Irgendwie will die Graffiti-Wand nicht so recht ins Bild passen: „Zensur-Lutschpuppen“, „forever – all together“, „war shit“ steht da mit knallroten, ungelenken Buchstaben. Vor der Wand, auf den Holzpaletten mit den grauen Sitzkissen, hocken die 20 Studierenden der Mailänder Elite-Uni Bocconi – eine Institution, mit der man eher marmorne Hallen von Investmentbanken oder holzvertäfelte Konferenzräume von Beratungsfirmen verbindet.
Denn dort landen normalerweise ihre Absolventen – und nicht in Büroräumen, wo Tischtennisplatten und Kicker zum festen Inventar gehören. Die sind Teil einer anderen Welt: die der Berliner Gründerszene. Für drei Tage haben die 20 jungen Leute Mailand den Rücken gekehrt, um Start-up-Luft zu schnuppern.
„Wir wollen den anderen zeigen, dass Deutschland eben nicht nur der ‚Spardikator‘ Europas ist, sondern auch Inspirationsquelle“, sagt Jason Reich (21) während er die Tür von Axel-Springer Plug & Play und den bunten Graffiti-Wänden hinter sich zufallen lässt, der vierten Station an diesem Tag.
Mut machen
Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Marco Eylert (22) hat er die „BSET – Berlin Start-up Tour“ organisiert, nicht nur um die deutsch-italienischen Beziehungen wieder auf Vordermann zu bringen, sondern auch um den anderen Bocconianern Mut zu machen.
Denn die italienische Wirtschaft dümpelt vor sich hin, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent und sogar BWL-er müssen sich in Italien an unbezahlte Praktika gewöhnen. Gemeinsam wollen sie herausfinden, was es ist, das Berlin als europäische Hauptstadt der Start-ups so stark macht – und ob sie etwas von diesem Unternehmergeist mit nach Italien nehmen können.
Die Idee der beiden Deutschen wurde begeistert aufgenommen. Über 200 Bewerbungen landeten in ihrem Postfach. Nicht nur Deutsche und Italiener sind dabei, auch aus den USA, Litauen oder Serbien stammen einige der Teilnehmer.
Alternativen zur Pizzeria
Manche von ihnen machen gerade ihren Bachelor oder Master, andere sind im MBA-Programm eingeschrieben – aber wohl alle wollen sie die Worte von Flavio Briatore schnell vergessen. Bei einem Besuch an der Bocconi gab der Formel 1-Unternehmer allen Gründungswilligen einen Rat: „Macht lieber eine Pizzeria auf, dann habt ihr wenigstens noch etwas zu essen, falls es schief geht.“
Es sind nicht nur Worte, es ist die Stimmung, die momentan in Italien vorherrscht. „Die Gesellschaftsstrukturen sind starr, alles wirkt statisch und verschlossen, es gibt keine Dynamik und junge Leute werden nicht ernst genommen.
Da ist es schwierig, etwas aufzubauen“, beschreibt Marco Eylert die Situation südlich der Alpen. Dabei braucht es Mut zum Risiko. „Du musst scheitern! Ich kann allen nur raten, dass sie das Gründen schon an der Universität ausprobieren sollten. Dort kann man besser scheitern“, sagt der Teilnehmer Tomas Pusnovas und stellt sich mit einem festen Händedruck vor.
Live von der Messe
Vor etwa einem Jahr hat der Litauer sein eigenes Start-up „Fairhelper“ gegründet, das Echtzeitübertragung von Messen anbietet. Nun möchte er expandieren. Neben London und Moskau steht auch Berlin auf seiner Liste. Als er von der Start-up-Tour erfuhr, hat er sich sofort beworben, um den hiesigen Markt besser sondieren zu können.
Die 20 Studierenden statten in ihren drei Tagen in Berlin nicht nur den Gründern von Start-ups wie der HitFox Group und Outfittery einen Besuch ab. Auf dem Programm stehen mit verschiedenen Inkubatoren, Investoren und Acceleratoren auch jene, die jungen Gründern auf die Füße helfen. Zu ihnen gehört auch „Rocket Internet“.
Der Inkubator widmet sich der Neugründung von Start-ups, wobei er vor allem auf Internetseiten setzt, die bereits ein internationales Vorbild aufweisen können.
Mit Ideen im Gepäck
Auf der große Terrasse im fünften Stock des Rocket Internet-Gebäudes in Berlin-Mitte beugen sich zwei Mitarbeiter über den Rechner und diskutieren angeregt. Sie sitzen hier, „weil sie ins Konzept passen“. Es ist einer der Tipps, die der Group Managing Director Alexander Kudlich den jungen Bocconianern mit auf den Weg gibt: „Stell die Leute an, die wie du sind.“ Bei Rocket Internet seien das schnelle, analytische und toughe Menschen.
Ausführlich erläutert er den Studiernden das Konzept des Unternehmens, das rund um den Globus Dependancen hat. Das Gespräch ist locker, Visitenkarten werden ausgetauscht und kurze Zeit später plaudern alle angeregt beim „informal Get-Together“ auf der Terrasse – das Bier in der Hand, den Berliner Sonnenuntergang im Rücken.
Es ist die Atmosphäre, die die 20 jungen Leute gerne zurück nach Mailand genommen hätten. Sie sind fasziniert von dem großen Netzwerk, das die Berliner Start-up-Gemeinschaft bildet. „Uns hat die Offenheit der Leute überrascht. Sie tauschen sich aus und reden offen über ihre Schwierigkeiten und Ideen – ohne Geheimniskrämerei“, rekapituliert Marco Eylert das „Berliner Modell“, wieder zurück in Mailand am Telefon.
Schwungvoll und mit guten Ideen
Sie seien in Berlin auf Menschen gestoßen, die schon viel in der Welt herumgekommen sind. „Sie bringen Schwung und gute Ideen mit, in so einer Umgebung kann ein ganz anderes Denken gedeihen.“ Marco Eylert jedoch ist skeptisch, ob sich das Berliner Modell nach Mailand exportieren lässt: Viele seiner Kommilitonen kehren Italien nach dem Studium den Rücken. Marco Eylert auch. Er kommt nach Berlin.

