120 Jahre Morgenpost

Eine würdige Zeitzeugin

Seit 120 Jahren nah an den Menschen und mitten in Berlin: Die Berliner Morgenpost.

Die Zeitung muss in der ganzen Stadt verteilt werden: Zeitungsträger mit ihren Fahrrädern vor der Auslieferung, um 1900

Die Zeitung muss in der ganzen Stadt verteilt werden: Zeitungsträger mit ihren Fahrrädern vor der Auslieferung, um 1900

Foto: ullstein bild

Berlin. An den Berliner Zeitungskiosken ging es unübersichtlich zu, aber ein Titelkopf stach deutlich heraus. Ein freundlich dreinschauender Berliner Bär kletterte an einem Buchstaben empor, genauer: am linken Schenkel eines „M“. „Die Berliner Morgenpost ist eine täglich erscheinende Zeitung“, informierte das neue Blatt am 20. September 1898 seine Leser und fügte hinzu, dass es „für 10 Pfennig wöchentlich zu abonniren“ sei.

Darunter folgten die Nachrichten: Da ging es, Schlag auf Schlag und in kurzen Meldungen gefasst, um die Frankreich erschütternde Dreyfus-Affäre, um die Wiener Nachtwachen für Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn (die zehn Tage zuvor in Genf verstorben war), um das Entgleisen der Vorgebirgsbahn bei Köln (ein Unbekannter hatte mal wieder Steine auf die Schienen gelegt) oder um Todesfälle auf einem spanischen Dampfer. Der nebenstehende Leitartikel bezog klare Position für klare Positionierung: „Wer in den schweren politischen Kämpfen unserer Zeit nicht Partei nimmt, ist ein Schwachkopf, ein Faulpelz oder ein Feigling.“

Die schwersten politischen Kämpfe, so kann man es aus heutiger Sicht sagen, standen den Zeitgenossen aber erst noch bevor – mochten sie es auch anders empfinden. Und doch lässt sich sagen, dass es seinerzeit im Kaiserreich brodelte. Da waren die politisch einflussreichen ostelbischen Junker, die sich durch billige Massenimporte um ihre Gewinne gebracht sahen. Da waren das aufstrebende Bürgertum und die Arbeiter, die sich um ihre politischen Mitspracherechte im Reich sorgten und sich aneinander rieben. Und da war der kaiserliche Plan, mit einem massiven Ausbau der Schlachtflotte in den Kreis der Großmächte vorzustoßen, der seinerseits innenpolitische Kämpfe hervorrief.

Pannen im öffentlichen Nahverkehr: Damals wie heute

War denn die Monarchie überhaupt noch zeitgemäß? Die Industrialisierung und der mit ihr verbundene technische Fortschritt nährte bei den Menschen immer stärker das Gefühl, an einem historischen Scheideweg zu stehen. Berlin etwa wurde zusehends elektrifiziert: Am Brandenburger Tor wurde eigens eine Klingel installiert, um den Wachen rechtzeitig das Nahen von Mitgliedern der königlichen Familie zu melden. Zugleich wurde das Telefonnetz massiv ausgebaut, sodass die Berliner Morgenpost schon am 16. Dezember 1898 nicht ohne Stolz vermelden konnte, die Stadt verfüge mit 28.785 Teilnehmern über das größte Fernsprechnetz auf dem ganzen Planeten.

Aber die Berliner werden nicht nur gesprächiger, sie werden auch mobiler. Das Auto wird immer populärer, zu seinen Ehren wird 1898 zum ersten Mal ein Autorennen zwischen Berlin und Potsdam ausgetragen. Und das elektrische Straßenbahnnetz verlängert sich allein in diesem Jahr von 22 auf 113,7 Kilometer, um die seinerzeit 1,7 Millionen Berliner zu transportieren. Nicht immer ohne Pannen übrigens: „Die Zustände bei der großen Berliner Straßenbahngesellschaft“, schimpft damals die Morgenpost, „spotten nachgerade jeder Beschreibung.“ Wer fühlt sich da nicht an die Gegenwart erinnert? Manches hat sich selbst in den vergangenen 120 Jahren nicht verändert.

In diese im Wortsinn bewegte Zeit fällt die Gründung der Berliner Morgenpost. Ihr Gründer und Verleger war der 1826 in Fürth geborene Leopold Ullstein. Als 22-Jähriger hatte es ihn im Jahr der gescheiterten Revolution von 1848 nach Berlin gezogen, wo er, dem väterlichen Vorbild folgend, eine erfolgreiche Papiergroßhandlung aufbaute. Ullstein sah sich durch die Ereignisse von 1848 politisiert und setzte sich energisch für die Teilhabe des Bürgertums ein. Seit 1871, dem Jahr der Reichsgründung, engagierte er sich in der Berliner Stadtverordnetenversammlung.

Die Zahl der Abonnenten wuchs rasant

Ullstein gründete einen eigenen Verlag, kaufte die schwächelnde „Berliner Zeitung“ sowie das „Neue Berliner Tagblatt“ mitsamt der zugehörigen Druckerei Stahl und Aßmann. Dann kam die „Berliner Illustrirte Zeitung“ hinzu, die er zur bedeutendsten deutschen Wochenzeitung fortentwickeln sollte. Aber damit war es nicht getan. Es war Leopolds Sohn Louis, der eine Marktlücke für eine verlässliche Lokalzeitung erblickte. Und diese Lücke füllte die Berliner Morgenpost souverän aus – schon im Jahr 1899 zählte sie 160.000 Abonnenten. Leopold Ullstein, der in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1899 verstarb, hinterließ seinen fünf Söhnen ein mehr als aussichtsreiches Unternehmen.

Was machte die Modernität der Morgenpost in diesen bewegten Zeiten aus, warum war sie so zeitgemäß? Historiker nennen immer wieder ihre neutrale Haltung, die sich im Zweifel auf die Seite des liberalen Bürgertums schlug. Auf Seite 7 der ersten Ausgabe skizzierten die Journalisten ihr Projekt: „Ohne ein bestimmtes politisches Programm zu vertreten, wird die Morgenpost vollkommen frei und unabhängig die Interessen des Volkes unterstützen und dem allgemeinen Fortschritt auf allen Gebieten dienen.“

Aber es war auch die regionale Verwurzelung, die zur Identität der Zeitung gehörte: „Vor allem soll die Morgenpost ihr Berlin schildern, Berlin wie es fühlt und denkt, wie es wacht und träumt, wie es leidet und liebt, Berlin, wie es wirklich ist.“ Sagen, was ist: Der häufig zitierte Satz des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein wurde hier schon viele Jahrzehnte zuvor mit Blick auf die Reichshauptstadt formuliert.

In der Morgenpost fand die aktuelle Berichterstattung genauso Platz wie der ganz normale Wahnsinn des Alltags. „Gott sei Dank, dass er vorüber ist“, glossierte etwa ein namenloser Redakteur über den stressigen Tag, den er gerade hinter sich gebracht hatte. Und woran lag es? Genau, am Telefon. „Fortwährend bimmelt’s. Bald war es ’ne Korrespondenz, die da wissen wollte, ob wir auch wirklich erscheinen, bald eine Dame oder Gott weiß wer sonst, der sich erkundigte, ob man bei uns abonnirt oder anders, bald ein Zeichner, der erklärte, sein Stift sei schon stumpfsinnig geworden vor lauter Arbeit.“

Die meistgelesene deutsche Zeitung der Weimarer Republik

Die Mischung aus Lokalberichterstattung, Meinungspluralismus und launigen Tönen erwies sich über viele Jahre als Erfolgsgarant – auch über die Zäsur des Ersten Weltkriegs hinweg. Die Berliner Morgenpost wurde mit einer Auflage von über 600.000 Exemplaren zur meistgelesenen deutschen Zeitung der Weimarer Republik – zur Freude der Verlagschefs. Ein im Jahr 1927 entstandenes Gemälde von Willy Jaeckel zeigt sie als wohlsituierte, gut gekleidete Herren am Konferenztisch. Sie ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Ullstein Verlag nur wenige Jahre später von den Nazis schrittweise arisiert werden sollte. Die Morgenpost fristete im Nationalsozialismus das Dasein eines gleichgeschalteten Propagandaorgans, das sie mit vielen anderen Zeitungen des Landes teilte. Nach Kriegsende am 8. Mai 1945 wurde sie deshalb zunächst vom Alliierten Kontrollrat verboten. Erst sieben Jahre später, im September 1952, erfolgte ihre Neugründung durch Rudolf Ullstein, einen Sohn des Gründers, der 1945 aus dem Exil in Großbritannien zurückgekehrt war.

Rudolf Ullstein musste miterleben, wie der Verlag Mitte der 50er-Jahre in eine schwere Finanzkrise geriet. Der aufstrebende Jungverleger Axel Springer baute bis 1959 seine Aktienanteile zur Mehrheit aus; der Verlag und mit ihm die Berliner Morgenpost hatten eine neue Heimat gefunden. Weil sie sich – wie die anderen Publikationen des Hauses – auf bestimmte Werte wie die Wiederherstellung der Deutschen Einheit, die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen oder auch die Ablehnung des Totalitarismus verpflichtete, wurde sie im Laufe der folgenden Jahrzehnte von ihren Gegnern gerne als Teil einer als „reaktionär“ verteufelten „Springer-Presse“ gesehen. Vorbehalte und Ressentiments, die im Jahr der Studentenrevolte in gewalttätige Proteste eskalierten, und auch danach noch über viele Jahrzehnte weiterlebten sollten.

Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 erfreute sich die These vom „Ende der Geschichte“ einer gewissen Beliebtheit – sie sollte sich auch im Hinblick auf die Berliner Morgenpost als falsch erweisen. Am 1. Mai 2014 übertrug der Axel-Springer-Verlag die Zeitung zusammen mit anderen Titeln an die Funke Mediengruppe, um sich stärker digitalen Geschäften zuzuwenden. Für die Mitarbeiter der Morgenpost bedeutete der Verkauf auch einen Umzug: Von der Kreuzberger Kochstraße ging es an den Kurfürstendamm in Charlottenburg. Da sitzen wir noch heute – und freuen uns auf Ihren Besuch!