Gründerszene

Wie Berlin zwei Parfümeure zu neuen Düften inspiriert

Zwei Gründer wollen mit ihrem Parfüm-Start-up „Aer“ neue Wege gehen. Die Inspiration für neue Düfte finden sie auch auf den Berliner Straßen.

Stefan Kehl (r.) und Ted Young-Ing kreieren in ihrem Studio am Rosenthaler Platzneue Düfte für ihre Parfüm-Serie.

Stefan Kehl (r.) und Ted Young-Ing kreieren in ihrem Studio am Rosenthaler Platzneue Düfte für ihre Parfüm-Serie.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Vor wenigen Wochen fand Stefan Kehl in seinem Keller eine Box wieder, in der er als 14-Jähriger kleine Parfümflaschen sammelte. Schon als Jugendlicher habe er gewusst, dass er einmal Parfümeur werden möchte. Doch in seiner Heimat, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, wurde der Berufswunsch eher belächelt. „Sie sagten mir: Wenn ich Glück habe, darf ich irgendwann den Duft für Waschmittel herstellen“, erinnert sich Stefan Kehl. Doch es kam anders: Er bereiste als Friseur und Maskenbildner die Welt und lernte in New York, wie man Parfüm herstellt. Dann traf er den Designer und Kreativdirektor Ted Young-Ing, der seine Leidenschaft für Düfte teilt. „Ich fand einfach keinen Duft, der mir wirklich gefällt“, sagt Ted Young-Ing. Also bat er Stefan, ihm einen Duft zu kreieren – das Ergebnis hat beiden Männern so sehr gefallen, dass sie vor rund einem Jahr zusammen in Berlin die Parfümmarke „Aer“, angelehnt an air, Luft im Deutschen, entwickelten.

Beim Betreten des Ateliers über dem Restaurant „St. Oberholz“ am Rosenthaler Platz fällt sofort der erdige, würzige Duft auf, der die Räume mit den hohen Decken erfüllt. In einem davon stehen Glasbehälter in verschiedenen Größen, Pipetten und Duftstreifen. Eine Mitarbeiterin namens „Amber“ kontrolliert die Fläschchen und notiert ihre Beobachtungen auf einem Klemmbrett.

Nur natürliche Inhaltsstoffe werden verwendet

Zur Geschäftsidee von „Aer“ gehört, dass ausschließlich natürliche Inhaltsstoffe verwendet werden. „Wir wollten ein Parfüm aus Rohstoffen entwickeln, die nachhaltig hergestellt werden und frei von Chemikalien sind“, sagt Ted Young-Ing. Damit wollen sich die beiden Gründer von einem Markt abheben, auf dem größtenteils synthetische Duftstoffe verwendet werden. „Unsere bis zu 900 Inhaltsstoffe beziehen wir von Produzenten, die unsere Werte teilen“, sagt Stefan Kehl. Diese seien manchmal so klein, dass sie nur einen Inhaltsstoff herstellen können. Die beiden Gründer kaufen ihre Produkte auf der ganzen Welt ein, unter anderem in Honduras, auf Haiti und Java. Die Rosen kommen aus der Türkei. Viele Parfümfirmen würden ihre Düfte bei anderen Unternehmen ankaufen – bei „Aer“ werden alle Düfte von Hand gemischt, abgefüllt und anschließend etikettiert. Da sie nur eine Mitarbeiterin haben, sind sie immer am Herstellungsprozess beteiligt.

In dem Atelier an der Rosenthaler Straße werden die Öle gemischt und müssen danach bis zu fünf Wochen ruhen. Danach werden sie mit Alkohol versetzt und können nach einigen weiteren Wochen in Parfümbehälter abgefüllt werden. „Für drei Leute ist das ganz schön viel Arbeit, deshalb kann es lange dauern, bis ein neuer Duft entsteht“, sagt Stefan Kehl. Ihr erstes Parfüm stellten sie im Winter 2017 auf einem Weihnachtsmarkt in Kreuzberg vor. Anfänglich dachten die beiden, dass ihr Parfüm etwas zu speziell ist, um sich dort gut zu verkaufen. „Aber dann wurde das dort so gut angenommen, dass wir nachproduzieren mussten“, erinnert sich Ted Young-Ing. Mittlerweile hätten sie 800 bis 1000 Parfümfläschchen verkauft, erzählen die beiden. Nach ihrer ersten Duftlinie mit vier Düften sind die beiden Gründer derzeit dabei, eine zweite Serie zu entwickeln. „Ich denke, wenn wir acht Parfüms haben, können wir expandieren“, sagt Kehl.

Kleine Firmen müssen qualitativ hochwertig sein

Inspiration für ihre Düfte finden die beiden Männer auf unterschiedliche Weise. Manchmal ist es eine Reise, ein Lied oder ein besonderer Geruch. „In einem Frühsommer radelte ich von Friedrichshain nach Kreuzberg, dabei kam mir der Duft von Rosen und Holz entgegen, das gerade jemand verbrannte“, sagt Stefan Kehl. Er notierte sich sofort die Gerüche und überlegte am nächsten Tag, wie er daraus ein Parfüm entwickeln kann. In Berlin schätzen die Gründer vor allem die Freiheit, Dinge auszuprobieren. „In anderen Metropolen muss deine Idee sofort funktionieren und vermarktbar sein. Sonst kannst du deine Miete nicht zahlen“, so der Gründer. Es sei auch das Lebensgefühl der Stadt, das mit dem Parfüm verkauft werden soll. Mittlerweile sind die Düfte in Städten wie New York, London und Rom erhältlich. Außerdem entwickeln sie Düfte für Kunstprojekte sowie Firmen und Einzelpersonen. Auch wenn der Parfümmarkt umkämpft ist, machen sich die beiden Gründer von „Aer“ nicht viel Sorgen um die Konkurrenz. In Berlin gebe es zwar viele gute Marken, aber auch genug Raum für alle. „Normalerweise hat eine Person ja auch mehr als einen Duft“, sagt Ted Young-Ing.

Wie wichtig es gerade für kleine Firmen ist, sich vom Massenmarkt abzuheben, weiß Martin Ruppmann, Geschäftsführer des VKE-Kosmetikverbandes und der Fragrance Foundation Deutschland. Die Kosmetikbranche unterliege das ganze Jahr über teilweise erheblichen Schwankungen, außerdem könne aktuell ein Verfall von Markenwerten durch Preisdumping im Handel beobachtet werden. „Um Erfolg zu haben, müssen kleine Parfümfirmen qualitativ hochwertig sein und ihre Markengeschichte vermitteln können“ sagt er. Der Markt für hochpreisige Parfüms sei relativ klein, doch wie bei Taschen und Autos gebe es Liebhaber, die gerne etwas mehr Geld für ihr Parfüm investieren. Für einen Duft von „Aer“ wären das rund 120 Euro.

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