Von außen eher unscheinbar, innen eine Welt der Blumen und Düfte: Harry Lehmann an der Kantstraße ist eine Institution bei Liebhabern von originellem Parfüm. Von Sofia Mareschow Das perfekte Parfüm finden: für Sommer, Winter, Tag, Abend, Job, Sport, Party, Konzert. Nicht immer so einfach. "Die Kunst liegt darin, stilsicher das Passende zu wählen, zum Anlass, zum eigenen Typ", sagt der Parfümeur Lutz Lehmann. Für den Chef des Charlottenburger Fachgeschäfts "Harry Lehmann. Parfum nach Gewicht", ist der in Flacons gebannte Duft mehr als ein Konsumartikel. "Parfum ist ein Kulturgut", sagt er und teilt diese Überzeugung mit Experten - der Fragrance Foundation etwa, einer weltweiten Parfümbranchen-Organisation. Doch Lutz Lehmann zählt auf eigene Beobachtungen. Manch Theaterbesucher schaut bei ihm vorbei, um sich Rat zu holen oder um an einer der Thekenflaschen zu schnuppern.
Aufgereiht wie in einer Apotheke
Die stehen aufgereiht wie in einer Apotheke, haben Zapfhähne in der Mitte - und wecken nostalgische Gefühle wie der ganze Laden: verspiegelter Tresen im Verkaufsbereich, der Nachbarraum ein Meer aus Kunstblumen. Täuschend echt wirken sie, diese Relikte - nur der Duft kommt aus dem Zerstäuber. Und sie haben noch treue Verehrer, wie Lehmann verrät. Die Retro-Waage im Schaufenster macht schon am Eingang neugierig. Sie gehört zur Firmen-Philosophie.

Lutz Lehmann, Unternehmer in dritter Generation, entführt den Besucher in das Jahr 1926, als sein Großvater Eduard die Chance ergriff, zusammen mit Sohn Harry, Lutz Lehmanns Vater, den Traum vom eigenen Parfümladen mit Manufaktur zu realisieren. "Mein Großvater war ein ungewöhnlicher Mensch", sagt der Enkel. Eduard Lehmann, Jahrgang 1860, ging mit vierzehn Jahren auf Wanderschaft, lernte viel. Mit 20 Jahren bereits gut situiert, konnte er sich weite Reisen leisten. Ein Meilenstein: Südfrankreich. Dort lernte der Neugierige das Parfümeur-Handwerk kennen, machte aus Spaß in den großen Fabriken mit. Und behielt Know-how und Geschäftsoption jahrzehntelang im Kopf. Die Idee aber, selbst mitgebrachte Flacons der Kunden mehrfach zu verwenden und nach Gewicht abzufüllen, entsprang seinem Sparsamkeits-Verständnis.
Kriege und Umbrüche überdauert
Das Geschäft lief bald so gut, dass die Parfümerie 1940 von der Potsdamer Straße in die florierende Friedrichstraße ziehen konnte, Kriege, Umbrüche und Systeme überdauerte. Lutz Lehmann erzählt, wie seine Eltern, 1945 ausgebombt, nach Kriegsende erneut an der Friedrichstraße starteten: ein Dorn im Auge der neuen Ost-Machthaber. Denn die Lehmanns wohnten im West-Teil der Stadt, in Charlottenburg. Dorthin verlagerten sie dann auch ihr Geschäft, als die Repressalien zunahmen. Seit 1958 am jetzigen Standort, hat die Firma eine Mehrgenerationen-Klientel, Stammkunden auf der ganzen Welt und vier langjährige, ebenso parfumbegeisterte Mitarbeiter. Dass inzwischen gemäß EU-Norm die Flacons nach Volumen abgefüllt werden, ändert nichts am Traditions-Prinzip: Nachfüll-Service, keine Umverpackung, faire Preise. Zwischen 4,50 und sieben Euro kosten zehn Milliliter Eau de Parfum.
Jedes Parfüm wird selber gemischt
Und sind etwas Besonderes. In der "vielleicht kleinste Parfümfabrik der Welt" wird alles selber gemischt. In der für Besucher unzugänglichen Manufaktur im Keller entstehen bei kühlen Temperaturen die mehr als 50 Parfümsorten, jedes Jahr kreiert Lutz Lehmann neue. Oft macht er Urlaub in Südfrankreich, auf Ideensuche. Frankreich, Hochburg der Düfte-Industrie, ist der Hauptlieferant ätherischer Öle wie Lavendel. Lieferanten für Rosenöl gibt es auch in Bulgarien und Russland, Ägypten liefert Jasmin-Essenzen.
Orientalische Noten sind Klassiker
Das Wichtigste sei, Trends zu erkennen, so der Insider. "Aktuell sind leichte, blumige Düfte gefragt. Wie Rose, Tulpe und Jasmin", sagt er und findet es erstaunlich, wie hartnäckig sich die orientalische Parfümrichtung gehalten hatte. "Schwere Essenzen wie Opium, Roter Mohn, Gewürze haben wir komplett aus dem Sortiment genommen", verrät Lehmann. Nur von Patschuli, dem Duft der Hippies, halte er ein kleines Kontingent bereit: für Nostalgiker. Gesunken auf der Beliebtheitsskala seien indes auch die Agrumen-Noten - Orange, Citrus, Limette, zeitlos dagegen traditionelle Sorten wie Maiglöckchen und Veilchen. Immer noch der Renner: die Hausmarke "Eau de Berlin", so Lehmann. Das Eau de Cologne hat Lutz Lehmann zur 750-Jahrfeier der Hauptstadt 1987 erfunden. Für reißenden Absatz von "Eau de Berlin" sorgen Mundpropaganda, aber auch Touristen, die den Duft als Souvenir schätzen.
Düfte haben Erinnerungspotenzial
Denn Düfte haben Erinnerungspotenzial, können erfrischen, beruhigen, betören und Emotionen wecken: "Bei Orangenduft denke ich an die Straßen von Florida, mit ihren Orangen-Plantagen links und rechts", gibt Lehmann zu. Die Parfumherstellung hat er schon als Sechsjähriger den Eltern abguckt und somit eher spielerisch gelernt. Eine Passion, die ihn immer wieder in sein Kreativ-Labor abtauchen lässt. Dort experimentiert er, auf der Suche nach dem Gleichklang der drei Misch-Komponenten, im Fachjargon Kopf-, Herz- und Basisnote genannt. Diese Aromen-Gruppen unterscheiden sich in ihrer Flüchtigkeit und verdunsten nacheinander auf der Haut. "Ich möchte, dass alle Komponenten gleichzeitig wirken", erklärt Lehmann, wohl wissend, wie unterschiedlich sich der Duft ein und desselben Parfums bei jedem Menschen entfaltet, weil dieses mit den Salzen auf der Haut reagiert, die sich auch ernährungsbedingt unterscheiden.
Lutz Lehmann hält nicht viel von Klischees
Viel Übung gehöre zum Job des Parfümeurs, ein gewisses Talent, ein guter Geruchssinn sowieso und das Wissen um dessen Besonderheiten. Schnell seien die empfindlichen Rezeptoren übersättigt, weil manche Aroma-Moleküle länger haften bleiben und neue Wahrnehmungen überlagern. "Die Aufnahmefähigkeit liegt bei maximal 4-6 Düften hintereinander, danach ist eine Pause an der frischen Luft vonnöten", erklärt der Aroma-Kenner, der nicht viel von Aroma-Therapie hält. Die gehöre in den Bereich der Esoterik. Nicht sein Ding, sagt er. Noch weniger der Mythos um die manipulative Kraft der Düfte, um Sympathie zu erzwingen oder Macht auszuüben. Patrick Süskinds Roman "Das Parfum", der diesen Aspekt auf die Spitze treibt, ist für Lehmann schlichtweg ein Märchen. Und Weisheiten wie "Lavendel beruhigt, Orange erfrischt" hält er für Klischees.
Dezent die Persönlichkeit unterstreichen
"Duft macht ganz einfach Freude, hebt die Stimmung. Und man kann sich darstellen", erklärt Lehmann, warnt aber vor Irrtümern. Man solle nicht versuchen, durch einen Duft aufzufallen oder anders zu sein. "Ein Parfüm kann nur dezent die Persönlichkeit eines Menschen unterstreichen, seine Anwesenheit signalisieren", erklärt Lehmann. Mit dem falschen Parfüm zur falschen Zeit könne viel kaputt gemacht werden. Schwere, süßliche Theaterdüfte etwa beim Sport im Fitness-Center, wo leichte, blumig-leichte Düfte angemessen sind. "Doch auch mit dem eigenen Duft-Typ liegen Kunden mitunter völlig daneben", verrät Lehmann.

Lutz Lehmann geht bei seiner Beratung behutsam vor, ohne erziehen oder bevormunden zu wollen. Damit der Erwerb des hauchzarten, flüchtigen Elixiers zum harmonischen Erlebniskauf wird. Eine Harmonie, die auch das Team um Lutz Lehmann ausstrahlt. "Es macht so viel Spaß, hier zu arbeiten", sagt Mitarbeiterin Jutta Dahlmann. Und der Chef ergänzt: "Alle, die hier einkaufen, wollen etwas Schönes. Und sie kriegen auch etwas Schönes und gehen zufrieden raus. Kann es einen besseren Job geben?"
Information
Harrry Lehmann. Parfum nach Gewicht. Kantstraße 106, Charlottenburg, Tel.: 030/ 324 35 82, Mo.-Fr. 9-18.30 Uhr, Sbd. 9-14 Uhr,

