Start-up-Szene Berlin

Eine Stadt für junge Unternehmen mit Zugkraft

| Lesedauer: 6 Minuten
Jürgen Stüber

Foto: Christian Kielmann

Einige Sterne des Berliner Start-up-Himmels sind verglüht, andere leuchten nun im globalen Gründer-Universum. Wer sich in der bewähren will, braucht gute Ideen und jede Menge Ausdauer

Berlin bietet ein kreatives Umfeld mit Underground-Kultur, Clubs und Freizeitangeboten. Das zieht Tausende junge Menschen aus aller Welt an. Sie kommen, um hier zu leben, zu feiern oder auch um zu studieren – darunter viele Gründer mit Ideen und dem Drang, Innovationen zu schaffen. So entstand in den vergangenen zehn Jahren eine Szene, die international immer mehr Beachtung findet. Start-ups sind das neue Markenzeichen von Berlin. Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Start-ups geben einen Einblick in die Vielfalt der Szene.

Anfang der 2010er-Jahre machte Berlin vor allem als Hipster-Metropole von sich reden, in der selbst Hollywood-Größen wie Ashton Kutcher gerne investierten – mit überwiegend geringem Erfolg. Start-ups wie Amen, Gidsy, Moped, Stylemarks sind in dieser Zeit entstanden – sie sind inzwischen Vergangenheit. Den meisten dieser ambitionierten Ideen ist es nicht gelungen, außerhalb des lokalen Ecosystems an Bedeutung zu gewinnen.

Haben Zukunft: Digitale Technologien für die Werbebranche

Gleichwohl gibt es in diesem Umfeld eine bemerkenswerte Neugründung: die Videochat-App TapTalk. Sie muss dem Netzwerk Facebook so gut gefallen haben, dass es seine eigene Foto-App Slingshot mit einer zum Verwechseln ähnlichen Funktionsweise und selbst mit einem Logo ausgestattet hat, das kaum vom Berliner Original zu unterscheiden ist.

Man braucht als Gründer schon sehr gute Ideen und Durchhaltevermögen, um in diesem schweren Fahrwasser nicht unterzugehen und Traktion zu behalten. Der Audiodienst SoundCloud (siehe Beisteller) hat das geschafft – und auch die Foto-App EyeEm, der Aufgabenplaner Wunderlist, die Fußball-App Onefootball und der Eventmarktplatz GetYourGuide gehören zu den wichtigsten Playern in diesem Cluster. Ihnen ist es gelungen, globale Märkte zu erobern.

Außerhalb des in Berlin überaus umsatzstarken Onlinehandels sind nur die wenigsten Gründer bei Geschäften mit digitalen Endverbrauchern (Business to Customer, abgekürzt: B2C) erfolgreich. Im Fokus der Start-up-Szene stehen längst Anwendungen für Geschäftskunden (Business to Business, abgekürzt: B2B): digitale Technologien für die Werbebranche zum Beispiel. Eine der Erfolgsgeschichten in diesem Gebiet ist das Start-up Sociomantic. Das 2009 gegründete Unternehmen galt lange Zeit als der verborgene Champion der Berliner Start-up-Szene. Es wurde im März 2014 für 175 bis 200 Millionen US-Dollar (126 bis 144 Millionen Euro) an das Marktforschungsunternehmen Dunnhumby aus London, eine Tochter der britischen Supermarktkette Tesco, verkauft.

Logistische Drehscheibe

Dieser Markt ist auch ein Standbein des Berliner Company Builders Project A, hinter dem die Otto-Gruppe und Axel Springer stehen: Metrigo, ein Spezialist für Echtzeitauktionen von Anzeigenplätzen auf Webseiten (Real Time Bidding) aus dem Project-A-Portfolio, wurde bereits verkauft. In die Start-ups Eyeota, Glow und Semasio hat Project A investiert. Project-A-Mitgründer Florian Heinemann sieht in dieser Branche ein zukünftiges Cluster der Berliner Start-up-Szene.

Berlin ist inzwischen auch die logistische Drehscheibe der Essenslieferdienste in Deutschland: Delivery Hero läuft sich nach der Übernahme von Pizza.de für einen möglichen Börsengang warm, Lieferando und Lieferservice haben sich unter dem Dach von TakeAway zusammengeschlossen und Foodpanda von Rocket Internet ist in aufstrebenden Märkten aktiv. Ein weiteres Cluster ist die boomende Spielebranche mit Wooga als Entwickler und Seven Games (früher: Aeria, ProSiebenSat.1-Gruppe) als Vermarkter erfolgreicher internationaler Games. Hinzu kommen diverse Marketingfirmen wie Ad2Games aus der Hitfox-Gruppe oder GameGenetics. Dass der Entwickler King eine Filiale in Berlin eröffnet hat und hier zwei Spiele entwickelt, spricht für die Bedeutung des Standortes. Auch der Spieleentwickler Kabam unterhält seit Ende 2013 ein Büro in Berlin. Einer Studie des Medienboards zufolge, stieg der Umsatz dieser Teilbranche in den vergangenen zehn Jahren um 125 Prozent, die Zahl der Beschäftigten um 148 Prozent.

Start-up-Acceleratoren bieten Dienste an

Digitale Finanzdienstleistungen spielten in Berlin bislang eher eine Rolle buchstäblich am Rande – mit der Ebay-Tochter PayPal in Dreilinden (zumal die Firma wegen des Firmensitzes in Luxemburg eigentlich kein Berliner Unternehmen ist). Rocket Internet setzte mit seinen Kreditmarktplätzen Lendico und Zencap erst sehr spät auf diesen Markt – nachdem es erfolgreiche internationale und kopierbare Vorbilder gab. Mit Payleven und SumUp verfügt Berlin aber über die führenden Anbieter mobiler Kreditkarten-Terminals. Hinzu kommen einige junge Start-ups, die sich auf dem Gebiet der Bargeld-Transaktionen (Cringle, Payfriendz), dem digitalen Girokonto (Avuba, Number26) und des Barzahlens in Onlineshops (Barzahlen, Klarna) versuchen.

Zu den aufgehenden Sternen am Berliner Start-up-Himmel könnten zwei Branchen werden: Hardware-Start-ups, die Produkte für das Internet der Dinge entwickeln und medizinische Start-ups.

Wer heute eine Idee hat, braucht sich um eine erste Finanzierung kaum mehr Sorgen zu machen. Einige Dutzend Start-up-Acceleratoren bieten in Berlin ihre Dienste an, um Gründern auf die Beine zu helfen. Auch erste Finanzierungsrunden im sechsstelligen Bereich sind zu stemmen. Kritisch bleibt die so genannte A-Runde, eine erste Unternehmensfinanzierung meist im siebenstelligen Bereich.

Wagniskapital braucht Erfolgsgeschichten

Das liegt weniger am verfügbaren Kapital als vielmehr an der Risikobereitschaft der Investoren. „Viele deutschen Milliardäre investieren in Venture Capital“, sagt ein Branchenexperte. Allerdings überwiegend in den USA. Denn dort ist der Schauplatz der Erfolgsgeschichten. Und Wagniskapital braucht Erfolgsgeschichten. Das erklärt, warum der millionenschwere Verkauf eines Start-ups (Exit) oder ein Börsengang (IPO) so wichtig wären für Berlin – zumal ein solches Ereignis eine Vielzahl Millionäre mit Start-up-Affinität und Investitionsbereitschaft erzeugen würde.

So lange müssen Berliner Gründer ihre Investoren in London, New York oder dem Silicon Valley suchen, was inzwischen ja auch ganz gut funktioniert. Jüngste Investitionsrunden im zweistelligen Millionenbereich mit Beteiligung der Investitionsbank Berlin zeigen das.