Innerhalb von fünf Monaten von 30 auf mehr als 200 Mitarbeiter zu wachsen, das ist auch für ein Unternehmen unter den Fittichen von Rocket Internet sportlich. Der Inkubator, der dieser Tage an die Börse ging und fabrikmäßig Start-ups auf den Markt wirft, hat das mit seinem Putzkräftevermittler Helpling geschafft. Die vorläufige Erfolgsgeschichte von Helpling ist ein Beispiel für die Dynamik der digitalen lokalen Dienstleistungsbranchen. Manche sehen darin den nächsten Mega-Trend des E-Commerce, Kritiker hingegen die Gefahr eines neuen Prekariats.
Helpling versteht sich als Marktplatz für private Putzdienstleistungen. Kunden buchen auf der Plattform Reinigungskräfte. Das kostet pro Stunde 12,90 bis 14,90 Euro. Ein Fünftel davon behält Helpling, vier Fünftel die Putzkraft. Diese ist Kleinstunternehmer mit Gewerbeschein. Das bedeutet, dass sie selbst für Rente und Sozialversicherung sorgen muss. Haftpflichtversichert ist sie hingegen über der Vermittler. Mindestanforderungen sind ein Führungszeugnis, ein Gewerbeschein, Empfehlungen früherer Auftraggeber und ein Fachkunde-Test.
Gestartet in Berlin, ist Helpling heute in 150 Städten aktiv. Zwei Monate nach dem Marktstart war das Unternehmen bereits in vier europäischen Ländern vertreten: Österreich, Frankreich, Schweden und den Niederlanden. Kürzlich kamen Italien, Spanien und Brasilien dazu. Weltweit sind mehrere Tausend Putzkräfte im Auftrag des Marktplatzes aktiv, darunter mehr als 1000 in Deutschland und mehrere Hundert in Berlin. „Seit unserem Start haben wir mehrere Zehntausend Haushalte gereinigt“, heißt es in dem Unternehmen. Die schnelles Expansion wurde durch das Netzwerk von Rocket Internet erleichtert, das auf vielen Märkten verfügbar ist. Räumlich musste das Start-up wegen des rasant gestiegenen Platzbedarfs das schützende Dach des Brutkastens von Rocket verlassen und hat ein Bürohaus an der Jägerstraße in Mitte bezogen.
Geschäftsmodell aus den USA
Der Markt der Online-Putzkräftevermittler ist umkämpft. Erfunden wurde die Idee wie so viele digitale Geschäftsmodelle in den USA. Als Pionier gilt Homejoy, welches das Geschäftsmodell seit 2012 erprobt hat und seit 2014 auch auf dem deutschen Markt aktiv ist. Der US-Erfolg rief Rocket Internet auf den Plan, wo im Januar 2014 Helpling gegründet wurde. Im April 2014 traten dann Claude Ritter und Nikita Fahrenholz mit Book a Tiger auf den Plan, zwei Serienerfinder, die 2011 den Essenslieferdienst Lieferheld erfunden haben.
Putzkräftevermittler stehen in der Tradtion des Onlinehandels, der sich zunächst auf Produkte beschränkte und dann auf Dienstleistungen erweiterte. „Wir sehen uns als Kurator und machen die Dienstleistung des Reinigens online standardisiert verfügbar“, sagt Benedikt Franke, der Helpling zusammen mit Philip Huffmann gegründet hat. Die neuen digitalen Marktplätze haben Gemeinsamkeiten mit der Wirtschaft des Teilens (Share Economy). Sie ist durch AirBnB (Unterkünfte) und Uber (Transportdienste) populär geworden.
Von Uber und AirBnb gelernt
Von Uber hat Helpling den mobilen Ansatz übernommen: Der Marktplatz ist als Smartphone-App verfügbar. Am globalen Erfolg von AirBnB hat Helpling gelernt, dass sich selbst ein so intimer Ort wie die eigene Wohnung für einen digitalen Marktplatz eignet. Dieses Geschäftsmodell hat das Interesse der Internetkonzerne geweckt. So hat Google mehrere Millionen Dollar in Homejoy investiert und auch Amazon plant Branchendiensten zufolge einen Online-Marktplatz für lokale Dienstleistungen.
Diese neuartigen Geschäftsmodelle harmonieren nicht immer mit den Gesetzen, die in der analogen Zeit vor der Erfindung des Internet geschrieben wurden. Insbesondere Uber setzt sich bekanntlich massiv über die Rechtslage hinweg. Doch das ficht Helpling nicht an. „Wir sind zu 100 Prozent gesetzeskonform“, sagt Unternehmenssprecher Philipp Hinz.
Ver.di fordert bezahlbaren Versicherungsschutz
Hauptkonkurrent von Helpling ist die Schwarzarbeit. Mehr als 90 Prozent aller Putzkräfte in Privathaushalten würden schwarz beschäftigt, zitiert Franke eine Studie des Deutschen Instituts der Wirtschaft. Sein Unternehmen biete diesen Menschen Rechtssicherheit. Zur Bezahlung der Reinigungskräfte sagt er, jede Reinigungskraft müsse für sich selbst entscheiden, ob sich die Arbeit lohne. Sein Marktplatz mache finanziell nur dann einen Sinn, wenn er für beide Seiten attraktiv sei.
Das sieht die Gewerkschaft anders: „Die zunehmende Solo-Selbständigkeit durch eine Arbeitsvermittlung über Internet-Plattformen bringt unsere Sozialversicherungssysteme in Gefahr“, sagt Nadine Müller von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Die Sozialversicherung müsse an die neuen Herausforderungen der digitalen Gesellschaft angepasst werden, damit Renten-, Kranken- und Sozialversicherung auch für gering entlohnte Selbständige bezahlbar bleiben – und sie somit tatsächlich abgesichert sind, insbesondere auch bei längerer Krankheit und für das Alter.




