Gründerszene

Was machen eigentlich die Neuen? Und warum?

Start-ups sind die Orte, an denen aus frischen Ideen Wirklichkeit wird. Wir wollten von zehn Gründerteams wissen, wie sie auf ihre Geschäftsidee gekommen sind und welche Tricks sie für Nachahmer haben.

Foto: Christian Kielmann

Die einen wollen dem krankenden Gesundheitssystem auf die Sprünge helfen, die anderen Handys vor Hackern schützen und wieder andere ermöglichen es dem Internetsurfer, sein eigenes Bier zu brauen. Die Visionen in der Start-ups-Szene sind zahlreich, die Wege hinein auch. Susanne Hörr hat mit den Neuen geredet, wollte wissen wer sie sind, was sie wollen und wen sie brauchen. Fünf Fragen an zehn Start-ups.

Die Therapie-Begleiter: Arya

(Kristina Wilms, Purcy Marte)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Wir möchten Menschen, die unter einer psychischen Störung leiden, dazu befähigen ihr Leben wieder in eigene Hände zu nehmen und den Heilungsprozess begleiten. Dies geschieht einerseits durch mobile Tools, um die Behandlung zu verbessern. Andererseits gehen wir gegen die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen vor, indem wir einen offenen Dialog schaffen.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Ich (Kristina Wilms) selber lebe seit Jahren mit einer Depression. Während meiner Therapie musste ich meine Verhaltensmuster auf Din-A4-Zettel täglich festhalten – ich habe dies als zusätzliche Belastung empfunden. Ich habe mir gedacht: "Das muss doch auch anders gehen", das war im Oktober 2013.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Zu uns passen Menschen, die authentisch sind. Da wir unsere Produkte in Zusammenarbeit mit Therapeuten und Patienten entwickeln, sind wir immer auf der Suche nach Testpersonen. Auch Unterstützung im Online-Community-Management wäre schön.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Ich habe nach meinem BWL-, Kunst- und Philosophie-Studium in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Wegen der Depression musste ich mein Studium abbrechen und habe dann Tanztherapie studiert.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Hold the vision, trust the process.

Die Cash-Ermöglicher: Barzahlen

(Achim Boensch, Florian Swoboda, Sebastian Seifert)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Mit Barzahlen.de kann man Einkäufe bei über 7500 Online-Shops mit Bargeld bezahlen. Der Kunde muss online keine sensiblen Finanzdaten angeben und bekommt bei Abschluss der Bestellung einen Zahlschein, den er in allen Dm-drogerie-Märkten, Real-Supermärkten, Telekom-Shops und mobilcom-debitel-Filialen mit Bargeld bezahlen kann. Der Online-Shop verschickt dann sofort das Produkt.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Die Bezahlung von Online-Bestellungen stellt für viele Menschen ein Hindernis dar, da zwei von drei Deutschen keine Kreditkarte besitzen, mehr als die Hälfte kein Online-Banking nutzt und die Menschen große Sicherheitsbedenken bei der Online-Eingabe ihrer Kontodaten hegen. Hier bieten wir seit Anfang 2013 eine sichere, für jeden nutzbare Alternative.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Wir sind immer auf der Suche nach Leuten, die unser Team gut ergänzen und bieten auch Schülern und Studenten gern die Möglichkeit, einmal Start-up-Luft zu schnuppern und Teil des Barzahlen-Teams zu werden.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Bevor es uns gereizt hat, selber ein Unternehmen zu gründen, haben wir verschiedene Stationen in Unternehmensberatungen, Investmentbanken und auch Start-ups durchlaufen. Außerdem haben wir gemeinsam studiert.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Neugründer sollten zuerst den Mut haben, anzufangen und sich voll und ganz auf ihre Gründung zu konzentrieren. Man braucht eine gute Idee, die die Nutzer begeistert, und die Kraft, auch in schwierigen Situationen durchzuhalten.

Die Lego-Vermieter: Bauduu

(Lea-Maria und Patrick Zimmermann)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Unser Start-up verleiht Legosteine. Denn: Die Konsumgesellschaft ist in unseren Kinderzimmer angekommen. Die Halbwertzeit von Spielzeug ist gering und Kinder haben ein großes Bedürfnis nach immer Neuem. Diese Entwicklung verursacht hohe Kosten, die wir vermeiden wollen.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Die Idee ist im Alltag entstanden. Wir haben einen fünfjährigen Sohn, der viel zu viel Spielzeug hat und mit diesem nur sporadisch spielt. Die Lego-Sets zum Beispiel baut er einmal auf – oder es fehlen nach kurzer Zeit Bausteine. Jetzt geht er ins Büro, leiht sich ein Set aus und bringt es zurück.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? In unser Team passen Menschen, bei denen sich alles um Lego dreht und denen Kundenzufriedenheit wichtig ist. Es muss penibel geprüft werden, ob die Sets vollständig sind. Fehler passieren, aber die Quote muss gering sein.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Patrick Zimmermann ist Softwareentwickler und bereits mit einer anderen Firma für Internetmarketing erfolgreich. Lea-Maria Zimmermann hat neben der Kindererziehung das Studium beendet und als Controllerin und Buchhalterin gearbeitet. Tizian Zimmermann (5 Jahre) hat keinerlei Berufserfahrung, macht dies aber mit einem ausgeprägten Spieltrieb wett.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Es hat mal jemand zu uns gesagt: "Wenn du an dein Projekt nicht glaubst, brauchst du gar nicht erst anzufangen". Das stimmt.

Die Online-Brauer: Bierzuliebe

(Thomas Kredatus, Mario Marinoff, Holger Wirtz)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Selbst Braumeister sein und bestimmen, wie herb das eigene Bier schmeckt oder wie viel Alkohol drin ist – Bierzuliebe macht's möglich. Das Lieblingsbier wird dabei ganz einfach online mit einem Konfigurator "gebraut" – bei einer Mindestbestellmenge von drei Flaschen und einer Lieferzeit von einer Woche.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Die grundsätzliche Idee für individuelles Bier brachte Holger aus einem Familienurlaub auf Djerba im Herbst 2012 mit. Da wir alle leidenschaftliche Biertrinker sind und auf der Suche nach einem qualitativ hochwertigen, frischen Bier nach unserem Geschmack waren, wurde aus der ersten Idee schnell unser Start-up Bierzuliebe geboren.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Wir sind zurzeit zu dritt, werden aber kurzfristig zur Abwicklung unserer Aufträge Unterstützung benötigen. Vielseitig einsetzbare, flexible, engagierte Mitstreiter sind sehr willkommen!

4. Was haben Sie vorher gemacht? Mario hat Biotechnologie, Vertiefungsrichtung Brauwesen studiert. Thomas und Holger sind Unternehmer mit umfassender operativer Erfahrung in leitenden Funktionen in der Industrie sowie im Private Equity-Umfeld.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Die Arbeit beginnt nach dem Launch erst richtig und ist ein Auf und Ab – daher feiert jeden kleinen Erfolg.

Die Routenplaner: GoEuro

(Naren Shaam)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Mit einer einzigen Suche werden auf GoEuro Bus-, Bahn- und Flugzeug-Verbindungen transparent und länderübergreifend verglichen und kombiniert. Derzeit decken wir Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien und die Benelux-Länder vollständig ab. Weitere Länder folgen, bis Reiserouten in ganz Europa abrufbar sind.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Ich, Naren Shaam, CEO und Gründer von GoEuro, habe nach meinem Studium in den USA eine Europareise durch zig Länder unternommen und dabei festgestellt, wie nervig es ist, als Ausländer die passenden Reiseinformationen zu finden.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Unser Team besteht aus über 60 Leuten aus 23 Ländern. Wir freuen uns stets über internationalen Zuwachs in allen Bereichen: Marketing, PR und natürlich auch Technik.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Ich stamme ursprünglich aus Bangalore (Indien), habe in Harvard studiert und in der Auto- und Finanzindustrie in den USA gearbeitet.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Hart arbeiten und auch bei Rückschlägen nicht aufgeben. Es geht weniger um die eine großartige Idee, sondern um das Team, das sie umsetzt. Besonders das Anfangsteam ist entscheidend, um Investoren zu überzeugen und um bei Startschwierigkeiten an einem Strang zu ziehen.

Die Kundenfinder: Implisense

(André Bergholz, Hannes Korte, Andreas Schäfer)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Wir prognostizieren Ihre nächsten Kunden. Dieses Angebot richtet sich an Unternehmen im Firmenkundengeschäft (B2B). Dafür analysieren wir Dokumente zu Firmen aus dem Internet, um neue Geschäftschancen bei Neu- und Bestandskunden zu entdecken. Der Vertrieb kann so Geschäftschancen realisieren, bevor diese im Markt bekannt sind.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Andreas Schäfer hat viele Jahre in der Geschäftsentwicklung bei Fraunhofer gearbeitet und sich immer gefragt, ob nicht die Vorhersage neuer Geschäftschancen dank Big Data möglich ist. Hannes Korte und André Bergholz hatten dafür eine überzeugende Antwort. 2011 entstand die Geschäftsidee von Implisense.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Das Team wurde gerade um drei Personen verstärkt. Schwerpunkte liegen in der Softwareentwicklung und im Lösungsvertrieb. In diesen Bereichen werden wir auch künftig Erweiterungen des Teams vornehmen. Bis Ende des Jahres sind wir aber gut aufgestellt.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Das Gründerteam besteht durchweg aus ehemaligen wissenschaftliche Mitarbeitern der angewandten Forschung. Unser Know-how wurde unter anderem bei Xerox Research, Stanford und Fraunhofer aufgebaut. Die technologische Basis stammt primär aus den Bereichen Verteilte Datenbanken, Maschinellem Lernen und Suchmaschinen – die Themen, die im Kontext von Big Data so wichtig wurden.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Substanzielles Know-how aufbauen, große ungelöste Branchenprobleme erkennen, eine innovative Lösung entwerfen und umsatznah entwickeln – all das ist wichtig für eine erfolgreiche Gründung.

Die Online-Ärzte: Medexo

(Jan-Christoph Loh)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Deutschland ist Weltmeister im Operieren. Studien verschiedener Institutionen und Krankenversicherungen in Deutschland besagen, dass bis zu 87 Prozent der planbaren Eingriffe unnötig sind. Medexo bietet dem Patienten deshalb die Möglichkeit, eine qualifizierte, umfassende medizinische Zweitmeinung in einem telemedizinischen Verfahren von zu Hause aus einzuholen.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Immer mehr unnötige Operationen und damit verbundene Zweitmeinungsanfragen bewegten Professor Hans Pässler 2011 zur Gründung des Portals "Vorsicht!Operation", das nach Neugründung und Neuentwicklung nun von uns weitergeführt wird.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Wir suchen nach jungen und motivierten Menschen, die unsere Begeisterung und Vision im Umbruch der Medizin teilen. Hierfür braucht man medizinische Koryphäen genauso wie begeisterte Jungunternehmer mit guter Auffassungsgabe, Marketing- oder IT-Skills, Innovationsgeist und Spontaneität.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Ich habe in einer Abteilung für Gefäß-, Thorax- und plastische Chirurgie meine Facharztausbildung vorangebracht, nachdem ich die chirurgische Grundausbildung an der Charité beendet hatte.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Echter Mehrwert für den Endkunden zählt! Ehrgeiz ist im Entrepreneurship eine dringende Voraussetzung, Geduld und Ausdauer sind gefragt. Erfolg ist keine Voraussetzung und muss wie überall sonst auch hart erarbeitet werden.

Die Möbel-Designer: Puzzles

(Julian Bäßler, Phillip McRae, Michael Marquardt, Thomas Poddey, Sina Rittereiser, Ilja Weber)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Wir bieten flexible Designmöbel für jung gebliebene Menschen an. Die Kunden können diese ohne Werkzeug "zusammenpuzzeln" und immer wieder modular erweitern oder neu zusammenstellen. Unser Sortiment umfasst derzeit drei Möbelstücke mit Magnetsteckverbindungen.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Die Idee kam uns während der Studienzeit. Bei den ersten Umzügen ärgerten wir uns darüber, dass die Möbel schon nach dem zweiten Aufbau ausleierten. Wir haben dann zunächst ein Bett mit einer verschleißfreien Magnetsteckverbindung entwickelt und im Laufe der Zeit festgestellt, dass sich diese und ähnliche Verbindungen auch sehr gut für individualisierbare und erweiterbare Möbelsysteme eignen.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Wir suchen vor allem im Bereich Marketing und Vertrieb nach kommunikativen, kreativen Leuten, die es wie wir lieben unkonventionell zu denken.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Wir haben studiert oder studieren teilweise noch: Julian und Ilja machen ihren Master in Wirtschaftsingenieurwesen, Phillip studiert Bauingenieurwesen, Sina Geographie, Michael hat Maschinenbau und Thomas hat Produktion und Logistik studiert.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Geht raus aus eurer Entwicklungshöhle! Holt euch das Feedback von Kunden und Experten, um euer Produkt zu verbessern, aber vergesst dabei nicht die Ratschläge mit eurem eigenen Verstand zu beurteilen.

Die Video-Botschafter: Exploqii

(Christine Kipke, Detlev Weise)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? "exploqii" ist spezialisiert auf die Realisierung von Erklärvideos zur Produkt- und Servicekommunikation und weitere Anwendungsbereiche wie E-Learning, Change Management und Corporate Guidelines.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Beide Gründer sind seit langem in der Video- und Kommunikationsszene aktiv und haben in den letzten Jahren junge Video-Produktionsunternehmen erfolgreich durch Wachstumsprozesse und Internationalisierungen geführt. Anfang 2014 haben sie "exploqii" gegründet.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? Unser internationales Team bildet schon jetzt einen exklusiven Wissens- und Servicepool für die Visualisierung komplexer Sachverhalte. Aktuell sind wir 14 Personen. Gute Leute sind aber immer gefragt.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Beide Gründer verfügen nicht nur über spezielle Expertise aus dem Kommunikations- und Video-Sektor, sondern beherrschen Sales, Marketing und das Management von Wachstumsprozessen.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Besser mal etwas Ausprobieren als zu lange analysieren. Fehler in Kauf nehmen und daraus lernen. Und: nicht die ersten Erfolge als den gegebenen Standard für die künftige Erwartungshaltung definieren. Erfolg muss man sich immer wieder neu verdienen.

Die Sicherheits-Entwickler: trust2core

(Melanie Götze, Christoph Peylo)

1. Welche Idee steckt hinter Ihrem Start-up? Unser Ziel ist es, Computer – insbesondere mobile Geräte – sicherer zu machen. Die Systeme sind auf Performanz und Kostenoptimierung gebaut, Sicherheitsüberlegungen spielen eine untergeordnete Rolle. Wir ändern die Softwarearchitektur von Systemen – sozusagen "designed in security". Dafür braucht man keine spezielle Hardware, die Software muss quasi als neues Betriebssystem installiert werden.

2. Wie sind Sie darauf gekommen, wann und wo? Die Idee stammt aus den Innovation Laboratories der Deutschen Telekom, und der Uni Dresden. Professor Seifert von der TU Berlin hat sich damit beschäftigt, wie man Mobiltelefone besser vor Angriffen schützen kann. Als die Idee Marktreife erlangt hatte, wurde T2C gegründet.

3. Wer passt in Ihr Team? Suchen Sie noch Leute? T2C beschäftigt vorwiegend Software-Entwickler im Embedded-Systems-Bereich. Sofern Sie Kenntnisse in Systemprogrammierung und den Programmiersprachen C und C++ mitbringen, sind die Chancen groß, bei T2C eine Anstellung zu finden.

4. Was haben Sie vorher gemacht? Christoph Peylo war bei den Telekom-Innovation-Laboratories und hat dort bereits an der Entstehung der Technologie mitgewirkt, Melanie Götze hat vorher bei einem re-commerce Unternehmen in Berlin gearbeitet.

5. Ihr Tipp für Neugründer? Die Idee muss marktfähig sein. Zudem benötigt ihr Ausdauer und den echten Willen zum Erfolg. Wer bereits auf Sparflamme startet, wird eher scheitern.

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