Gründerszene

Berlin ist nicht mehr die Hauptstadt der Start-ups

Die Investitionen gehen laut Studie im ersten Halbjahr 2016 um mehr als die Hälfte zurück. Doch Experten sehen darin auch eine Chance.

Sogenannte Coworking Spaces erfreuen sich in der Start-up-Szene größter Beliebtheit – und sind in Berlin reichlich vorhanden

Sogenannte Coworking Spaces erfreuen sich in der Start-up-Szene größter Beliebtheit – und sind in Berlin reichlich vorhanden

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Zwei Jahre lang durfte Berlin sich Europas Hauptstadt der Start-ups nennen. Jetzt geht der Titel an London, noch hinter Stockholm und Paris belegt Berlin nur noch Platz vier. Im ersten Halbjahr 2016 sanken die Investitionen durch Risikokapitalgeber im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 64 Prozent auf 520 Millionen Euro.

Gleichzeitig legten die anderen europäischen Metropolen allesamt zu und ließen die deutsche Hauptstadt deutlich hinter sich (siehe Grafik). Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten "Start-up-Barometer Deutschland" der Beratungsfirma Ernst & Young (EY) hervor, das die Risikokapitalinvestitionen in Europa analysiert.

Die Berliner Zahlen spiegeln einen bundesweiten Trend. So brachen die Investitionen in deutsche Start-ups mit 957 Millionen Euro um mehr als die Hälfte ein. Europaweit sanken sie lediglich um vier Prozent. "Auf den ersten Blick wirken die Zahlen bedenklich", sagt Peter Lennartz, Partner bei EY, "das lebendige und kreative Berlin verliert gegenüber anderen europäischen Hauptstädten."

>>>Kommentar: Das große Ding ist in der Start-up-Szene nicht in Sicht<<<

Doch es gilt zu relativieren, denn auf den zweiten Blick sind die Zahlen gar nicht so schlecht. So wurde in der Summe zwar weniger Geld investiert, dafür verteilt es sich mehr in die Breite. Das zeigt die Zahl der Finanzierungsrunden, den sogenannten Deals, bei denen die Kapitaleinlagen der Start-ups durch Investoren erhöht werden. Sie stiegen in Berlin von 87 auf 117, nur London (157) und Paris (178) stehen besser da. Insgesamt profitieren so mehr kleine und mittelgroße Unternehmen. "Für Berlin ist das eine schöne Entwicklung", so Lennartz.

National steht Berlin einsam an der Spitze

Zumal der Erfolg aus dem Vorjahr laut EY vor allem auf Einmaleffekten beruhte. So hatte etwa die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet durch ihren Börsengang viel frisches Kapital zur Verfügung und dieses im Vorjahr fleißig in seine mehr als 180 Gesellschaften investiert. Allein die Beteiligung am Online-Essensbestelldienst Delivery Hero ließ sich das Unternehmen um den umtriebigen CEO Oliver Samwer eine halbe Milliarde Euro kosten – mehr als ein Drittel aller Berliner Risikokapitalinvestitionen in 2015.

Trotz Verlusts des Europameistertitels ist Berlin national weiterhin einsame Spitze. Mit 520 Millionen Euro fließt mehr als jeder zweite Euro in die Hauptstadt. Es folgen mit großem Abstand Bayern (194 Millionen Euro), Nordrhein-Westfalen (70) und Hamburg (52). Gleiches gilt für die Zahl der Finanzierungsrunden. Außer den Nordlichtern konnten alle anderen Bundesländer ihren Rückstand auf Berlin verkürzen, insbesondere Bayern.

Die Rahmenbedingungen scheinen dabei zu stimmen. Wie im Rest der Republik hätten sich auch in Berlin die "Ökosysteme" für Start-ups weiterentwickelt, sagt EY-Experte Lennartz. So habe sich, neben den bestehenden 40 Coworking Spaces, die Arbeitsplätze und Infrastruktur für kleine Start-ups und Freiberufler bereitstellen, auch der Weltmarktführer WeWork in Berlin angesiedelt – und sei nach wenigen Wochen ausgebucht gewesen.

Auch das Unternehmen mit den höchsten Investitionseinnahmen des ersten Halbjahres 2016 hat seinen Sitz in Berlin. Der Online-Musikdienst Soundcloud generierte 62 Millionen Euro, aber immer noch weit weniger als der schwedische Konkurrent Spotify (900 Millionen Euro). Nicht im "Start-up-Barometer" aufgeführt ist die Finanzierungsrunde, die Outfittery kürzlich abschloss. Das Start-up für Online-Stilberatung und Modeversand erhöht mithilfe von Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro den Druck auf den Branchenriesen Zalando.

Günstige Stadt lockt Talente aus dem Ausland an

Deals wie dieser sind es, die Florian Nöll optimistisch machen. "Die aktuellen Zahlen sind nur ein Halbzeitstand", sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Start-ups. Doch auch die breite Streuung des Kapitals sieht Nöll als Chance, weil "nachhaltiger". Berlin habe als Standort für Start-ups nichts an Attraktivität verloren, im Gegenteil. Jeder Euro, der in Berlin investiert werde, helfe den Investoren weiter als in London oder Paris.

Denn Berlin profitiert im Vergleich nach wie vor von günstigeren Mieten und Lebenshaltungskosten. Das zieht zahlreiche Talente aus dem Ausland an. Für die Zugezogenen wünscht sich Nöll aber bessere Rahmenbedingungen von der Politik. "Es fehlt die letzte Konsequenz." So sei es zum Beispiel nicht möglich, sich auf den Bürgerämtern auf Englisch zu melden.

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