Von wegen besinnlich. In vielen Familien gibt es ausgerechnet zu Weihnachten dicke Luft, und aus dem Fest der Liebe wird ein Fest der (verbalen) Hiebe. Die Psychologin und Familientherapeutin Svenja Lüthge erklärt, wie es dazu kommt und wie sich das Drama vermeiden lässt.
Berliner Morgenpost: Warum kochen in Familien gerade zu Weihnachten die Emotionen oftmals so hoch?
Svenja Lüthge: Weihnachten ist ein emotionales Fest, das eine sehr lange Vorlaufzeit hat. Wir backen Kekse, schmücken und machen es uns zu Hause gemütlich. Wir versuchen, eine besinnliche Zeit zu haben, und Heiligabend ist quasi das Highlight. Die Familienmitglieder treffen dann mit unterschiedlichen Erwartungen aufeinander, das führt zu Reibereien. Hinzu kommt, dass der Gastgeber den Anspruch hat, dass alles perfekt sein muss: die festlich gedeckte Tafel, das Essen, die Geschenke – und man selbst auch.
Was kann man denn tun, damit es entspannt wird und bleibt?
Erst einmal sollte man sich auf das Fest freuen. Es muss nicht alles perfekt sein, lieber über Pannen lachen und Fünfe auch mal gerade sein lassen. Als Gastgeber oder Mutter muss man verschiedene Komponenten unter einen Hut bringen: Die Kinder, die sich auf den Weihnachtsmann oder das Christkind freuen, die Teenager, die noch mal ausgehen wollen, die Großeltern, die ihre ganz eigene Geschichte zu Weihnachten haben, und schließlich noch die eigenen Wünsche und Vorstellungen. Am besten ist es, die Erwartungen der Familienmitglieder vorher abzuklären und Regeln aufzustellen, zum Beispiel dass Erbangelegenheiten oder andere Streitereien an Heiligabend keinen Platz haben. Dagegen darf dann auch nichts gesagt werden.
Und was ist, wenn sich ein Familienmitglied doch nicht an die Regeln hält?
Das ist wie bei dem Kind im Supermarkt, das Süßigkeiten haben möchte – einfach konsequent bleiben.
Ist das Ganze nicht aber auch ein bisschen scheinheilig? Eigentlich ist man sich nicht ganz grün, und dann singt man „O Tannebaum“ und „O du fröhliche“ miteinander?
Familie ist nicht einfach, aber Weihnachten ist ein geschützter Raum. Hier werden keine Probleme geklärt. Es geht nicht darum, die Geschichte eines Familienmitglieds zu ignorieren, das darf man auch nicht. Aber Auseinandersetzungen kann kann man auch zwei Wochen später versuchen zu regeln. Weihnachten ist ein Fest der Liebe. An diesem Tag reißen wir uns alle am Riemen. Und wenn zum Beispiel Opa beim Gänsebraten doch anfängt, gibt es ein Stoppwort. Dafür bekommt er einen Schlag Rotkohl mehr auf den Teller.
Ist es nicht manchmal besser, Weihnachten erst gar nicht zusammen zu feiern?
Weiß man vorher schon, dass es gleich zur Begrüßung Vorwürfe gibt, muss man sich der Konfrontation nicht stellen. Weihnachten ist ein versöhnliches Fest, da geht man aufeinander zu, reicht sich die Hand. Das ist schon vom christlichen Glauben her so, auch wenn man nicht gläubig ist. Harmonie ist zwar immer so ein Riesenwort, aber Weihnachten ist kein Fest für Streit. Im großen Sinne bedeutet es ja Harmonie, Freundschaft, Vertragen und Versöhnen. Da soll keiner traurig sein oder zurückstecken müssen.





