Reichspogromnacht

"Was wir Pogromnacht nennen, sind in Berlin drei, vier Tage"

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Patrick Goldstein
Die englische Übersetzung des preisgekrönten Buchs „Ausverkauf“ von Historiker Christoph Kreutzmüller ist soeben erschienen

Die englische Übersetzung des preisgekrönten Buchs „Ausverkauf“ von Historiker Christoph Kreutzmüller ist soeben erschienen

Foto: Massimo Rodari

Berlin war für jüdische Geschäftsleute von überragender Bedeutung. Ein Historiker forscht zu ihrer Entrechtung im Dritten Reich.

Der heutige 77. Jahrestag der Reichspogromnacht erinnert auch daran, wie lebendig jüdisches Unternehmertum einst in Berlin war. Geschäfte von jüdischen Inhabern wie die Drogeriewarenhandlung Kopp & Joseph mit Niederlassungen in Tiergarten, Schöneberg und Charlottenburg waren populär und im Stadtbild allgegenwärtig. Der Berliner Historiker Christoph Kreutzmüller hat dazu umfangreich geforscht und eine Datenbank im Internet veröffentlicht. Die englische Übersetzung seines preisgekrönten Buchs „Ausverkauf“ ist soeben erschienen. Die darin dargestellten Biografien erschüttern.

Zum Beispiel das Schicksal von Curt Joseph. Sein Vater Emil, ein Apotheker, hatte mit dem Kaufmann Emil Kopp 1893 das Unternehmen Kopp & Joseph gegründet. Man produzierte und vertrieb Badeprodukte, Verbandstoffe und Drogeriewaren.

Bekannt durch den „Stein der Weisen“

Bekannt waren Kopp & Joseph nicht zuletzt wegen ihres beliebten Nagelpoliersteins, den sie unter dem Namen „Stein der Weisen“ verkauften. Hauptsitz war die Potsdamer Straße 122 , produziert wurde an der Lützowstraße. Weil das Geschäft gut lief, eröffneten Kopp und Joseph an der Tauentzienstraße 12a und am Kurfürstendamm 35 Filialen.

Historiker Christoph Kreutzmüller schreibt, dass Anfang der 30er-Jahre ein Drittel aller in Deutschland lebenden Juden in Berlin wohnte. Weil die damalige Datenlage nicht vollständig belastbar ist, beziffert er mit Vorsicht die Zahl der im Juni 1933 in Berlin ansässigen Gewerbebetriebe, die als jüdisch betrachtet wurden, mit 50.000. Zum Vergleich: In ganz Deutschland gab es einer Schätzung nach wenige Jahre zuvor 100.000 so definierter Unternehmen.

Unternehmen wurde zum Berliner Marktführer

Berlin war also für Juden als Industrie- und Handelsplatz von überragender Bedeutung - ebenso wie die Juden für den Standort Berlin. Im öffentlichen Bewusstsein nahm man dies etwa dies durch die großen Warenhäuser Berlins wie Wertheim, Hermann Tietz und Leonard Tietz sowie N. Israel wahr.

1929 wurde Emil Josephs ältester Sohn Curt mit 30 Jahren zum Inhaber. Unterstützt von seinem jüngeren Bruder, den er zum Prokuristen und stillen Gesellschafter machte, baute er das Unternehmen zum Berliner Marktführer aus - durch „unerhörten Fleiß und gute Fachkenntnisse“, wie sich der Leiter der Hausbank-Filiale von Kopp & Joseph später erinnerte.

1933 kam es im Reich zu einem von Adolf Hitler verordneten „Judenboykott“. Geschäfte jüdischer Betreiber wurden in Listen erfasst. Am 1. April marschierten SA-Männer als „Boykottposten“ auf. Mit offener Gewalt ging man gegen Mitarbeiter und Eigentümer vor. Geschäfte wurden beschmiert und mit Plakaten gekennzeichnet.

Mit Kriegsoprden an der Brust gegen die SA

Curt Joseph empfand schon den Aufruf zum Boykott als persönlichen Angriff. Immerhin hatte er im Ersten Weltkrieg und später in einem Freikorps gekämpft. Die Kampagne stellte einen brutalen Widerspruch zur staatlich stets betonten Ehrung jener Veteranen dar.

Am 1. April trug Joseph also seine Kriegsauszeichnungen und heftete an die Innenseiten seiner Schaufenster Kopien der Verleihungsurkunden der Orden an. Es kam zur Auseinandersetzung mit SA-Männern, die die Papiere aus dem Schaufenster rissen.

Ein Foto von damals zeigt die durchwühlte Auslage. Eigene Mitarbeiter zwangen Joseph unter Gewaltandrohung zudem, seine jüdischen Angestellten zu entlassen. In den folgenden Jahren traf Kopp & Joseph der Handelsboykott Berliner Krankenhäuser schwer. „Der Kampf ums Überleben wurde immer schwieriger“, notierte Curt Joseph.

Goebbels drängte auf Gewaltaktionen

Die Motive der Nationalsozialisten, die Novemberpogrome auszulösen, sind vielfältig. Auf Berliner Ebene, die Historiker Kreutzmüller untersucht hat, sind sie seiner Meinung nach eng mit der Figur des Propagandaministers und Berlin-Brandenburger Gauleiters Joseph Goebbels verbunden. „Sie sind seine Reaktion darauf, dass in seiner Stadt die Zahl der jüdischen Betriebe nicht abgenommen hat, was in allen anderen Städten der Fall war“, sagt Kreutzmüller.

Um dem zu begegnen, habe Goebbels mehrmals bei Hitler auf Gewaltaktionen gedrängt. „Gewalt erfüllt den Zweck, den Juden klar zu machen, dass für sie in Deutschland kein Platz mehr ist. 1935 aber wird dies noch wegen die Olympiapläne abgelehnt, im Juni 1938 in Hinblick auf eine Besetzung des Sudetenlandes und das Verhältnis zu England ebenfalls.“

Im November 1938 dagegen habe Goebbels Absichten nichts mehr entgegengestanden. „Ende 1938 ist das Regime nicht mehr daran interessiert, was das Ausland denkt. Da befindet man sich bereits auf dem Weg in den Krieg“, so der Historiker.

Berlin war der zentrale Ort der Reichspogromnacht

Der Gewaltausbruch kommt in mehreren Wellen. „Was wir Pogromnacht nennen, sind in Berlin drei, vier Tage. In anderen Städten ist das eine Nacht“, sagt Kreutzmüller. „Einer der Punkte, die in diesem Buch belegt werden ist, dass Berlin der zentrale Ort der Reichspogromnacht war“, sagt der 47-Jährige.

2013 wurde es vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet („Ausverkauf. Die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit in Berlin 1930-1945“, Metropol Verlag, 428 Seiten, 24 Euro). Für die Vorstellung der englischsprachigen Ausgabe reiste Kreutzmüller am Wochenende in die USA.

Seit dem 1. November ist er Kurator der Dauerausstellung im Jüdischen Museum. Mit Mitarbeitern seines Projektteams hatte er als Grundlage von „Ausverkauf“ eine Datenbank mit mehr als 8000 jüdischen Gewerbebetrieben in Berlin der Jahre 1930 bis 45 aufgebaut.

Geschäftsräume wurden geplündert und zerstört

Noch immer erhält er dazu „zwei bis drei internationale Anfragen pro Woche.“ Das Gesamt-Material hat er dem Berliner Landesarchiv, dem New Yorker Leo Baeck Institute und der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem übergeben.

Darin befinden sich auch Unterlagen über das weitere Schicksal Curt Josephs. Im Zuge der Reichspogromnacht wurden die Geschäftsräume seines Stammhauses geplündert und zerstört. Joseph kam ins KZ Sachsenhausen. „Weit unter Preis“, schreibt Kreutzmüller, verkaufte er nach der Freilassung sein Unternehmen.

Joseph emigrierte nach England. Er beabsichtigte ursprünglich, seine Familie nachholen, was der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aber unmöglich machte. 1943 wurden Curt Josephs Frau und seine zwei Kinder nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Joseph starb 1963 in Großbritannien.

Datenbank: https://www2.hu-berlin.de/djgb

Kontakt zu und ggf. neues Material für Christoph Kreutzmüller: c.kreutzmueller@jmberlin.de