Straßenzüge, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Was noch stehengeblieben war, verfiel nach 1945 oder wurde abgerissen, weil der einst lebendigste Ort der Stadt durch die Teilung der Stadt zum Niemandsland geworden war. Von einmal 529 Häusern ist kaum eines erhalten geblieben.

Von einst 529 Häusern steht heute kaum noch ein Gebäude

Zu den wenigen gehört die Villa Gontard in der Stauffenbergstraße 41, 1907 erbaut für den jüdischen Bankier Leopold Friedmann und heute Sitz der Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin. Auch die Villa Parey in der Sigismundstraße 4A steht noch, sie war nach dem Zweiten Weltkrieg das einzige Haus inmitten einer riesigen Brache. Jahrelang war die frühere Villa des Verlegers Paul Parey von Abriss bedroht, sie sollte einem Museumskomplex weichen, aber die Mieter wehrten sich. „Das letzte Haus muss bleiben“ stand jahrelang in großen Lettern an der Fassade und schließlich blieb es auch.

Die Sankt-Matthäus-Kirche ist eine der wenigen noch erhaltenen Gebäude
Die Sankt-Matthäus-Kirche ist eine der wenigen noch erhaltenen Gebäude © BM | bpk

Die Villa wurde saniert, wobei die Einschusslöcher aus dem Krieg erhalten wurden, und ist heute in den Neubau des Kulturforums integriert. Außerdem steht noch die St. Matthäus-Kirche. Der Stülerbau war überhaupt eines der ersten Gebäude am Platz. Als die Kirche 1846 eingeweiht wurde, stand sie noch inmitten von Feldern und Gärten, das Wohngebiet drumherum war erst in Planung. Die Berliner sollen sie daher auch gern „des lieben Gottes Sommervergnügen“ genannt haben.

Eine Doppelbrücke über dem Landwehrkanal, dazwischen der „Spucknapf“

Das Buch erinnert auch an einen zweiten Spitznamen, der längst aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, weil der Ort nicht mehr existiert. Der Spucknapf. Dort wo heute schlicht und vielbefahren die Potsdamer Brücke den Landwehrkanal überquert, gab es früher noch eine zweite, die Victoriabrücke. Die Doppelbrücke fand sich an ihrem Ende zur Potsdamer Straße zusammen. Dazwischen gab es eine dreieckige Öffnung zum Wasser, eben den „Spucknapf“. Eine Aufnahme um 1900 dokumentiert ihn im Buch. Ihr gegenübergestellt ist ein Foto aus derselben Perspektive von heute. Zwei Fotos, zwei Welten.

Der „Spucknapf“ zwischen der früheren Doppelbrücke über demn Landwehrkanal
Der „Spucknapf“ zwischen der früheren Doppelbrücke über demn Landwehrkanal © BM | bpk

Neben den historischen Aufnahmen der Bewohner und ihrer Häuser im Tiergartenviertel geben vor allem diese Straßenansichten einen Eindruck vom Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Bildband zeigt Motive vom Potsdamer Platz, vom Kemperplatz oder vor dem historischen Grand Hotel Esplanade, von dem heute noch der Kaisersaal übrig und ein Stück vom Originalstandort versetzt ins Sony Center integriert ist. So ist das Buch auch eine Einladung abzutauchen in die Hauptstadt vergangener Tage.

Katrin Wehry: „Quer durchs Tiergartenviertel. Das historische Quartier und seine Bewohner“, Nicolai Verlag, Deutsch/Englisch, 19,95 Euro.