Wirtschaft

Das große Ding ist in Berlins Start-up-Szene nicht in Sicht

Die einstige Start-up-Hauptstadt Berlin hat den Spitzenplatz im Finanzranking verloren. Zeit für mehr Realismus, meint Joachim Fahrun.

Berlins Start-up-Szene ist aufstrebend. Aber so gewichtig wie gedacht ist sie im europäischen Vergleich nicht

Berlins Start-up-Szene ist aufstrebend. Aber so gewichtig wie gedacht ist sie im europäischen Vergleich nicht

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Für eine Weile durfte sich die wirtschaftlich lange abgehängte deutsche Hauptstadt im Konzert der Großen wähnen. Nicht nur auf Augenhöhe, sondern sogar vor London, Paris und anderen Zentren des Kontinents. Die Start-up-Hauptstadt Europas waren wir, als im vergangenen Jahr deutlich mehr Risikokapital aus aller Welt in hiesige Technologie-Gründungen geflossen war als in die anderen Metropolen. Dieser Umstand fehlte in keiner Rede, mit denen Politiker und Wirtschaftsförderer den Standort Berlin priesen.

Nun hat die Beratungsgesellschaft Ernst & Young für das erste Halbjahr 2016 eine Wende festgestellt. Berliner Gründungen erhielten weniger Geld als zuletzt, London, Paris und sogar Stockholm zogen deutlich vorbei. War also alles nur ein Strohfeuer mit diesen Start-ups in Berlin?

Wie wechselhaft die Ergebnisse solcher Finanzrankings sind, belegt ein einziges Beispiel: Die schwedische Hauptstadt Stockholm erklomm den Bronze-Platz in Europa allein durch eine einzige Firma. Allein der Musikstreamingdienst Spotify sammelte von Geldgebern nicht weniger als 900 Millionen Euro für die globale Expansion ein. Zwar hat Berlin solche Megadeals noch nicht gesehen, aber auch hier gab es gerade im vergangenen Jahr große Finanzierungsrunden. Das lag auch daran, dass die Unternehmensschmiede Rocket Internet ihre an der Börse eingesammelten Millionen in etliche Onlinehändler pumpte. Solche Aktivitäten gab es 2016 nicht.

Die Start-up-Landschaft in Berlin bleibt aufstrebend

Tatsächlich spiegelt die erste Jahreshälfte 2016 die Lage der Berliner Start-up-Szene realistisch wider. Mit 117 überzeugten mehr Jungunternehmen als zuletzt die Risikokapitalgeber, die Summen blieben aber geringer. So ist die Landschaft hier: klein, aufstrebend, aber das ganz große Ding ist nicht in Sicht. Wirtschaftliche Entwicklung bleibt auch in der schnelllebigen Tech-Szene ein Dauerlauf. Und Europameister wird man im Fußball, aber nicht im Gründen und Finanzieren von Firmen.

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