Vor 120 Jahren, am 20. September 1898, erschien zum ersten Mal die Berliner Morgenpost. Zum Jubiläum zeichnen wir nach, wie sie über die wichtigsten und spannendsten Ereignisse ihrer Zeit berichtete. Heute: Der Berliner Dom.
Bauverzögerungen waren auch im Berlin des Kaiserreichs nichts wirklich Außergewöhnliches. Auf ganz so viele Jahre der Verspätung wie der Flughafen BER brachte es der Berliner Dom zwar nicht, aber doch immerhin auf fünf Jahre, bevor er am 27. Februar 1905 eröffnet werden konnte. Feierlich und pompös, wie es dem Geist der Zeit entsprach. "Heute hebt sich die gleißende Kuppel des vollendeten Riesenbaus kühn in die Lüfte", schrieb die Berliner Morgenpost ironisch, "ein Wahrzeichen des neuen Berlin, in dem der Kirchtürme fast so viele sind wie Fabrikschornsteine. Weithin beherrscht er das Stadtbild, und der Kaiser hat nicht mehr zu beklagen, dass man vom Kreuzberg aus in dem Häusermeer Berlins kein mächtig hervorragendes Bauwerk wahrnehme."
Denn darum ging es Wilhelm II. vor allen Dingen: um Zurschaustellung, um die Übersetzung kaiserlicher Großartigkeit in die Formensprache der Architektur. 114 Meter Höhe, eine stolze Kuppel mit ganzen 33 Meter Durchmesser, eine Grundfläche von 73 x 93 Metern, Baukosten von damals astronomischen zehn Millionen Reichsmark: Dieser Sakralbau durfte sich nicht nur die größte protestantische Kirche Berlins, sondern gleich ganz Deutschlands nennen. Hinzu kamen filigrane Bildhauereien, viel Gold und Marmor. Dass dieser Stil nicht so ganz zur spärlich-bescheidenen Architekturtradition des Bekenntnisses passte, kümmerte den Kaiser nicht sonderlich. Vielmehr waren es genuin katholische Bautraditionen, von denen sich der kaiserlicherseits beauftragte Architekt Julius Raschdorff inspirieren ließ: " Der in lichtem schlesischen Sandstein erbaute Dom", hieß es in der Morgenpost, "ist durchaus im typischen Stil der italienischen Hochrenaissance gehalten. Die Predigtkirche ist ein Kuppelraum, hat 1600 Sitzplätze und fasst nahezu 4000 Menschen. In der Denkmalskirche erhalten die Prunksärge der Hohenzollern ihre Aufstellung."
Sakralbauten auf der Museumsinsel bereits im 14. Jahrhundert
Folgerichtig wurde auch allerlei militärisches Brimborium veranstaltet, als der im Volksmund später "Pickelhaube" und "Reklame-Zwingburg der Hohenzollern" genannte Bau eröffnet wurde. Zackige Marschmusik erklang, als um 11 Uhr ein Trupp Krongardisten in alt-friderizianischer Tracht erschien. Der Preußische Präsentiermarsch begleitete das Erscheinen des Herrscherpaares, das in der Weiherede auch als "erlauchtetes Paar der evangelischen Christenheit" willkommen geheißen wurde. "Die Kaiserin mit gütigem Gesichtsausdruck", hauchte es bittersüß aus der Zeitung, "der Kaiser ganz starre Würde."
Sakralbauten hatte es schon lange zuvor auf der Museumsinsel gegeben, und der Wandel ihrer Gestalt sagt viel über den Verlauf der preußisch-deutschen Geschichte. Die Anfänge reichen zurück bis ins 14. Jahrhundert. Aber es war erst Friedrich der Große, der zwischen 1747 und 1750 einen barocken Neubau am heutigen Standort errichten ließ, nachdem der nahe gelegene Dombaufällig geworden war. Anfang des 19. Jahrhunderts gestaltete Karl Friedrich Schinkel den Bau nach klassizistischen Prinzipien um - ein Stil, der Friedrich Wilhelm IV. (1795 - 1861) bald nicht mehr repräsentativ genug war. Doch die gewünschten Umbauten - ausgearbeitet übrigens von Schinkels Schüler Friedrich August Stüler - kamen durch die Revolte von 1848 für Jahrzehnte zum Erliegen. Wilhelm II. schließlich ließ den alten Dom abreißen. Am 17. Juni 1894 wurde der Grundstein für den neuen gelegt.

Und nun, elf Jahre später, stand es also vor den Berlinern, das mächtige Kirchengebäude. Sie ahnten natürlich nichts davon, wie schlimm es darum schon binnen weniger Jahrzehnte bestellt sein würde. Nachdem bei einem Bombenangriff in der benachbarten Burgstraße schon sämtliche Altarfenster zerstört worden waren, traf es bei den Luftangriffen vom 24. Mai 1944 auch die Kuppel. Die an der Spitze angebrachte Kuppellaterne stürzte ins Kircheninnere, durchschlug den Fußboden und beschädigte Teile der darunter gelegenen Hohenzollerngruft. Oben wie unten klafften große Löcher.
Wiederaufbau des zerstörten Doms
Das obere verschloss man notdürftig, um das Gebäude wetterfest zu halten. Gottesdienste wurden vorerst nur in der sogenannten Denkmalskirche abgehalten, die damals als große Apsis an der Nordseite noch erhalten war. Es dauerte bis zum Jahr 1975, als diese im Zuge der Instandsetzungsarbeiten abgerissen werden musste. Die DDR-Führung, sonst nicht gerade für ihre Denkmalpflege bekannt, hatte sich zur Erneuerung durchgerungen, weil die Kirchenruine in unmittelbarer Nachbarschaft des neuen Palastes der Republik allzu viel historisches Unbehagen verstrahlte.
Also wurden, mit stiller, aber maßgeblicher Unterstützung der Evangelischen Kirche Deutschlands und der Bundesrepublik, 105 Millionen DM investiert, sodass der Dom schließlich 1993 in alter Pracht wiederkehren konnte - wenn auch nicht ganz in alter Gestalt: auf den Wiederaufbau der kleinen Türme zum Beispiel verzichtete man. Der Palast der Republik wiederum, dem der Berliner Volksmund angeblich den Spitznamen "Erichs Lampenladen" verliehen hatte, wurde ironischerweise ab dem Jahr 2006 aus dem Stadtbild schrittweise entfernt. Das neu aufgebaute Stadtschloss soll im Jahr 2019 eröffnen, dann wird das Ensemble an der Museumsinsel wieder zu einer Intaktheit finden, die 1944 zum letzten Mal bestand.
Im Jahr 1905 freilich hatten die Berliner noch ganz andere, alltäglichere Sorgen. "Kennen Sie das Plakat am Schalter des Hochbahnhofs: 'Das Fahrgeld ist abgezählt bereitzuhalten'?", fragte etwa ein Glossist der Morgenpost. "Dann kennen Sie auch die Dame, die es sich zum Prinzip gemacht hat, von links heranzutreten und beim Lösen der Zehn-Pfennig-Fahrkarte stets ein Zwanzigmarkstück zu wechseln. Oben hört man den Zug einfahren, er ist noch zu erreichen, aber die Dame zählt ihre 19 Mark und neun Silbergroschen und fängt immer von vorne an,wenn man sie drängelt. Diese Frau wünscht man irgendjemandem, den wir sehr lieb haben, zur Schwiegermutter."



