Berliner Perlen

Auf der Suche nach einem Berlin, das es nicht mehr gibt

Jakob Levy handelt in den Hackeschen Höfen mit Kuriositäten und nostalgischem Spielzeug. Kunden aus aller Welt suchen bei ihm nach einem Berlin, das es nicht mehr gibt.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Sein Geschäftskonzept fasst Jakob Levy mühelos zusammen: "Ich biete einen Mix aus intelligentem, originellem Spielzeug mit Witz – für Kinder ebenso wie für Erwachsene." Der Laden in den Hackeschen Höfen wirkt wie die Kulisse für einen zauberhaft-versponnenen Fantasy-Film. Erwachsene geraten beim Anblick des Nostalgiespielzeugs in Verzückung. "Oft höre ich: 'Ach, das gibt es noch?'", sagt Levy.

Da stehen Klassiker wie Anker-Steinbaukästen, Dampfmaschinenmodelle, Blech-Spielzeug und eine "mechanische fahrende Ente mit Propeller". An der Decke hängen Flugzeugmodelle, darunter ein Muster des Rosinenbombers. Ein Regal füllt die berlinweit größte Auswahl asiatischer Go-Spiele und erklärende Fachbüchern darüber.

"Das über 3000 Jahre alte Spiel stammt aus China und wurde in Japan fortentwickelt", sagt Levy. "Unglaublich, diese Vielfalt an Spielmöglichkeiten. Trotz der Einfachheit des Spiels." In einer Vitrine zeigt er wertvolle Raritäten: ein Halbstunden-Glas und ein Oktoskop. Letzteres sei "eine Art Super-Kaleidoskop", sagt Levy. Es ist im Geschäft sein liebstes Objekt.

Einen Obama für daheim

Schon als der heute 54-Jährige 1997 sein Geschäft einige Straßen weiter eröffnete, gefiel ihm der jetzige Standort. Vor acht Jahren endlich konnte er den Verwalter der Höfe mit seinem Konzept überzeugen und mit einer Mitarbeiterin in Hof Nummer 7 einziehen.

Die Geschäftsidee entsprang dem Wunsch nach Veränderung. Der studierte Fototechniker, der in Ost-Berlin aufwuchs und 1986 nach West-Berlin ausreiste, hatte jahrelang als freier Architektur-Fotograf gearbeitet. Doch er sehnte sich nach etwas anderem.

Als er in den 90er-Jahren den Auftrag bekam, die Entwicklung des Debis-Centers auf dem neuen Potsdamer Platz festzuhalten, wurde das Gefühl immer stärker. "Dieser Job war extrem einsam. Dazu rede ich viel zu gern." Sein Entschluss stand fest: "Fremde Klinken hatte ich genug geputzt. Jetzt wollte ich, dass die Menschen zu mir kommen", sagt Levy.

Dafür ist nun der Laden perfekt. Touristen aus Deutschland, Österreich, Holland, Skandinavien und Israel sind seine Kunden. Deshalb hat er auch die europäische Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Inzwischen aber kämen etwa auch die spanischen Kunden wieder. Ein wenig mehr Berliner Kundschaft wünscht er sich dagegen immer noch.

Zu entdecken gibt es bei jedem Besuch etwas Neues. So wie die Puppen aus den USA mit Berühmtheiten von damals und heute, von Obama und Moses bis Marilyn Monroe. Die beliebtesten Stücke sind Albert Einstein und die Fingerpuppe "Sigmund Freud mit Sofa".

Kollektion Berliner Messinglampen

Ein Schwerpunkt des Ladens ist die Kollektion Berliner Messinglampen im Retro-Design der 20er-Jahre für rund 300 Euro. Bei unserem Besuch wählt eine Kundin aus Hessen eines der Stücke. Ihr Begleiter nimmt eine "Zedaka"-Sparbüchse. Das hebräische Wort Zedaka bedeutet Gerechtigkeit oder Wohltätigkeit. Die Büchse gehört zur Sammlung jüdischen Kunsthandwerks, etwa Menora- und Chanukka-Leuchtern. "Mir gefällt sie, weil sie aus wertvollem Holz ist, optisch ansprechend wirkt und für einen guten Zweck steht", sagt der Käufer.

In diesem Ladenbereich befinden sich auch zwei unverkäufliche Raritäten, die viele ausländische Kunden auf der Suche nach ihren Berliner Wurzeln anziehen: In Jakob Levys Berliner Adressbuch von 1931 ist beispielsweise auf Seite 82 Albert Einsteins Berliner Domizil an der Haberlandstraße verzeichnet. Und im Gedenkbuch Berlins sind die Namen der 55.000 Holocaust-Opfer Berlins nachzulesen. Die Bände begleiten Levy schon seit seinem vorangegangenen Geschäft an der Großen Hamburger Straße. "Dort lagen wir vis-à-vis dem Alten Jüdischen Friedhof, da konnten wir nicht nur Lustiges anbieten", sagt Levy.

"Max und Moritz" auf Altgriechisch

Die skurrilen Waren aber dominieren: etwa "Struwwelpeter" und "Max und Moritz" auf Altgriechisch und Latein. Echte Verkaufshits sind das, die oft vergriffen sind, weil Schüler gern damit lernen. Levy weiß, was junge Menschen wollen, denn seine Töchter, die 22 Jahre alte Studentin Deborah und die zwölfjährige Rivka, beraten ihn.

Üblicherweise bezieht er seine Waren über das Internet oder auf Reisen. Mitunter kommen aber auch Anbieter in sein Geschäft. Einfach so, auf gut Glück. "Das ist in diesem Umfeld nicht ungewöhnlich", sagt Jakob Levy. "Die Hackeschen Höfe haben ein ganz unverwechselbares Eigenleben."

Levy's Contor, Rosenthaler Str. 40/41, Mitte, Tel. 280 82 03, geöffnet Montag bis Sonnabend von 12 bis 19 Uhr, Online-Shop unter levyscontor.de

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