Studie

Warum Gründen in Berlin schwerer als in anderen Städten ist

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Jürgen Stüber

Foto: Andrew Olney / Getty Images/OJO Images RF

Bessere Startbedingungen für Gründer in der digitalen Wirtschaft fordert eine Studie. Doch der Aufbau einer koordinierenden Anlaufstelle durch das Land Berlin kommt nur schleppend voran.

Die geplante Gründer-Unit hat Startprobleme. Die zentrale, koordinierende Anlaufstelle (im Jargon: Delivery Unit) soll die digitale Wirtschaft der Hauptstadt nach Londoner Vorbild nach vorne bringen und bessere Rahmenbedingungen für die Gründung neuer Unternehmen schaffen. Doch über die Ankündigung ist das Projekt bisher nicht hinausgekommen.

Die Unternehmensberatung McKinsey hatte die Anlaufstelle im Oktober 2013 angeregt. Damals konnte es mit dem behördenübergreifenden Projekt nicht schnell genug gehen. Das erste Quartal 2014 wurde als Starttermin angekündigt. Inzwischen ist das Jahr halb vorüber, und außer Debatten hinter verschlossenen Türen ist wenig passiert. Die Beteiligten schweigen in der Öffentlichkeit. Dazu haben sie offenbar einen guten Grund. Wie zu hören ist, streiten sie sich um Geld und Kompetenzen.

Die zentrale Frage der Unit ist ihre Verwaltungsnähe: Der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte den Stadtvermarkter Berlin Partner als federführende Organisation für das Projekt auserkoren (und nicht die thematisch zuständige Verwaltung von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer, CDU). Berlin Partner hatte die Aufgabe, die Beteiligten an einen Tisch zu bringen und zu moderieren.

Initiativen in Vorbereitung

Wie weit der Vermarkter damit ist, lässt sich schwer sagen. Offiziell heißt es: „Die Unit mit Geschäftsstelle bei Berlin Partner konstituiert sich gerade und bereitet Initiativen zur Weiterentwicklung der Gründermetropole Berlin vor. Dieser Prozess wird zum Ende der Sommerpause abgeschlossen sein.“

Die Senatskanzlei und die Industrie- und Handelskammer (IHK) schweigen lieber zum Stand der Dinge. Vor acht Monaten hatte es in der Senatskanzlei noch geheißen, die Unit solle „zeitnah starten“ und man registriere „eine große Lust am Mitgestalten“, wie Planungschef Thomas Letz damals sagte.

Diese Lust könnte einigen Beteiligten vergangen sein. Wie zu hören ist, wird man sich wohl auf eine Minimallösung verständigen. Im Kern werde es bei Berlin Partner eine Geschäftsstelle für die Digitale Wirtschaft unter Leitung von Christian Herzog geben, heißt es. Strategische Entscheidungen sollen dem Vernehmen nach Personen im Umfeld der Geschäftsstelle treffen. Das könnten Mitglieder von Senatsverwaltungen und Senatskanzlei, IHK und Investitionsbank Berlin (IBB) sein. Weitere Beteiligte – Verbände, Organisationen, Interessengruppen – sollen diese Gruppe beraten.

Fünf zentrale Projekte

Von der durch ihre Verwaltungsferne durchsetzungsstarken Anlaufstelle nach Londoner Vorbild, wie McKinsey sie vorgeschlagen hatte, ist man in Berlin weit entfernt. Ob sich dieses zwiebelförmige Gebilde zu Entscheidungen durchringen kann, die den Innovationsstandort Berlin nach vorne bringen, muss sich zeigen. Projekte gibt es genug. Neben der zentralen Anlaufstelle schlug McKinsey im vergangenen Jahr fünf vor:

- einen Gründercampus (dafür brachte Wowereit bereits Flughafengebäude in Tempelhof ins Gespräch, die die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH verwaltet),

- einen mehrsprachigen, zentralen Anlaufpunkt für ausländische Gründer (die Industrie- und Handelskammer ist hier mit ihrem Welcome Center im Ludwig-Erhard-Haus schon aktiv),

- Gründermentalität soll in die Hochschulen getragen werden (ein erster Ansatz ist der Businessplan-Wettbewerb der IBB),

- ein mit 100 Millionen Euro ausgestatteter Start-up-Fonds für die Wachstumsfinanzierung digitaler Unternehmen (die IBB hat bereits einen gleich großen Fonds für die Finanzierung sehr junger Unternehmen aufgelegt, der aber nur Beträge bis drei Millionen Euro inklusive Folgefinanzierungen ausschütten darf),

- eine Taskforce, die etablierte und junge Unternehmen zusammenbringt.

Umstrittenes Fondskonzept

Das neben den Kompetenzen der Unit spannendste Thema dürfte der geplante Wagniskapitalfonds werden. Der Gründer des Start-up-Campus Factory, Simon Schäfer, etwa widersprach einem Bericht des Branchendienstes „Gründerszene“, er sei mit dem Aufbau und der Verwaltung dieses Fonds beauftragt.

Wie es in der McKinsey-Studie heißt, soll ein Fondsmanager gefunden werden – „idealerweise ein bekannter Venture Capitalist“ (Wagniskapital, VC). Seine Aufgabe ist, Unternehmen zu finden, die in den Fonds einzahlen.

Der Aufbau dieses Berlin-Fonds dürfte nicht einfach werden, denn internationale VC wollen in Projekte investieren. Für sie steht das Thema im Mitelpunkt. Der Ort sei zweitrangig, sagt ein führender Berliner Bankier, der nicht genannt werden will. Jüngste Investitionsrunden im zweistelligen Millionenbereich zeigten, dass internationales Kapital bereits verstärkt seinen Weg nach Berlin finde. Oft schließen sich lokale und internationale Financiers zusammen. Gleichwohl sei jeder neue Fonds für die digitale Wirtschaft von Vorteil.

Pläne für Tempelhof

Eine weitere offene Frage ist die des Campus. Inzwischen hat die Factory mit 16.000 Quadratmetern Nutzfläche eröffnet. Die Macher des Kater Holzig planen in Friedrichshain den Kreativ-Campus Eckwerk mit bis zu 17.500 Quadratmeter Gewerbeflächen. Und dann sind da noch die von Wowereit favorisierten Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof (22.000 Quadratmeter). Sie sind denkmalgeschützt und müssen für mehr als 20 Millionen Euro saniert werden.

Derweil wirbt das Berliner Vorbild, die Tech City Investment Organisation (TCIO), für den Standort London: etwa mit einem Wettbewerb der Regierung, der Erfindungen für das Internet der Dinge mit einer Million Pfund (1,3 Millionen Euro) dotiert und mit Visa für IT-Talente aus dem Ausland. Die TCIO hat unter der Leitung erfahrener Unternehmensgründer dazu beigetragen, dass sich die Zahl der Start-ups im Großraum London seit ihrer Gründung 2011 um 700 auf 1300 erhöht hat, dass Kapital in die Stadt kam und Unternehmen wachsen konnten.