Ökonomischer Wandel

Wendige Echsen im Reich der Seeelefanten

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Hörr

Start-ups sind die Echsen unter den Akteuren der modernen Wirtschaft – agil und schnell. Klassische Unternehmen kommen bisweilen so träge wie Seeelefanten daher. Ein Gespräch über Wandel und Werte

Als Gründerin des betahaus Hamburg bewegt sich Lena Schiller Clausen im Ökosystem der Start-ups. Hier begegnet sie Menschen, die eine prekäre Lebenssituation der soliden Altersvorsorge vorziehen und ist fasziniert von deren innovativer Kraft, die in klassischen Unternehmen häufig fehlt. Daher schlägt sie heute mit Ignore Gravity Brücken zwischen diesen Welten. Die 33-Jährige sprach mit Susanne Hörr darüber, wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern.

Berliner Morgenpost: Ihr Buch heißt „New Business Order“. Wie sieht diese aus?

Lena Schiller Clausen: Im Grunde ist unser Buchtitel in zwei Richtungen zu verstehen: Einerseits verändern Start-ups die Gesellschaft, andererseits sind sie Ausdruck der Veränderung, die bereits stattgefunden hat. Das Internet hat unsere Art, die Welt zu denken, umgewandelt: Vernetzung lautet das Stichwort. Die Generation Y will anders arbeiten: vernetzt, projektorientiert, technologiebasiert. Wenn sie diese Form des Arbeitens bei klassischen Unternehmen nicht findet, kreiert sie ihren eigenen Arbeitsplatz. Durch Vernetzung müssen Start-ups nicht mehr alles selbst machen und sich zu einem riesigen Konstrukt aufblasen, damit sie weltweit agieren können. Vorgemacht hat das Günter Faltin mit seiner Teekampagne: Er arbeitet mit Lieferanten und Dienstleistern weltumspannend zusammen – und hält so sein Unternehmen schlank und beweglich.

Heißt das: Wendige Start-up-Echsen entern jetzt die Wirtschaftswelt der Konzern-Seeelefanten?

In einem Prozess, wo die Großen immer größer werden, entstehen Nischen im Markt, in die die Start-ups strömen: die Eintrittshürden sind leichter, die Transaktionskosten sind gesunken. Durch diese Agilität klauen sie den Großen Marktanteile – oder um in der Metaphorik zu bleiben – fressen den Seeelefanten die Fische weg. Für sie ist es gar nicht so einfach, schnell zu agieren, weil sie viel Masse bewegen müssen. Dazu gehört sehr viel Energie.

Wodurch zeichnen sich die Start-ups noch aus?

Start-ups sind in der Regel mit ihren Produkten sehr viel näher am Markt, da ihre Abhängigkeit von ihm höher ist als bei großen Unternehmen. Stichwort „Externe Einflussnahme“: Wo die Großen ihre Umwelt über Lobbyarbeit oder Marketingbudgets verändern können, müssen die Kleinen ihre Nische suchen und genau beobachten, was der Markt braucht. Bei Start-ups sind außerdem interne Ressourcen knapp: Da, wo Geld, Wissen und Menschen chronisch fehlen, gibt es ein viel größeres Bedürfnis sich schnell weiterzuentwickeln und zu lernen. In einem Start-up hat man in der Regel keine formalisierte Hierarchie, sondern eher eine dynamische. Die Aufgaben, die Ziele und auch der Zeitpunkt bestimmen, wer gerade das Sagen hat – sei es der Entwickler oder der PR-Profi. Auf der Werteebene herrscht sehr viel mehr Offenheit, Gleichberechtigung und Vertrauen. Gerade in dem Punkt, Wissen zu teilen, unterscheiden sie sich stark von der Seite der Seeelefanten – das weiß jeder, der in einem großen Unternehmen gearbeitet hat, wo oft mit Informationen hinter dem Berg gehalten wird. Für ein Start-up würde es den Tod bedeuten, seine Ideen nicht zu erzählen.

Können die Echsen auch von den Seeelefanten lernen?

Klar! Große Unternehmen arbeiten effizient, professionalisiert und durchdringen den Markt. Wenn sie nicht so gut aufgestellt wären, könnten wir nicht Zug fahren, stabile Häuser bauen oder über anständige Brücken fahren. Letztlich müssen beide Seiten voneinander lernen.

Wie können beiden Welten zusammenfinden?

Leider versuchen große Unternehmen häufig, Start-ups zu 100 Prozent zu schlucken, anstatt nur den Arm auszustrecken – mit einer Minderheitsbeteiligung zum Beispiel. Ein Beispiel ist Yahoo, die FlickR aufgekauft haben. Da sind wir wieder bei den Seeelefanten: Sie schlucken das Ganze, zermahlen es, indem sie versuchen, alles an ihre Prozesse anzupassen. Und dann wundern sie sich, warum nachher nichts mehr da ist. Letztlich müssen die Menschen zueinander finden. Die Berührungsängste sind groß: Die einen werden wahrgenommen wie die Zeitdiebe bei Momo – grauer Anzug, unbeweglich, auf Effizienz fixiert. Auf der anderen Seite: junge Menschen, die als hierarchieabtrünnig und faul gesehen werden. Um diese Vorbehalte zu knacken, braucht es sogenannte dritte Orte: Coworking Spaces, Konferenzen, Barcamps...

Wie geht die Evolution weiter?

Es wird größere Vielfalt geben. Dem Klassischen werden Alternativen zur Seite gestellt. Start-ups sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilung unserer Wirtschaft. Es kann sein, dass sie sich zu einer klassischen Firma mausern – wie sie sie einst doof fanden. Das ist richtig so: Man kann nicht ewig in der Pubertät hängenbleiben, irgendwann geht einem die Energie aus, ständig schlechte Laune zu haben.